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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Duales System Ausbildung made in Germany

 ·  Lange verkannt, wird das deutsche duale System im Kampf gegen die grassierende Jugendarbeitslosigkeit zum Exportschlager. Die Hoffnungen im Ausland sind groß, die Gefahren zu scheitern aber auch.

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Barack Obama - einen besseren Werbeträger könnte sich das deutsche Handwerk nicht wünschen. Und bezahlen ließe sich der Präsident der Vereinigten Staaten vermutlich auch nicht. Aber die Frage stellte sich auch gar nicht, denn der mächtigste Mann der Welt rührte gratis die Werbetrommel, als er vor wenigen Tagen in seiner „Rede zur Lage der Nation“ ausgerechnet für die duale Ausbildung in Deutschland eine Lanze brach. „Diese deutschen Kids sind bereit für den Job, wenn sie die Schule abschließen“, sagte Obama. Deutsche Jugendliche verließen die Schulen mit einem handwerklichen Abschluss, der den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes auch entspreche. Für amerikanische Verhältnisse anscheinend ein kühner Ansatz, wenn ihn der Präsident derart hervorhebt und zum Vorbild für das eigene Land erklärt.

Das duale Ausbildungssystem, dass mit seiner typischen Mischung zwischen Schul- und Werkbank außer in Deutschland auch in Österreich und der Schweiz bekannt ist, mutiert zum globalen Hoffnungsträger. Die Weltwirtschaftskrise hat die Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern in die Höhe schnellen lassen. Allein in Europa suchen offiziell fast 6 Millionen junger Menschen unter 25 Jahren nach Beschäftigung. In Spanien und Griechenland liegen die Quoten längst über der Marke von 50 Prozent. Sozialer Sprengstoff, der die Politiker in den betroffenen Ländern gehörig unter Druck setzt. Also schauen sie nach Deutschland, das mit 8 Prozent die niedrigste Quote des Kontinents aufweist. Lerne von den Besten, heißt das Motto. Und als Schlüssel zum Erfolg gilt die duale Ausbildung. „Unser erfolgreiches System der beruflichen Bildung kann für viele Länder ein wichtiger Schlüssel zur Bekämpfung der hohen Jugendarbeitslosigkeit sein“ - mit solchen Aussagen hat etwa die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan die Erwartungen im Ausland noch geschürt. Zumal sich die Arbeits- und Sozialminister der G-20-Länder schon im Herbst 2011 in Paris brennend für die deutsche Erfolgsformel interessierten.

Lange war der Ruf eher zweifelhaft

Ein erstaunlicher Wandel, genoss die duale Ausbildung doch lange Zeit international eher einen zweifelhaften Ruf. Die OECD in Paris rüffelte Deutschland jahrelang für seine niedrige Akademikerquote und ignorierte konsequent die Hinweise deutscher Bildungsfachleute, dass sich ein deutscher Geselle mit seinen Fähigkeiten nicht hinter einem italienischen Dottore verstecken müsse.

Heute kann sich die deutsche Politik vor Nachfragen aus dem Ausland kaum noch retten. Einige sprechen schon spöttisch vom „Ausbildungstourismus“. Auf einer Fachveranstaltung der Bundesagentur für Arbeit im Januar in Berlin berichtete Arbeitsministerin Ursula von der Leyen von einem Besuch in Italien, das gerade die duale Ausbildung einführt. Auch Schweden, das sonst häufig als Musterknabe gilt, leidet unter einer hohen Jugendarbeitslosigkeit. Deshalb wird das Land bald die duale Ausbildung einführen, wie Eva Lindh-Pernheim sagt, die Leiterin der nationalen Arbeitsverwaltung. „Es ist ein Versuch“, räumt die Schwedin ein und ist sich selbst nicht sicher, ob die hohen Erwartungen erfüllt werden können. Ihre spanische Kollegin Reyes Zatarain del Valle ist da schon optimistischer. Die Iberer haben mit Deutschland eine Berufsbildungskooperation abgeschlossen und sind mit der Einführung entsprechender Strukturen weit vorangeschritten. Viele deutsche Unternehmen bilden in Spanien schon entsprechend aus, so zum Beispiel der Autohersteller Volkswagen in seinem Tochterunternehmen Seat. Der Staat unterstützt vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die ausbilden. Die Sozialabgaben werden zum Beispiel um 1500 Euro je Lehrling im Jahr gekürzt, bei Frauen sind es sogar 1800 Euro weniger. „Denn schaffen müssen die Ausbildungsplätze natürlich die Unternehmen“, weiß Zatarain del Valle.

Um der steigenden Nachfrage aus dem Ausland noch nachkommen zu können, richtet das Bundesbildungsministerium gerade eine zentrale Anlaufstelle ein. Diese wird beim Bundesinstitut für Berufsbildung, kurz BIBB, angesiedelt sein. Der Bund will über diese Beratungsstelle sichergehen, dass der Ruf der „Marke deutsche Berufsbildung“ erhalten bleibt.

Zwischen all die Jubelarien auf das duale Ausbildungssystem „made in Germany“ mischen sich aber auch zunehmend skeptische Töne. Das duale System in Deutschland habe Jahrzehnte gebraucht, um sich zu seiner jetzigen Form zu entwickeln, sagt Koos Richelle, Direktor der Generaldirektion für Arbeit und Soziales der EU-Kommission. „So etwas kann nicht über Nacht aufgebaut werden.“ Der Niederländer weist auf die Vielzahl der Akteure hin, die beim Aufbau eines solchen Systems eingebunden werden müssen: „Schulen, Arbeitsverwaltungen, Unternehmen, Gewerkschaften - alle spielen dabei eine wichtige Rolle.“

Beispiele in Indien, Brasilien und Russland

Beispiele für mehr oder weniger gelungene Transferversuche des deutschen Vorbilds in andere Länder gibt es schon. Dazu gehören Länder wie Brasilien, Russland, Indien und China. Ausgerechnet China, sonst eher als Kopierweltmeister bekannt, liefert dabei eher negativen Anschauungsunterricht. Schon seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts legen deutsche Politiker und Wirtschaftsvertreter großes Engagement an den Tag, um dem deutschen Mischsystem im Reich der Mitte zum Durchbruch zu verhelfen. Mit mäßigem Erfolg allerdings. Für Felix Rauner liegen die Gründe des Scheiterns auf der Hand. „In China fehlt es an der nötigen Ausbildungstradition in den Unternehmen und vor allem an qualifizierten Ausbildern“, sagte der Leiter der Forschungsgruppe berufliche Bildung an der Universität Bremen. In China wird die Ausbildung von sogenannten Teilzeit-Lehrern übernommen. Deren Rolle wird gerade in einer größeren Studie von deutschen und chinesischen Behörden untersucht.

Rauner hatte auch den Vorsitz der internationalen Inap-Kommission inne, die im vergangenen Jahr ein Memorandum für die „Architektur einer modernen Lehrlingsausbildung“ veröffentlichte. Das Papier enthält Standards für die Gestaltung, Organisation und Steuerung eines dualen Systems. Der Bildungsforscher fürchtet angesichts der globalen Begeisterung, dass das deutsche Konzept in anderen Ländern überhastet eingeführt wird. „Vieles wird nicht funktionieren, und dann ist die Enttäuschung groß.“ Aus seiner Sicht braucht es für den Aufbau eines dualen Systems vor allem einen Werkzeugkasten mit den nötigen Instrumenten: Es müssen zum Beispiel moderne und universelle Berufsbilder entwickelt werden, zudem muss das Kosten-Nutzen-Verhältnis zuverlässig geschätzt werden können, und die Qualität der Ausbildung muss überprüft werden können. Außerdem hält Rauner es für sinnvoll, wenn ein Land ein neues System nicht global, sondern sektoral einführt. Dazu müssten die Voraussetzungen der einzelnen Branchen geprüft werden. Gut sei, wenn es unstrittige Berufsbilder gebe wie etwa in der Automobilwirtschaft den KfZ-Mechatroniker.

Den Wert einer Ausbildung vermitteln

Entscheidend sei vor allem, allen Beteiligten den Wert einer Ausbildung zu vermitteln. In China herrsche häufig die Meinung vor, dass eine Ausbildung nur beginne, wer die Aufnahme an der Universität nicht schaffe. Auch aus ökonomischer Sicht sei die Lehre werthaltig. „Die duale Ausbildung finanziert sich selbst“, behauptet Felix Rauner. Globalrechnungen aus der Schweiz ergäben einen Nettoertrag von 500 Millionen Franken im Jahr. Sein Bremer Institut ermittele durch Auswertung einer großen Datenbank für Deutschland einen Gewinn je Ausbildungsplatz von bis zu 800 Euro im Jahr. „Wenn ein Unternehmen sagt, dass es bei der Ausbildung drauflegt, dann läuft dort was falsch“, sagt Rauner forsch. Der Wissenschaftler hält es für notwendig, dass die Zahl der derzeit rund 900 Berufsbilder auf rund 300 für ganz Europa reduziert wird. Außerdem empfiehlt er, die auf viele Akteure verteilten Kompetenzen des deutschen Systems nach Schweizer Vorbild in einem Bundesamt zu zentralisieren. „In der Schweiz gibt es eine Telefonnummer, an die sich alle wenden können“, sagt Rauner, das mache das System effizient.

Trotz aller Skepsis hält Rauner das duale System für ein Erfolgsmodell. Sie biete die beste Gelegenheit, in einen Beruf „hineinzuwachsen“. Dabei sei es von großer Bedeutung, dass die Auszubildenden unter Echtzeitbedingungen in den Unternehmen ihre Erfahrungen sammelten und nicht in einer Azubi-Werkstatt Dinge für die Tonne produzierten. Dies sei ebenso wenig prägend wie das bloße Pauken theoretischer Grundlagen ohne Praxisbezug, findet Rauner. „In einem Klassenzimmer oder einem Hörsaal erlernt man keinen Beruf.“

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