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Veröffentlicht: 23.07.2009, 14:05 Uhr

Entscheidungsfindung Der Publikumsjoker für den Chef


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Konzept, Technologie und Moderation der Veranstaltung hat Arag beim Anbieter Swarmworks eingekauft. Dessen Gründer und Miteigentümer Heiner Koppermann betont: „Es geht dabei nicht um die Bespaßung von Mitarbeitern vor dem Abendprogramm, sondern um produktives, inhaltliches Arbeiten.“ Es handele sich um eine Methode, die Intelligenz großer Gruppen anzuzapfen. Der auf Changemanagement spezialisierte Psychologe kam im Laufe der Jahre zu der Erkenntnis, dass die eigentlich guten Ideen meistens nicht aus dem Top-, sondern aus dem mittleren Management kommen, also der Schaltstelle zwischen betrieblicher Praxis und Unternehmensführung. Also gründete er vor einem Jahr mit einem Ingenieur seine Firma, die Unternehmen Konzepte verkauft, um die vorhandene „Schwarmintelligenz“ nutzbar zu machen.

Ein Begriff, den Peter Kruse allerdings für falsch gewählt hält. Als Wissenschaftler beschäftigt sich der Psychologe aus Bremen vor allem mit intelligenten Netzwerken, daneben ist er auch als Unternehmensberater tätig. Vogel- oder Fischschwärme beständen aus relativ unintelligenten Individuen, sagt Kruse, die nur bestimmten Regelmustern folgten. „Nach diesem Schema kriegen sie vielleicht la Ola im Fußballstadion hin.“ Mit Intelligenz habe das aber nichts zu tun. Deshalb spricht er lieber von „kollektiver Intelligenz“. Um diese nutzbar zu machen, brauche man zunächst eine gemeinsame Basis in der Gruppe. Ohne allgemeines Begriffsinventar redeten Manager eines Konzerns aus unterschiedlichen Kulturen vielleicht miteinander, ohne sich dabei wirklich zu verstehen. „Das ist dann wie beim Turmbau zu Babel.“

Massenbrainstorming - mit der richtigen Basis

Ist diese Basis jedoch gegeben, funktioniert ein Massenbrainstorming laut Kruse wunderbar. Das größte Problem bestehe aber anschließend darin, den Berg von Ideen zu beurteilen. Nach welchen Kriterien wird gebündelt und aussortiert? Ihm gehe es darum, das Muster in den Antworten zu erkennen. Er habe im vergangenen Jahr, als sein Unternehmen 500 Europaparlamentarier zum Thema Ökologie vernetzte, die halbe Nacht über den Antwortkarten gebrütet auf der Suche nach den innovativen Ideen. Es rege ihn deshalb auf, wenn andere Berater in solchen Situationen mit ihren Blaupausen ankämen und die üblichen Bewertungsmaßstäbe anlegten. „Damit fördern sie keinen Mehrwert zutage.“

Der Berliner Wettbewerber Idalab bietet Informationsmärkte an, auf denen Mitarbeiter verschiedene Projekte im Unternehmen bewerten können. Technisch handelt es sich um eine Website, die wie eine Börse aufgebaut ist. Die Marktteilnehmer kaufen Anteile an Projekten, wenn sie sie für aussichtsreich halten, andersherum verkaufen sie, wenn sie das Potential für ausgereizt halten. Die Gewinnausschüttung ist allerdings rechtlich etwas schwierig. „Aber eine Prämierung in der Mitarbeiterzeitung ist häufig auch ein Anreiz“, sagt Sebastian Mika von Idalab. Für das Management bestehe der Nutzen darin, erkennen zu können, welche Projekte reüssieren und welche nicht. Interessant seien vor allem Trendwenden. Warum sinkt der eine, steigt der andere Kurs? Wie kann man rechtzeitig gegensteuern? „Neben den harten Fakten fließen in solche Bewertungen auch die Gespräche aus der Kaffeeküche mit ein“, sagt Mika.

„Das Instrument macht Sinn, aber nur wohldosiert“

Für all diese Projekte ist eine prinzipielle Offenheit der Verantwortlichen notwendig. Die Führungsspitze muss bereit sein, die Kontrolle über einen solchen ergebnisoffenen Prozess ein Stück weit aus der Hand zu geben. „Unternehmen mit eher konservativer Kultur tun sich da noch schwer“, sagt Heiner Koppermann von Swarmworks. Für den Psychologen Kruse ist eine stärkere Einbeziehung des kollektiven Wissens jedoch keine Frage des betriebswirtschaftlichen Mehrwerts, sondern des schlichten Überlebens. Die Entscheider in Unternehmen seien zunehmend von der Geschwindigkeit der Veränderungsprozesse und der Komplexität der Situation überfordert. „Mich wundert es manchmal, dass sich überhaupt noch jemand traut, etwas zu entscheiden.“ Um wichtige Entscheidungen aber nicht zunehmend aus dem Bauch heraus treffen zu müssen, sei die Einbeziehung des Kollektivs die beste Alternative. „Wer das nicht hinkriegt, bekommt ein grundlegendes Problem in komplexen Situationen.“

Arag-Manager Schmidt ist mit seinem Kollektivexperiment jedenfalls zufrieden. Bald werde man auch die Ergebnisse allen Beteiligten zugänglich machen, das Interesse sei groß. Wegen des hohen Aufwands glaubt Schmidt jedoch nicht daran, dass sein Unternehmen die Abfrage der kollektiven Intelligenz im Alltag auf breiter Basis einsetzen wird. „Das Instrument macht Sinn für die Zukunft, aber nur wohldosiert.“

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