13.08.2008 · Mobilität ist zu einem festen Bestandteil der modernen Arbeitswelt geworden. Stundenlange Anfahrtswege, häufige Dienstreisen - jeder zweite Deutsche kennt das aus eigener Erfahrung. Nicht jeder hält auf Dauer durch.
Von Yvonne WagnerEines Nachts ist Andreas Frick aufgewacht und wusste nach einem langen Arbeitstag nicht mehr, in welchem Hotel er sich befand. Er stand auf, ging ins Bad, um auf den Handtüchern den Hotelnamen zu entziffern, schlich sich wieder ins Bett, und in dem Moment wurde ihm schlagartig klar: "So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt." Dieses Erlebnis liegt etwa anderthalb Jahre zurück und stammt aus einer Zeit, in der Frick - aus beruflichen Gründen - jeden Monat bis zu 14.000 Kilometer in seinem Dienstwagen hinter sich gelassen hat. Vier Jahre hat er als Umzugsplaner Menschen beraten, die ihren Wohnort wechseln wollten. Dafür ist er quer durch Deutschland gereist, hatte bis zu 30 Kundentermine in der Woche auf seinem Terminkalender stehen.
Frick ist auch heute noch beruflich viel unterwegs. Allerdings hat er sich seine nächtliche Schrecksekunde zu Herzen genommen und seine Situation entschärft: Der gelernte Bürokaufmann hat den Arbeitgeber gewechselt, nachdem ihm sein früherer Chef den Wunsch nach einem ruhigeren Posten nicht erfüllte. Bei seinem neuen Arbeitgeber ist er als Verkaufsdirektor nun öfter vom Büro aus tätig. In den vergangenen acht Monaten ist er nur noch 60.000 Kilometer mit dem Auto gefahren. Inzwischen legt er weite Strecken auch im Zug oder Flugzeug zurück. Frick hat damit seine Lebenssituation verbessert und geschafft, was sich viele Menschen vornehmen, wenn sie unter den Folgen der ständigen Mobilität leiden.
Die erste repräsentative Studie
Fast jeder zweite Deutsche zwischen 25 und 54 Jahren hat Erfahrungen mit berufsbedingter Mobilität. Dies ist ein Ergebnis der Studie "Job Mobilities and Family Lives in Europe" - die erste repräsentative Studie zu berufsbedingter räumlicher Mobilität in Deutschland, Spanien, Frankreich, Polen, Schweiz und Belgien. Sie ergründet die Ursachen, die Verbreitung und die Folgen, die mit dieser flexiblen Arbeits- und Lebensweise einhergehen. Dabei unterscheiden die Autoren zwei Mobilitätsformen: Als "residenziell mobil" bezeichnen sie jene Menschen, die wegen des Berufes für immer oder mindestens für ein Jahr umgezogen sind. "Zirkulär mobil" sind hingegen die Menschen, die nur am Wochenende nach Hause kommen, die mindestens 60 Mal im Jahr aus beruflichen Gründen außer Haus übernachten oder wenigstens dreimal in der Woche eine Stunde Anfahrtsweg zum Arbeitsplatz haben.
Dabei hat sich gezeigt, dass die zweite Gruppe, auf alle mobile deutsche Arbeitnehmer bezogen, mit 80 Prozent den größten Anteil ausmacht. Ein berufsbedingter Umzug kommt für die fahrbereiten Deutschen nur in 20 Prozent aller Fälle in Frage. Vor allem Männer ziehen den Anfahrtsweg zur Arbeit vor, statt wegen des Berufs umzuziehen, ganz gleich, ob sie Familie haben oder nicht. Frauen hingegen wechseln eher ihren Wohnort, aber nur, solange sie noch kinderlos sind. "Wenn Frauen ihre Mobilität aufgeben, ist das ein Effekt des Familienstandes und nicht des Geschlechts. Dies führt auch dazu, dass sie auf dem Arbeitsmarkt stärker benachteiligt werden", sagt Norbert Schneider, Leiter der Studie und des Instituts für Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.
Erschöpft vom Zwang
Über die Hälfte aller Mobilen in Deutschland halten ihre Fahrten für unvermeidlich, 12 Prozent erleben sie sogar als Zwang, jeder Zweite fühlt sich zudem häufig erschöpft. Oft bleibt für eigene Bedürfnisse kaum noch Zeit, sogar die Gesundheitsvorsorge leidet: Man geht seltener zum Arzt und bewegt sich weniger. Die Folge sind Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rückenbeschwerden. Nur die wenigsten sehen in der Mobilität eine Chance, etwa für die berufliche Karriere oder die persönliche Entwicklung, und verbinden damit positive Dinge. Trotzdem gehören die Deutschen, verglichen mit den genannten Nachbarländern, zu den beweglichsten Erwerbstätigen. Einerseits liegt dies an dem vergleichsweise hohen Anteil vollerwerbstätiger kinderloser Frauen in Deutschland und andererseits daran, dass in einem Land mit großer Fläche auch weitere Distanzen überbrückt werden müssen.
Thilo Klein, Diplom-Ingenieur für Kunststofftechnik, hat sich vor fast vier Jahren für das tägliche Fahren entschieden. Er beginnt morgens um halb acht den Arbeitstag und beendet ihn oft erst gegen 20 Uhr. Bis er dann zu Hause ist, schlafen seine beiden Kinder meist schon. Das Familienleben konzentriert sich so auf das Wochenende, zumal er häufig europaweit auf Dienstreisen ist. "Wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich heute eher umziehen", sagt der 43 Jahre alte Familienvater. Aber er hat gerade erst seine Eigentumswohnung umgebaut, und sein Sohn geht bereits zur Schule.
Pendeln aus Rücksicht auf die Familie
Was laut der Mainzer Studie kein Einzelfall ist: Die Deutschen nehmen das Pendeln in Kauf, weil sie Rücksicht auf ihre Familie nehmen, ihr Umfeld beibehalten oder ihre eigene Immobilie nicht verkaufen möchten. Allerdings hat die Untersuchung auch gezeigt, dass sich die Situation für den Arbeitnehmer und seine Familie eher entspannt, wenn er den Umzug erst einmal gewagt hat. Ganz abgesehen von der Kostenersparnis. Detlev Lück, der sich im Rahmen des Projekts an der Uni Mainz mit den Konsequenzen von Mobilität beschäftigt hat, ist selbst zwei Jahre von Bamberg nach Mainz gependelt. "Die Fahrtkosten haben jeden Monat rund 400 Euro betragen", sagt er. Viel Geld, zumal das Einkommen der fahrbereiten Menschen durchschnittlich nicht höher ist als das anderer Erwerbstätiger.
Die meisten mobilen Arbeitnehmer befinden sich in mittleren Positionen der Unternehmenshierarchie. 65 Prozent der Befragten glauben, dass sie mobil sein müssen, um überhaupt arbeiten zu können, und sehen darin einen Weg, den sozialen Abstieg zu vermeiden. Für 61 Prozent bedeutet Mobilität auch, dass der Partner weiterhin berufstätig sein kann. "So kann das Pendeln ein Lösungsweg für Familien sein sowie für eine Beziehung, in der beide Partner berufstätig sind", sagt Schneider.
Berufe, in denen die Wirtschaft mobile Arbeitnehmer fordert, sind vor allem auf dem Sektor der wissensbasierten Tätigkeiten, im Dienstleistungssektor sowie im Bau- und Transportwesen zu finden. "Zudem führt eine starke berufliche Spezialisierung wie bei Journalisten oder Wissenschaftlern zu regional beschränkten Arbeitsmärkten", sagt Schneider - und somit zwangsläufig zum Pendeln oder zum Umzug.
Das zerrt an den Nerven
Mobile Menschen stehen oft unter Zeitdruck, müssen im Stau oder auf Bahnhöfen Wartezeiten überbrücken und erleben Stressmomente, die über viele Jahre hinweg an den Nerven zehren. Mit der richtigen Einstellung kann man es aber auch schaffen, länger und gesünder durchzuhalten. Roland Denkewitz etwa, Produktspezialist für Cashprodukte, ist für die internationale Bankenbetreuung im Auftrag der Commerzbank zuständig und im Monat rund zwei Wochen für sein Unternehmen auf der Welt unterwegs. Touren wie Tokio, Taiwan, Bangkok - drei Stationen in fünf Tagen - gehören für ihn zum Geschäft. Wenn er sich im Jetlag befindet und um drei Uhr nachts nicht schlafen kann, beginnt er bereits seine E-Mail-Korrespondenz mit Deutschland. "Ich muss mich mit anderen Kulturen auseinandersetzen und die Menschen von meinem Produkt überzeugen. Das fordert mich heraus und erweitert meinen Horizont", sagt er. Allein das sporne ihn an, weiterzumachen.
Wege aus der Mobilitätsfalle
Viele Arbeitgeber wissen nicht, dass Menschen, die unter den Folgen ihrer Mobilität leiden, auch weniger produktiv sind. Es ist daher sinnvoll, dass sich Vorgesetzte mit dem Betriebsarzt beraten, inwiefern die Beschäftigten tatsächlich von Problemen betroffen sind. Unter Umständen ist es möglich, Telearbeitsplätze einzurichten oder Vertrauensarbeitszeiten zu gewähren, in denen lediglich das Arbeitsziel festgelegt wird. Menschen, die von zu Hause aus arbeiten, sind oft sogar fleißiger, als von ihnen erwartet wird, weil sie keinesfalls als faul gelten wollen. Die Mitarbeiterselbst sollten Wege finden, wie sie besser mit der Situation umgehen können. So helfen Mikropausen, in denen man sich drei Minuten Zeit nimmt, um vor dem inneren Auge ein positives Bild entstehen zu lassen. So lässt sich das Abschalten trainieren. Außerdem ist es hilfreich, Reisezeiten als Ruhezeiten zu nutzen. Wer Familie hat und nicht weiß, wie er seine Situation entspannen könnte, ist in Familienberatungsstellen gut aufgehoben.