Dem Freund auf der Geburtstagsfeier fiel fast das Weinglas aus der Hand, als Matthias Cropp über seine beruflichen Pläne sprach. Mit Mitte 40 eine solide aufgebaute Restauratorenwerkstatt verlassen und statt dessen zu einem Personaldienstleister wechseln? Sich als Handwerker mit großen Freiheitsräumen in eine Branche begeben, die komplett konträr ist? „Der Freund ist damals fast umgefallen“, sagt Matthias Cropp. „Dabei bin ich im Herzen noch Handwerker und gehe hier viele Probleme sehr realistisch an. Ich verfüge nicht über einen BWL-Hintergrund wie viele Berater. Aber viele unserer Kunden, die oft aus dem Mittelstand kommen, schätzen gerade das.“
In seinem ersten Berufsleben war Cropp Schreinermeister, hat sich als Restaurator im Handwerk weitergebildet und mit 45 Jahren völlig umgesattelt: Seitdem steht auf seiner Visitenkarte Contract Manager, und er vermittelt für andere Unternehmen sogenannte Interim-Manager. Geblieben ist nur sein Einsatzort: das hübsche Städtchen Kronberg, das idyllische Taunusblicke und imponierende Aussichten auf das Frankfurter Bankenpanorama bietet. Interim-Manager sind sturmerprobte Führungskräfte, die für eine begrenzte Zeit in ein Unternehmen gehen und dort vorübergehend Projekte stemmen, Restrukturierungen organisieren, ein neues Computersystem einführen oder einen komplizierten Sonderauftrag abwickeln. Nach ihrem mehrmonatigen Einsatz verlassen sie den Arbeitgeber auf Zeit wieder und erhalten neue Aufträge.
„Der Bettenbühl in Kronberg sucht noch Lehrlinge“
Cropps Arbeitgeber ist die renommierte Ludwig Heuse GmbH, in deren umfangreicher Kartei er sich inzwischen sehr gut auskennt. Immerhin müssen die Vermittler innerhalb von zehn Tagen passende Kandidaten vorstellen. Im kühl-eleganten Büro führt er Kundengespräche und versucht herauszufinden, welcher Manager zu welchem Auftrag im In- und Ausland paßt. Während andere abends zur Entspannung den Rasen mähen, poliert Cropp in seiner Werkstatt zwischen „Thuja Maser“ und „Birnbaum“ einen schönen Nußbaumtisch und taucht zurück in seinen ersten Beruf, „das ist meine Erholung“.
Nach dem Abitur 1973 in Kronberg weiß er nicht, was er nun anfangen will. Er weiß nur, was er auf keinen Fall möchte: „Nämlich wie viele Klassenkameraden auf die Uni gehen. Ich dachte, das ist die Fortsetzung von Schule, und davon hatte ich genug.“ Eher zufällig rutscht der Sohn eines Fotografen in die Schreinerlehre. Eine Freundin der Mutter fragt, was denn der Jüngste - Cropp hat zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester - vorhat, und gibt den Tip: „Der Bettenbühl in Kronberg sucht noch Lehrlinge.“
„Wie beim Sportler, die ersten Runden sind hart“
Der Abiturient spricht in der Schreinerwerkstatt vor und hat ruck, zuck den Lehrvertrag. „Bei uns zu Hause wurde ohnehin viel gewerkelt.“ Dem Lehrling drückt Adam Bettenbühl dann einen großen Hobel in die Hand und fordert ihn auf: „Jetzt machste mal schöne Späne.“ Cropp lernt, ein Brett gerade zu hobeln, zu sägen, zu stemmen, lernt die klassischen schreinerischen Holzverbindungen wie Zapfen, Schlitzen, Zinken kennen. Aus rohem Holz zimmert er Hocker, Werkzeugkisten, Fensterecken. Im übrigen ist er Helfer der Gesellen und assistiert beim Fenstereinbau.
„Die ersten drei Male stöhnt man, weil man das Ganze kaum heben kann, dann erlernt man die richtige Technik. Das ist wie beim Sportler, die ersten Runden sind hart.“ Die Theorie fällt ihm leicht. „Der Ehrgeiz treibt einen, Zeichnen, Rechnen und Maschinenkunde schnell zu begreifen.“ Er macht eine Einserprüfung und „findet alles ganz toll“. Einmal, als er wieder zur Berufsschule ins nahe Hofheim trampt, fragt ihn ein Mann in Nadelstreifen: „Werden Sie später Unternehmer?“ - „Um Gottes willen!“ wehrt der 21 Jahre alte Lehrling ab. „Damals war mir das noch unvorstellbar.“
„Eine Riesenskepsis gegenüber Restaurierung“
Drei Jahre geht er als Geselle in verschiedene Betriebe. „Ich habe nur eine kleine Wanderschaft im Umkreis gemacht, denn ich war schon verheiratet.“ Er lernt bei einem Tischfabrikanten, einem Feld-Wald-und-Wiesen-Schreiner und in einem Innenausbaubetrieb. Wieder spielt der Zufall mit. Im Ort läßt sich Mr. Brook, ein englischer Antiquitätenhändler, nieder und sucht dringend einen Schreiner. Cropp zögert. „Ich hatte eine Riesenskepsis gegenüber Restaurierung. Alte Möbel sind aufwendig zu bearbeiten. Dann begriff ich, daß Restaurieren nicht neu machen, sondern bewahren heißt.“
Er baut die Werkstatt auf und macht seinen Meister. Schließlich geht Brook zurück nach England, und Cropp kauft die Werkstatt. Das ist jetzt ziemlich genau 20 Jahre her. Wie wohnt er privat mit seiner Frau Susanne und den drei Kindern? „Wir haben keinen Stil“, schmunzelt er. „Möbel müssen eine Geschichte erzählen, ob das der Ulmer Bauernschrank oder unser englischer Barocksekretär ist. Wir haben nie nach Wert oder Wertzuwachs gekauft.“
„Vieles wird dort unter dem Tisch gehalten“
Nebenberuflich bildet er sich zum Restaurator im Handwerk weiter. Und er arbeitet als Dozent und unterweist zum Beispiel Kunsthistoriker, die erfahren, „warum das Holz so grün leuchtet und sich das Brett so verformt hat“. Unterrichten bereitet ihm Freude: „Ich habe das Bedürfnis, das, was ich weiß, weiterzugeben. Das ist nicht typisch fürs Handwerk. Vieles wird dort unter dem Tisch gehalten.“
Immer hat ihm auch gefallen, Dinge direkt auszuprobieren. „Vielleicht ist das ein Schlüsselwort für mein Leben. Mich treibt die Neugier an.“ So horcht er auf, als ihn sein Schulkamerad Ludwig Heuse, mit dem er in lockerem Kontakt steht, anspricht: Heuse sucht fähige Leute für sein Unternehmen, gerne auch einen Quereinsteiger, „der gesellschaftlich gut verdrahtet ist und vom Leben erzählen kann“.
„Das war klassisches Learning by Doing“
1999 ist Cropp an einem Wendepunkt angelangt. „Ich hatte ein Haus gebaut, eine Familie gegründet. War Chef eines kleinen Unternehmens mit sechs Mitarbeitern. Manchmal hatten wir eine sehr gute Auslastung, manchmal eine weniger gute. Hinzu kamen die Preiseinbrüche auf dem Antiquitätenmarkt. Und ich stellte mir die Frage, ob ich das langfristig gesundheitlich durchstehe. Am Wochenende machte ich oft noch die Buchhaltung. Zukunftsangst hatte ich nicht, das wäre zu negativ ausgedrückt, aber ich suchte nach einer neuen Perspektive.“ Ganz abgesehen davon, daß es ihn ein wenig wurmt, kein Studium zu haben. „Obgleich mich das Analytische und auch das Kaufmännische immer gepackt haben.“ Da fügte es sich gut, daß sein Schulfreund anfragt.
Drei Gründe lösen Cropps Zusage aus: „Erstens der Reiz, etwas Neues zu beginnen, zweitens die intellektuelle Herausforderung und drittens die Aussicht, ein Stück weit auf der sicheren Seite zu sein.“ Zunächst wechselt er halbtags ins Heuse-Büro, wenige Gehminuten von seiner Werkstatt entfernt. Der Unternehmer wird wieder zum Lehrling oder besser: zum Trainee. „Das war klassisches Learning by Doing.“ Schließlich bekommt er sein erstes eigenes Vermittlerprojekt.
„Den Kick und die Herausforderung des Neuen“
Das Durchschnittsalter der vermittelten Manager ist 55 Jahre, die Kunden schätzen als Ansprechpartner einen gestandenen Geschäftsmann mit Erfahrung und Menschenkenntnis. Jetzt ist Cropp Berater, verhandelt und betreut mit Kunden und Managern bis zum Schluß das Projekt. Es läuft gut. Auch, weil der 51 Jahre alte Cropp, der inzwischen Partner ist, „einen vertrieblichen Sensus hat“ und von sich sagt: „Ein Handwerker, der nicht klappert, der verkauft nichts.“ Die Interim-Manager und deren Mentalität liegen ihm sichtlich: „Das sind Leute, die immer wieder den Kick und die Herausforderung des Neuen brauchen, das ist mir vertraut.“
Er ist Inhaber seiner Restaurierungswerkstatt geblieben, beschäftigt jetzt aber einen freiberuflichen Restaurator als Kooperationspartner. „Ich kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Das ist ein großer Zugewinn an Lebensqualität.“
