26.02.2010 · Wer sich im Beruf nicht ausnutzen lassen will, kann Bitten auch mal mit einem klaren „Nein“ ausschlagen - wenn er gute Gründe dafür hat. Doch wie genau geht das am besten? Und was geschieht mit denen, die niemals „Nein“ sagen?
Von Josefine JanertAuf ihr „Nein“ ist die Volkswirtin heute noch stolz. Nach ihrem Examen hatte sie ihre erste Stelle in einem Ministerium angetreten. Am Freitagnachmittag bat sie ein Kollege darum, ein Fax für ihn loszuschicken. Er stand im Mantel neben ihr, während sie den Computer herunterfuhr. „Mir war klar, dass ich mich noch lange darüber ärgern würde, wenn ich ihm den Gefallen täte“, sagt sie im Rückblick. Also lehnte sie ab. „Ich erklärte ihm, dass ich nicht die Sekretärin sei und dass ich auch gleich nach Hause wolle.“ Der Mann faxte selbst. Konsequenzen für die Volkswirtin: keine. Im Nachhinein denkt sie, dass das die Probe aufs Exempel war. „Du musst deine Position täglich behaupten, um nicht die zu sein, die ständig für andere am Kopierer steht“, sagt sie. Der Erfolg gibt ihr recht. Sie ist nun bei einer Behörde der Europäischen Union angestellt.
„Nein-sagen-Können ist eine wichtige Voraussetzung für Erfolg im Beruf“, sagt auch der Psychologe und Coach Jürgen Hesse. „Manche Menschen werden hochgeschätzt dafür, dass sie wunderbare Arbeiter sind.“ Aber die Karriereleiter nach oben steigen - das würden sie nie, daran hätte niemand Interesse. Den anderen würde der nette Kollege fehlen, der all die Aufgaben ohne Prestige übernimmt.
Darf man also nein sagen - immer und überall? Valentin Nowotny, Psychologe und Berater aus Hamburg, plädiert eher für den klugen Kompromiss. Nach dem Motto: Ja, ich übernehme die zusätzliche Aufgabe, darf aber am Freitag dafür früher gehen. „Wer geschickt verhandelt, fühlt sich von dem Ergebnis auch nicht überfordert“, sagt er. Auch die Berliner Berufsberaterin Uta Glaubitz vertritt die Ansicht: „In puncto Neinsagen sollte man sich keine allzu militärische Haltung zulegen.“
Freundlichkeit, aber nicht zu viel Diplomatie
Wenn der Kollege, der normalerweise kaum derlei Bitten äußert, völlig überlastet sei, sei es nur fair, mal etwas für ihn zu kopieren. „Wer jedoch häufig Aufgaben übertragen bekommt, die nicht zu seinem Gebiet gehören, sollte in sich hineinhorchen und überlegen, ob er grundsätzlich Probleme mit dem Neinsagen hat.“ Glaubitz hat beobachtet, dass Menschen, die schlecht etwas ablehnen können, von anderen erst recht mit Bitten behelligt werden. Nach dem Motto: Kannst du mal Herrn X für mich anrufen?
Also ein lautes Nein - und dann schweigender Rückzug ins Büro? Nein, meint Jürgen Hesse: „Erklären Sie, dass Sie prinzipiell zur Verfügung stehen, und begründen Sie sachlich, warum Sie heute nicht können, weil Sie beispielsweise mit einem anderen Projekt beschäftigt sind.“ Es sei wichtig, dem anderen und seiner Bitte Wertschätzung entgegenzubringen. Hesse und auch Uta Glaubitz empfehlen, das Neinsagen außerhalb der Firma zu trainieren. In der Kneipe das Bier zu reklamieren, wenn es warm ist. Wer überhaupt nicht nein sagen könne, solle über eine Psychotherapie nachdenken, meint Glaubitz. Erstens gehöre Neinsagen zum selbstbestimmten Erwachsenenleben dazu. Zweitens baue, wer immerfort nur ja sage und sich dabei über sich selbst ärgere, Aggressionen auf. „Wenn es dann in Ordnung wäre, jemandem einen Gefallen zu tun, explodiert er vielleicht“, sagt Glaubitz. Sie ist für Freundlichkeit, aber gegen allzu viel Diplomatie. Ein klares Nein sei wirkungsvoller, als sich zu zieren. Den Chef um ein Gespräch bitten müsse, wer etwa ständig unbezahlte Überstunden macht. Auch der Betriebsrat kann helfen - dann etwa, wenn der Auszubildende regelmäßig den Garten des Vorgesetzten jäten muss, statt die Tätigkeiten zu erlernen, die zu seinem Beruf gehören.
„Das Neinsagen fällt vor allem den Frauen schwer“
Die Volkswirtin hat in ihrer EU-Behörde eine Kollegin, die prinzipiell nein sagt, wenn Gleichrangige sie um etwas bitten. Die Kollegen wissen das und gehen gleich zu ihrem Vorgesetzten, damit die Mitarbeiterin die Aufgaben erledigt, die in ihr Ressort fallen. Das Arbeitsklima werde dadurch belastet, klagt die Volkswirtin. Doch da es sich um eine Behörde und nicht um ein privates Unternehmen handelt, komme die Frau mit ihrer Strategie durch. „Sie findet immer einen Neuling oder eine Praktikantin, die für sie den Kleinkram macht. Unseren Chefs ist das egal - Hauptsache, die Arbeit wird fertig.“
Wenn man sich im Team ständig nur Neins an den Kopf wirft, dann läuft nach Ansicht von Valentin Nowotny grundsätzlich etwas falsch. Dann sei es höchste Zeit für ein Gespräch - auch mit dem Chef. Man solle sich vorher die eigenen Bedürfnisse und Wünsche bewusstmachen und gegenüber den Kollegen Ich-Botschaften formulieren. Nicht: Ihr müsst das und das machen, sondern: Ich kann erfolgreich arbeiten, wenn das und das geschieht. „Das Neinsagen fällt vor allem den Frauen schwer“, sagt Nowotny. „Sie haben hohe Ansprüche an die Kommunikation und wollen andere nicht vor den Kopf stoßen.“ Wer sich über seine beruflichen Ziele im Klaren sei, könne leichter nein sagen.
Neinsagen - oder lieber die heimliche Sabotagestrategie?
Eine junge Fernsehreporterin hatte solche Ziele nicht - sie wollte nur ihren Job machen. Für einen Privatsender lieferte sie Berichte aus dem Bundestag. Eines Tages schickte sie ihr Vorgesetzter zum sogenannten Witwenschütteln. In der Sprache des Boulevardjournalismus heißt das, dass Reporter zu Menschen fahren, die gerade Angehörige bei einer Katastrophe verloren haben. Im schlimmsten Fall überbringen sie sogar die Todesnachricht und kehren mit Bildern von verweinten Trauernden in die Redaktion zurück. An jenem Tag war ein Flugzeug abgestürzt. „Den Auftrag, zu der Familie eines Opfers zu fahren, hätte ich sofort abgelehnt“, sagt die Reporterin. „Doch ich traute mich nicht, weil neben meinem Chef der Sendeleiter stand.“ Der hätte sie sofort gefeuert, glaubt sie.
Also vereinbarte sie mit den Kameraleuten, die Angehörigen nicht zu belästigen und stattdessen nur das Haus zu filmen. Weil auch die Konkurrenz kein tränenreiches Interview brachte, kam sie mit ihrer Lüge, sie habe keinen interessanten Gesprächspartner getroffen, bei ihrem Chef durch. „Ich habe schlechte Erfahrungen damit gemacht, zu Vorgesetzten nein zu sagen“, meint sie. Ihre Taktik des heimlichen Doch-nein-Sagens, die sie „meine Sabotagestrategie“ nennt, findet sie ungefährlich.
Muss ein Vegetarier die Vermarktung von Fleischprodukten übernehmen?
Hätte der Sendeleiter die Reporterin wegen ihrer Weigerung, den Angehörigen die Todesnachricht zu bringen und sie zu interviewen, feuern können? „Eine Klage gegen die Kündigung wäre sicher erfolgreich gewesen“, meint der Berliner Arbeitsrechtler Ralf Beyer. „Der Auftrag widerspricht den menschlichen Grundwerten.“ Welche juristischen Konsequenzen das Neinsagen hat, vermag er ansonsten nicht pauschal zu sagen. Vor Gericht würden jeweils der Arbeitsvertrag und die Situation des Unternehmens berücksichtigt. Selbst ein Akademiker, der im Unternehmen täglich Kaffee kochen muss, könne sich kaum dagegen wehren, wenn die Arbeitsorganisation nichts anderes zulässt.
Muss ein strikter Nichtraucher in einer Werbeagentur Kampagnen für Tabak entwerfen? Ist ein Vegetarier dazu verpflichtet, die Vermarktung von Fleischprodukten zu übernehmen? Valentin Nowotny empfiehlt, sich mit den Leitlinien des Arbeitgebers auseinanderzusetzen und schon im Vorstellungsgespräch über eigene Werte zu reden. Uta Glaubitz, die Philosophie studiert hat, unterscheidet zwischen Moral und Ethik. Moral - das sind die Regeln fürs Zusammenleben von Menschen. Sie betreffen alle. Bei ethischen Fragen gehe es darum, wie jeder sein Leben gestaltet. Der Arbeitgeber müsse darauf nicht eingehen. „Ob jemand Nichtraucher oder Vegetarier ist, ist eine ethische Frage - also seine private Angelegenheit.“