http://www.faz.net/-gyl-8qnc5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 18.01.2017, 11:56 Uhr

Digitalisierte Arbeitswelt Unternehmen investieren zu wenig in Weiterbildung

Die Arbeitnehmer fürchten sich gar nicht so sehr davor, von Robotern ersetzt zu werden. Das zeigen neue Studien. Aber sie wollen sich besser weiterbilden. Und was sagen die Chefs dazu?

von
© AFP Arbeitnehmer wünschen sich mehr Weiterbildung.

Unter den Unternehmenschefs war es eines der wichtigsten Themen zu Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos: In einer Zeit, in der die Digitalisierung alles verändern wird, müssen die Mitarbeiter schnell besser ausgebildet werden. „Die Staaten haben in der Schul- und Ausbildung in den vergangenen Jahren nicht viel geleistet, die Wirtschaft muss in diese Lücke springen“, sagte David Abney, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Logistikkonzerns UPS. Man könne nicht mehr darauf vertrauen, dass das künftige Arbeitsleben einer kalkulierbaren Vorgabe, einer Art Drehbuch folge, sagte auch Ellyn Shook, die Personalchefin des amerikanischen Beratungsunternehmens Accenture. Darauf müsse man die Menschen vorbereiten, vieles werde flexibler, immer häufiger müsse mit Maschinen zusammengearbeitet werden – zudem könnten sich Arbeitnehmer immer häufiger vorstellen, auch selbständig zu arbeiten. Und gleichgültig, ob Siemens oder der amerikanische Druckerhersteller HP Inc. – die Vermutung, dass Arbeitsplätze, die mit rein mechanischen Tätigkeiten verknüpft sind, Zug um Zug verschwinden werden, teilen in Davos viele Chefs. Darauf gelte es die Antwort zu finden.

Carsten Knop Folgen:

Eine zum Weltwirtschaftsforum von Accenture veröffentlichte Umfrage zeigt: Die Arbeitnehmer sind sich der Veränderungen, die die Chefs beschreiben, bewusst. Sie stehen dem Einsatz neuer Technologien auch aufgeschlossen gegenüber. Statt darin eine Bedrohung für ihre Stelle zu sehen, haben die Beschäftigten vor allem die Vorteile solcher Technologien im Arbeitsalltag im Blick. Aber die Arbeitnehmer sind sich auch bewusst, dass sie nur dann von der Digitalisierung und Automatisierung profitieren werden, wenn sie sich im Beruf stetig weiterqualifizieren und kontinuierlich neue Kompetenzen aufbauen. Hier wiederum vermissen sie von ihren Arbeitgebern ausreichend hochwertige Weiterbildungsangebote. Es ergibt sich also eindeutig ein Missverhältnis zwischen den Erkenntnissen und Versprechungen der Vorstandsvorsitzenden auf den Bühnen in Davos und der Realität.

 
Arbeitnehmer fürchten sich gar nicht so sehr vor Robotern und Algorithmen. Aber vor etwas anderem!

Im Rahmen der Umfrage wurden mehr als 1000 Arbeitnehmer in Deutschland und insgesamt sogar mehr als 10.000 Beschäftigte in zehn Ländern zu den Veränderungen im Beruf durch neue Technologien befragt. Eine große Mehrheit der Umfrageteilnehmer (84 Prozent) ist der Ansicht, dass der Einsatz von neuen Technologien sich positiv auf ihre Arbeit auswirken wird. Auf der ganzen Welt sagen mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmer, dass Technologien wie Roboter, Datenanalytik und künstliche Intelligenz ihnen dabei helfen werden, effizienter zu arbeiten (74 Prozent), neue Fähigkeiten zu erlernen (73 Prozent) und insgesamt die Qualität ihrer Arbeit zu steigern (66 Prozent). Weiterhin erwarten 85 Prozent der deutschen Arbeitnehmer, dass mindestens einzelne Aspekte ihrer Arbeit innerhalb der nächsten fünf Jahre automatisiert werden.

Zu wenig Weiterbildungsmöglichkeiten

Wohl auch deshalb gaben 53 Prozent der in Deutschland Befragten an, dass das regelmäßige Erlernen neuer Fähigkeiten für sie entscheidend sei, um mit den Veränderungen im Arbeitsalltag Schritt zu halten. Allerdings ist nicht einmal der Hälfte aller deutschen Arbeitnehmer (47 Prozent) heute schon klar, welche Kompetenzen in ihrem Beruf in fünf Jahren gefragt sein werden. Viele Beschäftigte sind zudem unzufrieden mit der Unterstützung ihres Arbeitgebers beim Aufbau neuer Kompetenzen. Knapp ein Drittel der Befragten gab an, im Beruf keine oder nur unzureichende Möglichkeiten zur Weiterbildung zu haben. Lediglich 21 Prozent der Arbeitnehmer schätzen das Weiterbildungsangebot an ihrem Arbeitsplatz als hervorragend ein.

Deshalb lautet die Empfehlung der Studienautoren an Unternehmen, stärker als bisher auf die Weiterqualifizierung der Belegschaft zu setzen und insbesondere weiche Kompetenzen wie Führungsstärke, kritisches Denken, Kreativität und emotionale Intelligenz zu fördern. Dadurch ließen sich die durch den Einsatz neuer Technologien ausgelösten Veränderungen am Arbeitsmarkt deutlich abfedern. Laut einer Prognose von Accenture, die auf einer statistischen Analyse in Verbindung mit den Umfrageergebnissen basiert, würde die Zahl der insgesamt durch Automatisierung und Digitalisierung bedrohten Arbeitsplätze hierzulande von fünfzehn auf zehn Prozent fallen, wenn relevante Fähigkeiten doppelt so schnell wie heute vermittelt würden.

Mehr zum Thema

„Der digitale Wandel kann nur gelingen, wenn Unternehmen stärker als bisher in den Aufbau neuer Kompetenzen und zusätzlicher Qualifikationen in der Belegschaft investieren. Dabei geht es weniger darum, die Beschäftigten auf neue Berufe umzuschulen, sondern ihnen kontinuierlich die nötigen Kompetenzen für den Umgang mit neuen Technologien zu vermitteln“, wird dazu Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zitiert: „Die Digitalisierung führt unterm Strich nicht zu einem Verlust von Arbeitsplätzen, sie stellt aber neue Anforderungen an die Arbeitnehmer. Die Bedeutung der ständigen Weiterqualifizierung am Arbeitsplatz wird stark zunehmen, nicht zuletzt, da die Halbwertszeit unseres Wissens angesichts der rasanten technologischen Entwicklungen immer kürzer wird.“

„Der Arbeitsplatz wird zum Trainingsort und der Kollege zum Trainer“

„Entscheidend ist, dass das Erlernen neuer Kompetenzen zum festen Bestandteil unserer Arbeit wird. Das setzt ganz neue Weiterbildungskonzepte voraus, die nahtlos in unseren Berufsalltag integriert sind“, so Riemensperger weiter. „Der Arbeitsplatz wird zukünftig zum Trainingsort und der Kollege zum Trainer. Wir werden häufiger, dafür aber in kleineren Einheiten lernen. Neben kreativen Fähigkeiten ist vor allem der Aufbau von Kompetenzen im Umgang mit intelligenten Maschinen wichtig.“

Die Studie untersucht, wie sich neue Technologien auf die Arbeit der Zukunft auswirken. Die Studie vereint quantitative und qualitative Methoden und basiert auf drei Säulen: einer Umfrage, einem ökonometrischen Modell und einem Index. Diese wurden ergänzt durch die Auswertung existierender Daten (Sekundärforschung) sowie ausführliche Experteninterviews mit Vertretern von Universitäten, Start-ups, Konzernen und Regierungsorganisationen. An der im Rahmen der Studie vorgenommenen Online-Umfrage in zehn Ländern beteiligten sich insgesamt 10527 Arbeitnehmer. In Deutschland nahmen 1058 Arbeitnehmer an der Umfrage teil. Bei der Auswahl der Befragten wurde darauf geachtet, unterschiedliche Qualifikationen und Altersgruppen abzubilden. Die Erhebung fand zwischen dem 26. November und dem 9. Dezember 2016 statt.

Gründerserie Das Millionengeschäft mit den Leerpaletten

Leere Paletten, Kisten und Container sind nicht immer da, wo sie gebraucht werden. Die Internetbörse Swoplo hilft, teure Fahrten mit Leergut zu vermeiden. Mehr Von Georg Giersberg 27

Zur Homepage