Der Weg zum Logistikzentrum von Aldi Süd ist nicht ausgeschildert. Selbst mein Navigationsgerät kennt Aldis Hausnummer in dieser Kleinstadt in der Mitte Deutschlands nicht. Aldi ist schwer zu finden. Das passt zur restriktiven Öffentlichkeitsarbeit des Discounters. Weil bei Aldi Süd auch Betriebsräte auf wenig Gefallen stoßen, haben selbst Gewerkschaften kaum Einblick, wie der Konzern von innen aussieht. Um trotzdem mehr über das Firmenklima und die Arbeitsbedingungen zu erfahren, habe ich mich als Student beim Praxistag von Aldi Süd angemeldet. Dort will Aldi potentielle Bewerber ködern und verspricht: „Sie blicken nicht nur hinter die Kulissen. Sie sind mittendrin.“
Mittendrin bin ich um neun Uhr morgens. Durch eine Glastür sehe ich ein helles Großraumbüro mit Flachbildschirmen. Auf dem Boden glänzen marmorartige Fliesen, an den Wänden hängt moderne Kunst. So stelle ich mir das Hauptquartier von Google vor. Aber mit einer Aldi-Filiale samt ihren spartanischen Regalen und Paletten hat das nichts zu tun. Ich werde in ein Zimmer gebeten und bekomme 100 Euro in bar für die Anfahrt sowie eine Info-Mappe. Darauf lächelt ein dunkelblonder junger Mann, makellose Haut, glattrasiert, weißer Anzug, weiße Krawatte, noch weißeres Hemd. „Karriere ist eine Gerade“, steht darunter.
Ich trage ein Sakko, dazu eine dunkle Jeans und im Gesicht einen Bart. So betrete ich den großen Konferenzraum. Die Fenster sind abgedunkelt mit Jalousien, die schräg stehen. Dadurch kann man zwar nach draußen blicken, aber nicht hinein. Zehn andere Studenten, alle schick gekleidet wie Bankangestellte, warten dort mit mir auf den Geschäftsführer dieser Aldi-Regionalgesellschaft. Er ist einer von 31 in Deutschland und gehört zu den mächtigsten Männern im Unternehmen. Aldi-Kunden bekommen ihn fast nie zu Gesicht, aber er steht in der flachen Hierarchie direkt über den Prokuristen, Regionalverkaufsleitern, Filialleitern und Kassierern.
Die Krawatte passt zum Aldi-Logo
Herman Zeil* tritt in den Raum. Er trägt eine Krawatte mit blauen Streifen, passend zum Aldi-Logo. Zeil mustert die Runde und präsentiert auf einer Weltkarte die Länder, die Aldi Süd schon erobert hat: unter anderem Österreich, Großbritannien, Griechenland, sogar Australien und die Vereinigten Staaten von Amerika. Den Erfolg erklärt er so: „Wir brauchen keine Markenartikel im Sortiment. Aldi ist die Marke.“
Dann wirft er seine Köder aus: Er preist das Einstiegsgehalt von 62 000 Euro im ersten Jahr, schwärmt vom Audi A4, den wir bekommen sollen, und redet über Managementkarrieren. Was wir dafür tun müssen? „Man muss sich um jede Ananas kümmern“, sagt Zeil. „Wir verlangen viel von unseren Mitarbeitern.“ Als Regionalverkaufsleiter soll es losgehen. Früher hieß der Job Bereichsleiter, die Aufgaben sind unverändert. Ein Einsteiger muss dabei nach kurzer Zeit fünf bis sechs Filialen überwachen, täglich Warenqualität, Sauberkeit und Buchhaltung kontrollieren, Mitarbeiter einstellen und entlassen, Kosten und Liefervorgänge überschauen, Konkurrenz und Kunden im Blick halten - und erst mal an der Kasse sitzen. Manche Uni-Absolventen lächeln sich kurz an. Nach einem Hochschulabschluss an der Aldi-Kasse zu landen, hat wohl nicht jeder erwartet.
„Wir werden mit Bewerbungen überschwemmt“
Doch in der Wirtschaftskrise wird genommen, was es gibt. „Ich habe vorher schon zehn Bewerbungen verschickt und nur Absagen bekommen“, sagt mir eine junge Ernährungsökonomin in einer Kaffeepause. Ein anderer erzählt, dass er nach Diplom-Abschluss in Volkswirtschaft endlich einen Job brauche. „In diesem Jahr kann ich eine Anstellung in meinem Wunschbereich vergessen.“ Ob ein Job bei Aldi sein Traumberuf sei, frage ich einen BWL-Studenten. „Nein“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Das ist Plan B.“
Geschäftsführer Zeil bekommt davon nichts mit. Er freut sich über das gestiegene Interesse an Aldi. „Wir werden mit Bewerbungen überschwemmt.“ Banken und Autohersteller seien nun mal als Arbeitgeber für junge Leute weggefallen. Aldi Süd expandiere hingegen weiter und sei „innovativer als Aldi Nord“. Quereinsteiger gäbe es nicht. Nur uns, die jungen Manager von der Kasse. Zeil will wissen, ob es noch Fragen gibt. Jemand fragt, warum das Kassenband so kurz ist. „Damit der Kunde schnell weg ist“, sagt Zeil. Das sei effizienter.
Ich möchte ihn nach den Betriebsräten fragen. Doch dafür ist jetzt keine Zeit. Aldi hat noch einen Ausflug geplant. Während die Unternehmensberater von McKinsey ihre zukünftigen Mitarbeiter zum Segeln nach Griechenland einfliegen, geht es für den Management-Nachwuchs bei Aldi zu Fuß in die Lagerhalle. Herr Zeil zeigt uns „das Herz“ seines Logistikzentrums, eine Halle, die größer als fünf Fußballfelder ist. Hier stapeln sich alle Artikel für die rund 60 Filialen der Regionalgesellschaft: Reihenweise Mineralwasser, Margarinepaletten neben Blumenkübeln, Hunderte Pakete Windeln und Kisten voller Hautcreme. Aus der Lagerhalle geht es dann in den Speiseraum, es gibt Mittagessen. Von Sterneköchen fehlt jede Spur, stattdessen tischt Zeils Sekretärin eine Discounter-Eigenkreation auf: Aldi-Reis mit Aldi-Gemüseauflauf, Aldi-Hähnchenbrust, dazu Aldi-Apfelschorle.
Aldis rote Grütze zum Dessert
Nach Aldis roter Grütze zum Dessert treffe ich die Personen, die meinen zukünftigen Job ausüben: Regionalverkaufsleiter. Über ihre Arbeit gibt es viele Gerüchte. Also frage ich in einem Einzelgespräch Vanessa Grönert* über ihren Beruf aus. „Wer eine 40-Stunden-Woche will, ist bei Aldi falsch aufgehoben.“ Sie arbeitet mindestens fünf Tage die Woche von acht bis meistens 20 Uhr, dazu etwa 30 Inventuren im Jahr, abends und am Wochenende. Ihr Handy hat Grönert immer an. „Wenn um Mitternacht in einer meiner Aldi-Filialen eine Kühltruhe kaputtgeht, muss ich einen Handwerker engagieren.“
Besonders hart seien die ersten vier Monate gewesen. „Da hatte man kein Privatleben.“ Zudem wolle Aldi eben, dass man ganz unten anfängt: „Wenn Scherben auf dem Boden lagen, musste ich die aufkehren.“ Trotzdem ist Grönert zufrieden. Die Vergütung sei besser als bei der Konkurrenz. Von einer Karriere im Ausland, die Aldi vielen verspricht, träumt sie aber nicht. „Dafür muss man vorgeschlagen werden.“ Nur die Topleute würden gefragt. Zudem heiße Managementkarriere im Ausland leider nur, dort auch als Regionalverkaufsleiter tätig zu sein. Mir fällt Aldis Slogan wieder ein: „Karriere ist eine Gerade.“ Es muss wohl eine horizontale Gerade sein, denke ich.
Grönert macht mich noch auf etwas aufmerksam: Mein Bart muss ab. „Bärte sind bei Aldi gar nicht gern gesehen“, sagt die Regionalverkaufsleiterin. Das Gleiche gelte für Jeans. „Das alles gehört zur Unternehmenspolitik.“ Genauso wie die restriktive Öffentlichkeitsarbeit. „Das kommt von oben.“
„Bewerben Sie sich doch für 2010“
Im Nebenraum gibt mir ein Aldi-Personalchef Tipps für Bewerbungen. Auslandssemester im Studium oder gute Englischkenntnisse seien „kein Einstellungskriterium“. Aldi suche bodenständige Leute, die sich nicht für elitär halten. „Man muss mit Filialleitern und Kassierern umgehen können.“ Deshalb gehe es in Bewerbungsgesprächen weniger um fachliche Fähigkeiten, die Studienrichtung sei nicht das Entscheidende. Die Person müsse zu Aldi passen. Das heißt auch, viele Jahre in gleicher Position tätig zu sein. „Mit Aldi ist man schnell oben, aber es geht nicht in dem Tempo weiter.“
Mit einem Betriebsrat hatte der Prokurist es noch nie zu tun, und er schaut irritiert, als ich ihn danach frage. „Ich weiß nicht, ob es die Arbeit leichter oder schwerer machen würde“, gesteht er ein. Verhindert habe er die Bildung von Betriebsräten - wie es vor einigen Jahren bei Aldi in München geschah - aber nicht. „Unsere Regionalverkaufsleiter sind ja auch Arbeitnehmervertreter“, meint er.
Zum Abschied reicht Geschäftsführer Herman Zeil mir die Hand. „In diesem Jahr sind leider alle Stellen vergeben“, sagt er. „Aber bewerben Sie sich doch für 2010.“ Ich verlasse die Aldi-Zentrale, vorbei an den Gemälden, über den Parkplatz mit den Firmenwagen. Mein Bart, da bin ich sicher, bleibt dran.
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