20.07.2006 · Seit Jahren gibt es Gesundheitsbeauftrage in Unternehmen. „Disability Manager“ sollen diesen Ansatz nun systematisieren. Damit steht vor allem auch der betriebswirtschaftliche Nutzen im Vordergrund.
Von Anna LollGroß und blond ist Petra Zink, um ihren Hals baumelt ein rosa Stein in Herzform. Sie ist Managerin bei Ford. Disability Managerin. „Als mich mein Werkleiter gefragt hat, ob ich mich nicht für den Posten des Disability Managers bewerben wolle, habe ich ihn ausgelacht. Disability Manager, was ist denn das?“
„Der Beruf des Disability Managers hat nicht nur etwas mit Schwerbehinderten zu tun“, erklärt Friedrich Mehrhoff vom Hauptverband der Berufsgenossenschaften (HVBG) das, was in wörtlicher Übersetzung vom Englischen ins Deutsche tatsächlich ein „Behinderten-Manager“ wäre. „Es geht hier vielmehr um die Prävention von krankheitsbedingtem Ausfall und um die Wiedereingliederung von Mitarbeitern.“ Und damit um eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Mehrhoff weiß das: „Disability Management setzt ganz klar am sozialen Gedanken an. Aber es ist auch im Interesse der Unternehmen, die Mitarbeiter gesund zu halten.“
Betriebswirtschaftliche Kosten
Für die Betriebe wie auch für Sozialdienstleister bedeutet ein Arbeitsausfall handfeste betriebswirtschaftliche Kosten, ganz abgesehen von dem persönlichen Leid der Betroffenen. Kann ein Angestellter nicht mehr zu seiner Arbeit zurückkehren, kommen neben Lohnfortzahlungen die Kosten für die Neueinstellung hinzu. Ford rechnet nach Angaben von Betriebsarzt Erich Knülle bei jeder neuen Stellenbesetzung mit 60.000 Euro. Der Disability Manager soll diese Kosten reduzieren.
Das Berufsbild ist in Deutschland noch relativ unbekannt, obwohl es sich mit Problemen befaßt, die schon alt sind. Früher wurden jedoch andere Antworten gefunden. Schon Jahrzehnte gibt es die Berufshelfer der gesetzlichen Sozialversicherungsträger oder Schwerbehindertenbeauftragte in den Unternehmen und die Betriebsräte, die sich für kranke Mitarbeiter einsetzen können. „Doch wurden die Probleme früher nicht systematisch und im Team bearbeitet“, sagt Erich Knülle. Heute gibt es beim amerikanischen Autokonzern in Köln Integrationsteams, geleitet von Petra Zink.
Die Achtunddreißigjährige ist eine von rund 350 zertifizierten Disability Managern, die es in Deutschland mittlerweile gibt. Seit Dezember 1994 arbeitet sie bei Ford, fünf Jahre als Produktionsleiterin im Kölner Motorenwerk. Mit dem Berufswechsel seit März dieses Jahres ist sie zufrieden. „Man kann sehr kreativ sein, hat einen großen Entscheidungsspielraum. Außerdem kann man etwas für den Betrieb und gleichzeitig für die Mitarbeiter tun.“ Es ist eine konsensorientierte Arbeit, das Zauberwort Kommunikation steht im Mittelpunkt. „Es geht nicht, wenn man die Sachen von oben einfach mal durchdrückt“, beschreibt die Disability Managerin ihre Arbeit. „Früher gingen die Kommunikationsstrukturen immer nur in eine Richtung: Betriebsrat oder Arbeitgeberseite. Disability Management führt dagegen die Seiten zusammen.“
Erfolg in 80 bis 90 Prozent der Fälle
Viermal in der Woche trifft sich das Integrationsteam: Zink, Knülle, der Schwerbehindertenvertreter und jeweils ein Vertreter des Betriebsrats und der Personalabteilung besprechen Einzelfälle und Unternehmensstrukturen in einem kleinen Raum, abgetrennt durch Leichtbauwände vom Großraumbüro der verantwortlichen Produktion, an den großen Fenstern laufen bunte Karosserien der Modelle Fiesta und Fusion vorbei. Erklärtes Ziel ist es dabei, die betroffenen Mitarbeiter wieder an ihrem alten Arbeitsplatz einsetzen zu können. In 80 bis 90 Prozent der Fälle seien sie damit erfolgreich, meint Zink.
Die Idee des Disability Managements, die bei Ford in die Praxis umgesetzt wird, hat kanadisch-deutsche Wurzeln in der Person von Wolfgang Zimmermann. Er wanderte aus Bochum nach Nordamerika aus und erlitt dort gleich in den ersten Tagen einen Arbeitsunfall, der so schwer war, daß er querschnittsgelähmt blieb. Doch nicht nur die Lähmung hat Zimmermann inzwischen teilweise erfolgreich bekämpft. Es war für ihn Anlaß, in Victoria ein Institut für Disability Management (NIDMAR) zu gründen und sich international für die Belange von Behinderten und Kranken in der Arbeitswelt einzusetzen.
Sein Engagement machte Schule. Die deutschen Berufsgenossenschaften interessierten sich für das Modell und kauften Ende 2003 die Rechte für die Nutzung der Ausbildungsmodule und auch für das Audit von Unternehmen. Die Aufgabe der Auditierung übergab der HVBG dann dem Institut für Qualitätsforschung in Prävention und Rehabilitation (IQPR) an der Deutschen Sporthochschule Köln. Matthias Mozdzanowski, Geschäftsführer des IQPR, hat mit seinen Mitarbeitern das Modell für den deutschen Markt umgearbeitet. Ford war dabei eine Art Sparringspartner und das erste Unternehmen, daß europaweit auditiert wurde. Die Arbeit am Wiedereingliederungsprogramm begann für den Automobilhersteller in Köln jedoch bereits 2000.
Ein „Perspektivwechsel“
Damals zählte das Werk 500 Angestellte, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen konnten, aber auch nicht kündbar waren. „263 Mitarbeiter davon haben wir wieder zu 100 Prozent in die Produktion integrieren können. Durch die vermiedenen Neueinstellungen haben wir eine Summe von 9,4 Millionen Dollar eingespart“, rechnet Mediziner Knülle vor. Dafür haben sie ein Fähigkeitsprofil der Mitarbeiter erstellt und das mit den Anforderungen der vorhandenen Arbeitsplätze abgeglichen, teilweise die Arbeitsplätze modifiziert oder in anderen Bereichen nach Stellen gesucht. „Es ist ein Perspektivenwechsel, nicht nur zu gucken, was der Mitarbeiter nicht kann, sondern nach dem zu fragen, was er kann.“
Doch was für Ford gut ist, muß nicht auch für andere attraktiv sein. Von gesetzlicher Seite gibt es zumindest wenig Anlaß für Unternehmen, sich intensiv dem Disability Management zu widmen. Zwar fordern Regelungen des Sozialgesetzbuches IX Wiedereingliederungsmaßnahmen. Aber es gibt weder wirksame Sanktionen noch positive Anreize in der Praxis. Im Gegenteil: Gerade bei kleineren Betrieben werden vor allem nur die Kosten gesehen. „Bei den kleinen und mittleren Betrieben, die 80 Prozent der 3,3 Millionen deutschen Unternehmen ausmachen, beschäftigt sich weniger als die Hälfte mit dem Thema“, berichtet Mehrhoff vom HVBG aus seiner Erfahrung.
Beispielhaftes Management
Aber auch sie werden kaum den Problemen entgehen können, die die deutsche Wirtschaft in der Zukunft erwarten. Mozdzanowski vom IQPR nennt die Stichworte: Die demographische Entwicklung und steigende Kosten im Gesundheitswesen. „Auch wenn es jetzt noch kaum vorstellbar ist für manche: Fachkräftemangel kommt auf uns zu und die Belegschaft wird älter. Darauf müssen die Firmen reagieren“, ist er überzeugt. Das Disability Management bei Ford könnte als Beispiel dienen. Seit der Auditierung im Juni 2006 seien Anfragen von anderen Unternehmen gestiegen, sagt Zink.
Thyssen-Krupp, Volkswagen und auch die Essener Verkehrsbetriebswerke hätten zum Beispiel bei ihr angerufen. Für Ford sieht sie eine Zukunft für das Disability Management. In den nächsten Wochen wird die Managerin selten auf dem Kölner Betriebsgelände anzutreffen sein. Sie wird Ford-Werke im Ausland besuchen. Disability Management soll europaweit eingeführt werden.