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Veröffentlicht: 10.05.2014, 19:22 Uhr

Englisch „Der sprachliche Provinzialismus gefährdet das Denken“


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Was die Sprache betrifft, sind sie aber keinen Deut besser. Die letzten fünf Jahre habe ich an einer englischsprachigen Hochschule in Deutschland unterrichtet. Da merkte ich: Alles, was ich in meinem Forscherleben getan habe, kommt in der abgeschlossenen Anglo-Welt nicht vor. Aus anderen Sprachen wird nichts wahrgenommen und nur wenig ins Englische übersetzt, und wenn, dann müssen es die anderen selbst bezahlen. Ganze Bibliotheken von Wissen verschwinden auf Nimmerwiedersehen in der exklusiven Anglophonie.

Ein Wettbewerbsvorteil ist das Englische für die Amerikaner schon - die ganzen Internetfirmen säßen kaum in Amerika, wenn Englisch nicht die Weltsprache wäre?

Klar, die Vorherrschaft des Englischen ist ein unglaublicher Wirtschaftsfaktor. In England gehen, glaube ich, bis zu 20 Prozent der Wirtschaftsleistung auf den Englischunterricht für Ausländer zurück. Der belgische Sozialphilosoph Philipp Van Parijs hat ausgerechnet, dass die nichtanglophone Menschheit jedes Jahr 300 Milliarden Euro allein fürs Englischlernen ausgibt. Es wäre doch schön, wenn die Briten dafür ein bisschen Geld aufs Festland überweisen könnten - als eine Art Finanzausgleich.

Wenn es stimmt, dass man sich durchs Sprachenlernen besser in andere Kulturen hineinversetzen kann: Dann wäre das doch für die Amerikaner ein großes Handicap?

So ist es ja auch. Der deutsche Exporterfolg hat auch damit zu tun, dass wir uns ganz gut auf die anderen einstellen können. Der schwäbische Mittelständler schickt nach Polen eben einen Mitarbeiter, der auch Polnisch spricht oder sich zumindest darum bemüht. Die Amerikaner wissen oft gar nicht, was es heißt, in anderen Sprachen zu kommunizieren. Sie nehmen keine Rücksicht und reden drauflos, als seien sie in Tennessee. Unter meinen Studenten waren sie die Einzigen, die man nicht verstehen konnte.

Dann müssen wir uns um die Zukunft des Deutschen keine Sorgen machen?

Aussterben wird es nicht. Aber die Gefahr ist, dass es zu einer zweitrangigen Sprache für den Hausgebrauch herabsinkt. Hinter dieser Befürchtung steht die französische Erfahrung. Bis zur Revolution war Frankreich ein vielsprachiges Land. Die Revolution hat dann die französische Sprache durchgesetzt, das Bretonische und das Okzitanische sind ins Haus zurückgewandert. So könnte es den europäischen Sprachen ergehen, wenn sich das Englische in der offiziellen Sphäre weiter durchsetzt.

Gibt es positive Vorbilder?

Das alte Österreich hat eine sehr kluge Sprachpolitik gemacht. Die habsburgischen Beamten mussten mindestens drei Sprachen können. Wer nach Ruthenien versetzt wurde, der musste eben Ruthenisch lernen. Heute rate ich: Jeder Europäer sollte neben seiner Muttersprache und dem Englischen mindestens noch eine dritte Sprache lernen.

Wonach soll ich mich dabei richten?

Nach der Stimme des Herzens. Nicht nach ökonomischen Kriterien, dafür gibt es ja schon das Englische. In der Schule habe ich mich schrecklich gequält, ob ich als dritte Sprache Französisch oder Russisch lernen soll. Dann sagte ein Lehrer: Nach Russland kommst du schlecht hin, Frankreich liegt uns näher. Als ich dann zum ersten Mal Französisch hörte, dachte ich: Das ist die Sprache, die in meinem Herzen schon immer geklungen hat.

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