15.04.2010 · Wollen in einer Beziehung beide Karriere machen, bedarf es einer guten Planung - und der Bereitschaft, sich von alten Rollenbildern zu lösen. Denn das Leben zwischen Job, Kindergarten und Haushalt ist nicht immer einfach zu managen.
Von Nina BrodbeckEs gibt echte Traumpaare - auch im Beruf: Maria Fresia und Luca Scardovi machen ihre Karriere im Gleichschritt. Sie haben beide in Genua studiert und in Elektrotechnik promoviert, gemeinsam erst in Belgien geforscht, dann an einer amerikanischen Eliteuniversität. Seit vergangenem Herbst leben sie in München. Scardovi hat an der Technischen Universität eine Juniorprofessur angenommen, Maria Fresia arbeitet in der Forschungsabteilung des Chipherstellers Infineon.
Wo du hingehst, da will auch ich hingehen? Für die beiden Wissenschaftler war das eine bewusste Entscheidung: „Als wir geheiratet haben, war für uns klar, dass wir aus Italien wegwollten, weil dort eine akademische Karriere schwierig und die Bezahlung schlecht ist“, erzählt die Dreißigjährige. „Und der Plan war, dass einer von uns eine gute Position finden muss und dass dann der andere versucht, eine Stelle ganz in der Nähe zu bekommen.“ Eine Fernbeziehung, wie sie viele Paare mit dem gleichen Forschungsgebiet führen, kam für sie nicht in Frage. „Eher sind wir bereit, Kompromisse bei den angebotenen Stellen einzugehen.“
Immer weniger Frauen konzentrieren sich voll auf die Familie
Hochqualifizierte Doppelkarrierepaare wie Fresia und Scardovi, die synchron die Karriereleiter erklimmen, gibt es immer öfter. Michel Domsch vom Institut für Personalwesen und internationales Management der Hamburger Bundeswehr-Universität geht davon aus, dass mittlerweile 40 Prozent der männlichen Führungskräfte im Alter bis zu 45 Jahren in Doppelkarrierepartnerschaften leben. Bei den über Sechzigjährigen ist der Anteil noch wesentlich niedriger. „Doppelkarriere ist eben auch eine Generationenfrage“, erklärt Domsch. „Das wächst aus der Gesellschaft heraus.“ Seine Beobachtung: Während die Zahl der Frauen mit hoher bis sehr hoher Berufsorientierung steigt, nimmt die Zahl derer stetig ab, die sich voll auf die Familie konzentrieren.
Denn erstens sind immer mehr Frauen gut ausgebildet und möchten ihre hohe Qualifikation beruflich auch umsetzen - zur Freude der Arbeitgeber. Hinzu kommt: „Die Frauen sagen sich: Wenn meine Beziehung in die Brüche geht und ich habe mein Berufsleben gestoppt, dann kann ich nicht für mich selbst sorgen und bekomme keine Altersversorgung“, sagt Domsch. Dass dieser Gedanke berechtigt ist, bestätigen seine Forschungen: Von den 300 Doppelkarrierepaaren, deren Lebensweg der Professor seit mehr als zehn Jahren verfolgt, hat sich die Hälfte mittlerweile getrennt.
Bei vielen Paaren beginnt es zu kriseln, wenn einer der Partner aus beruflichen Gründen umziehen muss. Wenn aus der vertrauten Nähe eine Fernbeziehung wird, bleibt die Liebe oft auf der Strecke. Das ist fatal, denn die Bereitschaft, für den Arbeitgeber ein- oder mehrmals den Wohnort zu wechseln oder sogar für eine Weile ins Ausland zu gehen, ist mittlerweile eine der Grundvoraussetzungen, wenn man Karriere machen möchte.
Ohne Mobilität keine Karriere in der Wissenschaft
Im Hochschulbereich gilt das besonders. „Ohne Mobilität keine Karriere in der Wissenschaft. Das ist einfach so“, sagt Anne Jansen. Weil sie und ihr Mann David beide eine Professorenlaufbahn anstreben, führen die Geisteswissenschaftlerin und der Informatiker seit fast zehn Jahren ein Leben als Jobnomaden, zeitweise über Kontinente hinweg. Gerade stecken sie wieder mitten in einem Umzug. David wechselt mit seiner kompletten Forschungsgruppe an die Technische Universität München. Für Anne bedeutet das, künftig dreimal in der Woche von München nach Mannheim zu pendeln, denn dort hat sie ihre Stelle. „Zum Glück habe ich eine Chefin, die unsere Situation nachvollziehen kann und mich unterstützt, denn sie ist ja selbst Professorin und auch mit einem Professor verheiratet“, sagt die Einunddreißigjährige.
Geschichten wie die der Jansens hört Kerstin Dübner-Gee öfter. Seit zwei Jahren leitet die Personalentwicklerin das „Dual Career Office“ der Technischen Universität München. Ihre Aufgabe ist es, die Partner von Spitzenwissenschaftlern, die die Hochschule für sich gewinnen möchte, in der Stellensuche im Raum München gezielt zu unterstützen. Herzstück der „Dual Career Office“ ist ein Netzwerk aus wissenschaftlichen und industriellen Arbeitgebern.
Die Idee dazu entstand, weil das Thema Doppelkarriere in immer mehr universitären Berufungsverfahren eine zentrale Rolle spielt. „Da saßen immer häufiger Professoren hier und sagten, die Ausstattung ihres Lehrstuhls sei gar nicht so wichtig für sie“, erinnert sich Dübner-Gee. Entscheidend dafür, ob sie den Ruf annehmen würden, sei die Frage, ob ihre Partnerin eine berufliche Perspektive in München habe oder nicht.
Nur wenige Unternehmen handeln selbst
Mehr als 35 Dual-Career-Center gibt es mittlerweile an Deutschlands Hochschulen. Unternehmen wie Infineon kooperieren zwar gerne mit ihnen, die wenigsten sehen jedoch die Notwendigkeit, eigene Programme zur Förderung von Doppelkarrieren aufzubauen. „Ideen, wie sich Dual Career bei der Mitarbeiterrekrutierung nutzen lässt, gibt es viele“, sagt Thomas Spengler, der an der Magdeburger Universität einen Lehrstuhl für Unternehmensführung und Organisation innehat. Allerdings fehle es in vielen Unternehmen an der grundsätzlichen Bereitschaft, in diesen Bereich zu investieren. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels könnte sich das in ein paar Jahren rächen.
Wie es aussieht, wenn ein Unternehmen die von Spengler geforderte Bereitschaft mitbringt, zeigt das Stuttgarter Technologieunternehmen Bosch. Doppelkarrieren sind hier fester Bestandteil der Personalpolitik. „Wir sehen auch das private Umfeld unserer Mitarbeiter und versuchen, das bei der Karriereplanung zu berücksichtigen“, sagt Heidi Stock, Leiterin der Abteilung Chancengleichheit. „Das ist einfach eine Grundhaltung bei uns.“
Doppelkarrieren sind auch bei Auslandsentsendungen ein Thema. Diplom-Kauffrau Nicole Schmiechen zum Beispiel führte mit ihrem Freund Andreas Pfundstein, einem Wirtschaftsingenieur, drei Jahre lang eine Fernbeziehung China - Deutschland. Sie war für Bosch nach Schanghai gegangen, während er für Bosch in München arbeitete. Als die heute Dreiunddreißigjährige gefragt wurde, ob sie für weitere drei Jahre nach Indien gehen wollte, sagte sie: „Ja, aber bitte mit Partner.“ Ein Vorteil, wenn beide im selben Unternehmen arbeiten: Seit Oktober lebt und arbeitet das Paar nun gemeinsam in Ahmedabad im Nordwesten des Subkontinents - sie als Controllerin und er als Projektleiter für ein größeres Bauvorhaben.
Zwischen Job, Kindergarten und Haushalt
Häufige Umzüge, erhöhter Beziehungsstress, chronischer Zeitmangel: Doppelkarrierepaare stehen vor großen Herausforderungen. Vor allem wenn Kinder da sind, braucht es ein gutes Vereinbarkeitsmanagement. So nennt Kerstin Dübner-Gee das tägliche Jonglieren zwischen Job, Kindergarten und Haushalt. Doch wie gut die Aufgabenverteilung tatsächlich klappt, hängt auch davon ab, wie stark das Paar in den traditionellen Rollenbildern verhaftet ist.
„Die Frage ist zum Beispiel: Wie selbstverständlich geht eine Frau damit um, dass sie keine Vollzeitmutter, sondern eine Vollzeit arbeitende Mutter ist. Das ist ein psychischer Faktor, der beim Thema Stressempfinden eine große Rolle spielt“, sagt Dübner-Gee. Frauen müssten deshalb bereit sein, loszulassen und die Erziehungsarbeit ein Stück weit abzugeben. Ihre Erfahrung: „Ein Dual-Career-Leben erfordert konkrete strategische Planung. Alle Anforderungen müssen von beiden geschultert werden, so dass ein Geben und Nehmen entsteht. Je egalitärer das Ganze ist, umso zufriedener sind die Paare.“
Anne Jansen, die gerade in München zwischen Umzugskisten sitzt und mal wieder dabei ist, sich in einer neuen Stadt ein neues Leben aufzubauen, blickt zumindest diesem Punkt gelassen entgegen. „Ich bin die dritte Generation Vollzeit arbeitender Frauen in unserer Familie“, erzählt sie. „Das prägt!“ Auch mit dem Abgeben hat sie keine Probleme: „Ich komme aus einem Haushalt, wo die beste Putzfrau mein Vater ist.“
Hohe Flexibilität bedeutet häufiges Umziehen.
Steffen Rupp (steffenrupp)
- 15.04.2010, 11:54 Uhr
Natürlich zur Freude der Arbeitgeber...
Marco Vogt (VogtNuernberg)
- 15.04.2010, 14:06 Uhr
„Ein Dual-Career-Leben erfordert konkrete strategische Planung.
Marco Vogt (VogtNuernberg)
- 15.04.2010, 14:10 Uhr
Eins noch:
Marco Vogt (VogtNuernberg)
- 15.04.2010, 14:12 Uhr