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Entspannen nach der Arbeit Ballermann für Banker

 ·  Feierabend, raus aus dem Büro. Aber wohin? Die Redaktion von „Beruf und Chance“ testet Freizeitmöglichkeiten für Berufstätige. Letzter Teil: After-work-Party.

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Ich bin müde. Sehr müde. Mein Kaffeekonsum ist dank meines neuen Ausgleichs zum Beruf simultan zu den dunklen Ringen unter meinen Augen gewachsen. Durch After-work-Partys wollte ich ausspannen und abschalten vom Arbeitsalltag. Jetzt verfolgt mich dieser neue Ausgleich in Form von immenser Müdigkeit bis ins Büro. Vor lauter Feiern nach Feierabend fallen mir vor dem Bildschirm fast die Augen zu. Dabei fingen die After-work-Party-Abende für mich eigentlich wenig anstrengend an.

Denn im Gegensatz zu meinen sonst so frauentypischen Überlegungen vorm Ausgehen – „Was ziehe ich bloß an?“ – ist der Vorteil einer Feier, die direkt nach der Arbeit stattfindet, dass diese Frage hinfällig wird. Angezogen wird, was schon während der Arbeit getragen wurde. Und solange man von Beruf nicht Bauarbeiter, Koch oder Fußballprofi ist, kann man sich direkt in Arbeitskleidung auf eine der „Banker-and-Brokers-Partys“ begeben. Dass einige Gäste doch noch einen Kleidungswechsel auf der Bürotoilette eingeschoben haben oder gar nicht erst vom Schreibtisch, sondern direkt vom heimischen Spiegel kommen, wird mir aber recht schnell klar. Dafür sind die Röcke zu kurz und die Anzüge zu schlecht geschnitten. Im Kreise von Bankern, Börsenhändlern und den weiblichen Pendants entdecke ich so die Turnschuhträgerin wieder, die sich in der S-Bahn neben mir noch in einen Kapuzenoberteil hüllte. Mittlerweile trägt sie aber hohe Schuhe und ein enges Kostüm. Es erinnert mich ein bisschen an Karneval, nur, dass sich alle für die gleiche Verkleidung entschieden haben: „Heute gehe ich mal als Geschäftsmann mit hohem vierstelligen Monatsgehalt.“

Und, wie sich an Karneval das Problem stellt, den echten vom falschen Polizisten zu unterscheiden, kommt auf den After-work-Partys die Frage auf nach der wahren Beschäftigung des Gegenübers. Statt Identifizierung durch den Dienstausweis beobachte ich, dass Ausweisen beim Feiern nach Feierabend mit der Schilderung diverser Berufskenntnisse funktioniert. Denn auch die bemühteste Friseurin kann Hedge-Fonds und Hebeleffekt nicht so gut erklären wie eine echte Finanzkauffrau. Dafür hat die wahrscheinlich auch keine Ahnung, welche Form von Wasserstoffsuperoxyd ihr beim regelmäßigen Blondieren auf den Kopf geschmiert wird. Ich jedenfalls werde von sämtlichen Gesprächspartnern immer nach meinem Beruf gefragt und sobald ich auch nur ansatzweise ausweichende Antworten wähle, direkt in die verbale Mangel genommen. Dabei schlage ich mich als „Beschäftigte im Medienbereich“ so gut, dass mir tatsächlich in einem Fall eine neue Anstellung angeboten wird.

Eklatanter Männerüberschuss

Solche Gespräche über den Beruf werden allerdings nur bis 21 Uhr geführt. Die Arbeit scheint vergessen, sobald die Fenster abgedunkelt und die Diskokugeln angeleuchtet sind. Während der Partys kommt dann erst das Gros der Feierwilligen. Der Platz in Nähe des Türstehers hat um diese Uhrzeit mitunter hohen Unterhaltungswert. Warum gibt es bei einer Veranstaltung, zu der sowieso alle in Geschäftskleidung kommen, eigentlich Garderobenkontrollen? Kann man sich modisch begründete Ablehnungen vorstellen wie: „Nein, der Herr, mit steigendem Revers am Sakko, für Sie heute bestimmt kein Einlass.“ Oder: „Uh, die Dame mit der Perlenohrring-Pastellblusen-Kombination kommt so ebenfalls nicht rein!“ Auf meiner ersten Feier nach Feierabend bekomme ich mit einer Kollegin am Eingang aber tatsächlich die Verhandlungen eines jungen Mannes mit, der nicht eingelassen werden soll. Trotz Kleiderordnung, die eine konventionelle Garderobe vorsieht, trägt der – ansonsten adrett gekleidete – Mann eine Jeans. Der grimmige Kontrolleur will ihn schon wegschicken, als der Mann erklärt, seine Jeans sei aber von einer hochpreisigen Herrenmodemarke. Ihm wird der Eintritt gewährt, schließlich kommt mit der Hose auch ein gut gefülltes Portemonnaie in die Bar.

Eine Begründung, die im Zusammenhang mit einem anderen Argument steht, dem der Türsteher an diesem Abend nichts entgegnen kann: dem Geschlecht der Gäste. Bei einem eklatanten Männerüberschuss – es wird ein Fußballspiel übertragen – ist er für jede Frau dankbar, die auf dem roten Empfangsteppich steht. Denn beim Bezirzen und Balzen geben Banker und Börsianer den Damen gerne teure Getränke aus. Dafür müssen allerdings auch genügend weibliche Gäste eingelassen werden. Schließlich sollen die halbnackten Tänzerinnen, die sich nach zehn Uhr auf der Theke rekeln, nicht der einzige optische Reiz für potente Herren sein. Zu meiner Überraschung gesellt sich zu den Damen sogar ein gut gebauter, sich graziös bewegender Mann, welchen ich als Entschädigung für die teils derbe Attitüde der männlichen Gäste zur fortschreitenden Stunde verstehe. Manche scheinen mit der Krawatte auch ihren Sinn für charmante Annäherungsversuche abgelegt zu haben. „Das ist ja wie: Ballermann für Banker“, stellt meine Kollegin treffend fest. Denn genauso wie auf Mallorca fließt der Alkohol in Strömen, und es wird munter angebandelt. Nur, dass im Hintergrund kein König der Baleareninsel trällert und sich niemand durch Oberteile mit geistreichen Sprüchen wie: „Bier formte diesen schönen Körper“ schmückt.

Sekunden-Schlummern vorm Computer

Nach fünf Stunden unterhalten, trinken und zur Musik bewegen bin ich ziemlich ermattet. Als ich um kurz nach Mitternacht meine Jacke von der Garderobe hole, macht ansonsten allerdings niemand Anstalten zu gehen. Ich führe das auf meine fehlende Übung im Feiern nach der Arbeit zurück und beschließe deswegen, gleich am nächsten Abend die nächste Party zu besuchen. Auch die morgendliche, latente Müdigkeit kann mich davon nicht abhalten. Ich will sogar doppelten Einsatz zeigen: Trinke ein paar Cocktails mehr, plaudere ein bisschen mehr mit Unternehmern aus Kalifornien und Handelsvertretern aus Westfalen und geselle mich ein wenig länger zu den Feiernden auf der Tanzfläche. Schließlich scheint aber meine Kondition auch auf der zweiten Party nicht besser zu sein. Wieder als eine der ersten Gäste verlasse ich die Feier.

Nach einer Mütze Schlaf wird am nächsten Tag während der Arbeit aus der latenten Müdigkeit ein dauerhaftes Sekunden-Schlummern vorm Computer. Erst gegen Mittag fühle ich mich halbwegs ausgeruht. Das Gefühl, dass After-work-Partys möglicherweise dauerhaft nicht der ideale Ausgleich zum Beruf sein könnten, beschleicht mich. Bekräftigt wird es endgültig am Abend, dem dritten „Partyabend in Folge. In der After-work-Party-Lokalität setze ich mich an einen Tisch, lehne mich zurück und dämmere ein. Bevor eine richtige Feier in Gange kommen kann, schleiche ich mich gegen halb zwölf nach Hause in mein Bett.

Jetzt wieder am Schreibtisch und minder ausgeschlafen, steht für mich fest: Ja, After-work-Partys lenken vom Arbeitsalltag ab, aber als regelmäßiger Ausgleich taugen sie nicht.

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In dieser Reihe erscheinen: Malen, Kickboxen, Stricken, Gartenarbeit, Yoga, Grillen, Trommeln, After-work-Party.

Quelle: F.A.Z.
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