26.03.2008 · In den Ländern rund um den Persischen Golf steht Bildung hoch im Kurs. Zahlreiche ausländische Universitäten haben bereits einen Ableger in einem der Wüstenstaaten gegründet. Hier wächst eine neue internationale Elite heran. Deutschland ist bislang kaum vertreten.
Von Von Rainer HermannBildung ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten Chefsache und genießt höchste Priorität. In sie fließen nicht weniger als 34 Prozent des Staatshaushalts. 35 000 Studenten studieren an den staatlichen Universitäten, noch mehr sind an den 60 ausländischen Hochschulen eingeschrieben, die in dem jungen, 1971 gegründeten Staat Studiengänge anbieten oder zumindest Kurse. Das Ziel ist klar: Die Hochschulbildung soll an internationales Niveau herangeführt werden. Denn 51 Prozent der Menschen in der Föderation, die sich aus sieben Emiraten zusammensetzt, sind jünger als 20 Jahre.
Deutschland ist dabei einer der Wunschpartner - kommt aber in der Praxis kaum vor. Dabei sind die Emirate nicht nur die zweitgrößte Volkswirtschaft der arabischen Welt, sondern auch der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands. Zumindest an einer neuen Universität wird jetzt in Deutsch gelehrt, wenn auch nicht an einer deutschen, sondern an der Sorbonne von Abu Dhabi. Und zwar von Ronald Perlwitz, einem deutschen Professor aus Paris und Experten für die deutsche Romantik. Perlwitz ist einer der Professoren der ersten Stunde, die in Abu Dhabi die Sorbonne aufgebaut haben.
Bedenkenträger bleiben zurück
"Es ging alles so schnell", erinnert er sich. Wie das meiste in diesem Teil der Welt. An Bedenkenträgern rauscht hier der Zug vorbei. Ende 2005 einigten sich der Präsident der Sorbonne, Jean-Robert Pitte, und der Kronprinz des Emirats Abu Dhabi, Scheich Muhammad Bin Zayed Al Nahyan, auf die erste Ausgründung der Sorbonne überhaupt. "Im Mai 2006 kamen wir Professoren nach Abu Dhabi, es gab keinen Campus und keine Studenten." Nach zwei Monaten hatten sie 120 Studenten und ein provisorisches Unigebäude. Im September 2006 begannen die Vorlesungen, und im September 2009 zieht die Sorbonne in einen großzügigen Campus um. Abu Dhabi finanziert ihn vollständig. Er wird Platz für 3000 Studenten bieten.
Auch das Studienangebot wird dann erweitert. Im ersten Jahr bot die Universität, die natürlich auf Französisch unterrichtet, erst Studiengänge in Philosophie und moderner Literatur an, in Geschichte und Geographie sowie - und dafür ist Ronald Perlwitz verantwortlich - für angewandte Fremdsprachen. Seine Studenten müssen zwei der Fremdsprachen Deutsch, Englisch, Spanisch und Arabisch belegen. Ergänzt werden die Sprachkurse um Einführungen in die Kultur des Landes sowie um wirtschaftswissenschaftliche und völkerrechtliche Kurse.
Sorbonne, Louvre und Co. in Abu Dhabi
Gerade liest Perlwitz, der in Abu Dhabi auch die Richard-Wagner-Gesellschaft aufgebaut hat, mit seinen Studenten Literatur aus der Nachkriegszeit. Sanya, eine Libanesin, die in Saudi-Arabien aufwuchs, ist eine seiner Studentinnen. Erst wollte sie in Frankreich studieren. Dann erfuhr sie von der Sorbonne Abu Dhabi. "In Paris sitzen doch Hunderte Studenten in einem Hörsaal, hier haben die Professoren viel mehr Zeit für uns", schwärmt sie. Und bald könne sie in Abu Dhabi ja auch den Louvre besuchen. Der wird auf der neuen Museumsinsel Saadiyet gebaut, direkt gegenüber dem neuen Campus der Sorbonne. Und um den Louvre entstehen ein Guggenheim-Museum und eine Oper, die die britisch-irakische Stararchitektin Zaha Hadid entworfen hat.
Westliche Kultur kommt nach Abu Dhabi. Sie soll hier, eingepflanzt in eine aufregende Etappe der Globalisierung, etwas Neues hervorbringen. Die jungen, ölreichen Golfstaaten sind bereits internationaler als jeder andere Ort der Welt. 200 Studenten aus vierzig Nationen studieren heute an der Sorbonne. Von ihnen stellen die einheimischen Emiratis ein Drittel. "Die anderen sind meist Kinder von Entsandten und bilden einen Querschnitt der Bevölkerung der VAE", sagt Perlwitz.
Seit dem Wintersemester 2007/08 können sie auch Jura studieren, in diesem Herbst kommen die Wirtschaftswissenschaften hinzu. Jean-Yves de Cara leitet die Abteilung für Jura. In jeder der heute sechs Abteilungen ist ein französischer Professor ständig in Abu Dhabi anwesend. In jedem Jahr reisen zudem 150 Professoren aus Paris für zweiwöchige Blockseminare an. "Das französische Diplom ist damit gerechtfertigt, zu dem aus Paris gleichwertig", sagt der Professor und Anwalt. Die Sorbonne ist der erste große ausländische Universitätsname in Abu Dhabi. "Das Emirat will sein Image ändern - und auch seine Wirklichkeit", sagt de Cara.
Geschäftsmodell Bildungsexport
Schon lange vor den Europäern hatten die Australier die Chancen erkannt, die sich am Golf boten. Vor 17 Jahren gründete die australische Universität Wollongong in Dubai, dem benachbarten Emirat von Abu Dhabi, eine Hochschule. "Das war von enormer Weitsicht", reibt sich noch heute Professor Michael Thorpe die Hände. Australien, der drittgrößte Exporteur von Hochschulbildung nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien, erkannte die Chance. Nach Hongkong, Singapur und China erreichte der australische Hochschulexport Dubai. "Der Export von Bildung ist ein Geschäft", sagt der Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen, der zuvor in Hongkong und China geforscht hatte.
Wollongong, nahe Sydney gelegen, ist auf Wirtschaft und auf Ingenieurwissenschaften spezialisiert. In Dubai beschäftigt die Hochschule hundert Professoren und Dozenten. Schwerpunkte sind die Studiengänge Betriebswirtschaftslehre und Finanzwesen, angeboten werden selbst Studiengänge in Logistik und Versicherungswesen. Die Ingenieurwissenschaften kommen bald dazu, geplant ist zudem ein sechsmonatiger Studiengang für arabische Sprache und Kultur sowie Geschäftspraxis am Golf. "Das könnte doch auch für deutsche Studenten attraktiv sein", wirbt Thorpe.
Die "University of Wollongong in Dubai" (UOWD) ist eine der zwanzig ausländischen Hochschulen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, deren Abschlüsse das Hochschulministerium anerkennt. Die anderen vierzig akademischen Einrichtungen sind darauf angewiesen, dass der Arbeitsmarkt sie honoriert. Begehrt sind in der UOWD die Abschlüsse "Master of International Business" (MIB) und, als einziger Doktorandenstudiengang in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der "Doctor in Business Administration" (DBA). Selbst Iran erkennt sie an, und so stellen die Iraner, nach den Indern und Emiratis, in der UOWD die drittgrößte Gruppe unter den 2500 Studenten aus 80 Ländern.
Gezielter Aufbau von Elite-Fakultäten
Der 20 Jahre alte Hamid ist einer der Iraner und studiert im zweiten Jahr. Gerade holt er sich zwischen zwei Vorlesungen in der Cafeteria einen Kaffee. Zu Hause in Teheran wollte er nicht studieren, in Dubai bereitet es ihm Spaß, sagt er. Jeder versteht, was er damit meint. Er will wie sein Vater, ein Reeder und Händler, selbständiger Unternehmer werden. Das Rüstzeug dazu holt er sich an der UOWD. Ihm und seinen Freunden rechnet Thorpe vor, dass sie bald nicht nur in ihrer Heimat gute Chancen haben werden, sondern in allen sechs Staaten des Golfkooperationsrats (GCC). "Das ist dann der Fall, wenn der GCC seinen Gemeinsamen Markt umsetzt und sich die Arbeitskräfte frei bewegen können." Für die Studenten und auch für viele Professoren führen Universitäten wie die Sorbonne und die UOWD das Beste beider Welten zusammen: Paris und Sydney in Arabien, wo 360 Tage im Jahr die Sonne scheint, auf Wüstensand Palmen wachsen und sich Studenten aus Arabien und aus der ganzen Welt auf ihre Zukunft vorbereiten.
In Dubai und Abu Dhabi ist es die Dattelpalme, in Doha der Baum, den sie Sidra nennen und der nur auf der kargen Halbinsel Qatar wächst, die der Persische Golf von den Vereinigten Arabischen Emiraten trennt. Als es kein Öl und kein Gas gab, hatten sich die Großväter unter diesem Baum versammelt. Heute ist er das Symbol der "Qatar Foundation", die Qatar zum Wissenschaftszentrum am Golf machen will. Im regionalen Wettbewerb werden die Universitäten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Qatar die Nase vorn haben.
Die Idee zur Qatar Foundation hatte Scheicha Mouza, die Gattin des Emirs, bereits vor dem 11. September 2001. Nach den Terroranschlägen waren sie leichter umzusetzen. Immer weniger junge Araber wollten in Nordamerika studieren. Auch nicht die Irakerin Wessam Said. Eigentlich hatte sie in den Vereinigten Staaten studieren wollen, nun studiere sie an einer guten amerikanischen Universität in Qatar, wo sie inzwischen ihren Lebensmittelpunkt sieht, Betriebswirtschaftslehre. Zum Arbeiten war der Jordanier Amer Obaideh in Qatars Hauptstadt Doha gekommen. Als er von den Studienmöglichkeiten hörte, meldete er sich zur Aufnahmeprüfung an, studiert nun Informatik, schwärmt vom mathematischen Niveau und von den Motivationskünsten seiner Lehrer.
„Oman-German University of Technology“
Scheicha Mouza wollte nicht eine Universität mit allen ihren Fakultäten nach Qatar bringen. Vielmehr sollten Eliteuniversitäten Fakultäten aufbauen, die sich ergänzen. Carnegie Mellon aus Pittsburgh bietet beispielsweise Betriebswirtschaftslehre an, die Texas A&M University Ingenieurwissenschaften, die Georgetown University ein sozialwissenschaftliches Studium, das Weill Cornell Medical College den Studiengang Medizin und die Virginia Commonwealth University das Fach Design. Sie alle führen die Studenten nach vier Jahren zum Bachelor. Auf dem Diplom vermerkt dabei kein Stern, dass der Abschluss in Doha gemacht wurde. Ausgestellt wird es im Namen der jeweiligen amerikanischen Universität.
Erstmals bietet die Georgetown University aus Washington im Ausland das gesamte Vierjahresprogramm ihrer politikwissenschaftlichen Fakultät, der "School of Foreign Service", an, mit abendländischer Philosophie, auch Vorlesungen eines katholischen Theologen. "Wir sind das Original von Georgetown und nicht das Etikett eines Franchisenehmers", sagt Sara Yamaka, Sprecherin von Georgetown in Doha. Alle fünf Eliteuniversitäten kamen, ohne an ihrem Programm und Curriculum Abstriche vorzunehmen. So hatte auch ihr Auftrag gelautet. Wie in der Sorbonne in Abu Dhabi und Wollongong in Dubai lehren auch in Doha Professoren der jeweiligen Mutteruniversitäten.
„In Europa ist das Leben Routine geworden“
In den aufstrebenden und prosperierenden Staaten am Golf sind bereits viele Spitzenuniversitäten der Welt präsent. Deutschland ist immerhin in Oman mit der RWTH Aachen von der Partie. Dort nimmt im Herbst die "Oman-German University of Technology" ihren Lehrbetrieb auf Englisch auf. Die TU München baut in Abu Dhabi mit der staatlichen Universität ein "College of Medicine" auf und an der saudischen Rotmeerküste die "King Abdullah University of Science and Technology". Exzellenz macht sich eben auch an der internationalen Ausrichtung bemerkbar.
Im "Knowledge Village" des Emirats Dubai wird es unterdessen eng. 3000 Studenten sind in seinen 14 internationalen Hochschulschuleinrichtungen, unter ihnen solche aus Iran und Indien, eingeschrieben. Die Regierung des Emirats will aus dem "Knowledge Village" ein Trainingszentrum für Berufstätige machen und die Unis in der "Dubai Academic City" ansiedeln, zusammen mit der Dubai Aerospace University.
Dann wird in Abu Dhabi die Sorbonne längst in ihren neuen Campus eingezogen sein - und noch immer wird sie weder den französischen Steuerzahler noch die Heimatuniversität einen einzigen Cent gekostet haben. Das Emirat übernimmt sämtliche Kosten, und ein Teil der Studiengebühren von rund 13 000 Euro im Jahr fließt nach Paris. Jura-Professor de Cara nennt drei Gründe, weshalb er für einige Jahre nicht in Paris leben will, sondern in Abu Dhabi. Erstens sei die Lehre in Europa Routine geworden. Immer dieselben Reaktionen, dieselben Fragen.
Die Kulturen ergänzen sich
Und nun das: Die Emiratis wollen etwas lernen, erwarten viel, sind sehr interessiert und anregend. "Damit fühle ich mich heute jünger, als ich bin", lacht de Cara. "Zweitens: Was wir hier sehen, ist die Welt von morgen." Europa sei das Zentrum der Welt gewesen. Dieses Zentrum verschiebe sich nach Südosten, und das werde sich in den nächsten 20 Jahren nicht verändern. Drittens will seine Pariser Anwaltskammer hier ein Büro eröffnen, und das bereitet er vor.
Miryam ist eine der jungen Sorbonne-Studentinnen aus Abu Dhabi. Die Entwicklung verlaufe rasend schnell, auch für die Frauen. Für selbstverständlich hält sie die Koedukation, selbstverständlich lässt sie sich auch fotografieren. Anders als ihre Freundinnen entschied sie sich nicht für ein englischsprachiges Studium. Ob Englisch oder Französisch: "Die arabische und die westliche Kultur widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich", betont Miryam.