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Veröffentlicht: 19.11.2014, 06:00 Uhr

Die Geheimnisse der Kollegen Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß

Der Praktikant ist alarmierend selbstbewusst. Der Kollege still, weiß aber über alles und jeden bestens Bescheid. Und der Chef bevorzugt die Neue. Aber warum? Und sollte mich das kümmern? Wir sorgen für Durchblick.

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© Getty Images Haben Sie Ihre Kollegen schon durchschaut? Nicht alles offenbart sich auf den ersten Blick.

Wer im Büro nicht hinter die Fassade der Kollegen blickt, der arbeitet gefährlich. Denn hinter einem Choleriker kann ein verborgener Komplex stecken, den man durch unbedachtes Verhalten immer wieder anstacheln kann. Und wer nicht weiß, wer mit wem auch privat gut „zusammenarbeitet“, für den kann ein kleiner Tratsch auf dem Flur böse Konsequenzen haben. Hier die gängigsten Geheimnisse, die leicht zum Fettnäpfchen werden können.

Scheinbar Harmlose

Ursula  Kals Folgen:

Nicht ungefährlich sind die allseits Freundlichen. So wie der Kollege der bayrischen Behörde. Er ist höflich, zuvorkommend, freundlich bis zur Unauffälligkeit und immer ein bisschen gesichtslos. Als aber für alle überraschend der Rücktritt des Behördenchefs durchsickert, wirkt der stille Mann als Einziger nicht überrascht. Er kommt mit Knallern um die Ecke. Denn die Bescheidenheit und Zurückhaltung ist seine Strategie.

Irgendwann bei einem dritten Glas Wein nach Feierabend gibt er sein Berufsgeheimnis preis: Ich pflege mein Image, blasser Durchschnitt zu sein. Ich mag es, unterschätzt zu werden. Mir wird viel anvertraut. Ich habe einen Informationsvorsprung. Dass seine Tarnung auf manch anderen wie eine Täuschung wirkt, will ihm nicht in den Kopf. Entscheidend ist, diese dezenten Menschen nicht zu unterschätzen.

Verborgene Komplexe

Ungern erinnert sich der ehemalige Bankkaufmann an sein erstes Lehrjahr im Westfälischen. Vier Wochen arbeitete er damals in der viel frequentierten Schalterhalle der Filiale. Da unterläuft ihm ein kleiner Anfängerfehler, was sein Ausbilder M. zum Anlass nimmt, vor den Kunden loszupoltern und den jungen Mann cholerisch herunterzuputzen: „Sagen Sie, Sie haben doch auch Abitur. Leute wie Sie sind der beste Beweis, dass das nichts heißt! Wie konnten Sie diese Fehlbuchung übersehen . . .“ Immer wieder ereilen den angehenden Bankkaufmann unkontrollierte Wutausbrüche, M.’s hasserfülltes Leitmotiv ist das Abkanzeln der Abiturienten.

Der unglückliche Azubi fühlt sich regelrecht gemobbt. Nach einem leidvollen Monat wird dem Lehrling gesteckt: Nehmen Sie das nicht so tragisch.  Wussten Sie denn nicht, dass der M. zwar tüchtig ist, aber selbst kein Abitur hat und damit nicht klarkommt? Die Wut auf bessere Ausbildungen sind unter den Komplexbehafteten ein Klassiker: Wer kennt ihn nicht, den erfolgreichen Nichtakademiker, der grundsätzlich allen frisch Examinierten betont kritisch gegenübertritt und damit vorführt, dass er sein fehlendes Studium als Mangel erlebt - bis hin zum ausgewachsenen Minderwertigkeitskomplex. Was hilft: gelassen bleiben, je emotionaler der Aggressor, umso sachlicher bleibt man selbst.

Überehrgeizige Praktikanten

Praktikanten sind willkommen, die meisten von ihnen sind ebenso einsatz- wie diskussionsfreudig. Außerdem übernehmen sie gern Aufträge. Routinearbeiten gibt es für sie nicht, denn sie haben noch keine Routine. Nur eins befremdet: ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein. In Diskussionen ergreifen sie gern das Wort, vertreten kesse Thesen, völlig ungeachtet, dass damit die Arbeit des verdienten Seniorchefs scharf kritisiert wird. Trauen Sie sich den Auftrag zu? „Natürlich, kein Problem!“ Zackig erfolgt die Zusage, nicht mal der Hauch eines leisen Zweifels ist spürbar, wohl aber die „Was kostet-Berlin-mit-Beleuchtung-Haltung“. Cool wirken sie und zuweilen unterkühlt. Warum ist das so? Was verbindet all diese jungen Uni-Absolventen, die im Übrigen doch ganz sympathisch sind?

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Eine ebenfalls junge Kollegin klärt auf: „Forsch aufzutreten, das wird uns in den Hochschul-Instituten so eingebimst. Das haben die Dozenten auch mir so eingebleut, immer verbunden mit der Warnung: Wenn ihr zurückhaltend auftretet, traut euch keiner etwas zu. Und die Konkurrenz schläft nicht.“ Das also ist das Geheimnis: Die jungen Kollegen spielen eine Rolle, weil man ihnen immer wieder gesagt hat, dass sie sonst keine Chance auf Übernahme haben. Das Phänomen taucht in allen möglichen beruflichen Kontexten auf. Eine Abteilungsleiterin eines großen Medienhauses in München klagt: „Mir graut es vor all den übercoachten Praktikanten.“ Hilfreich ist, freundlich klarzumachen, dass es um die Sache, nicht um die Selbstdarstellung geht. Meist kommt die Botschaft an und wird sogar erleichtert vernommen.

Heimliche Liebschaften

Das ist der Stoff für sechstklassige Komödien: Wer ist mit wem verschwistert, verschwägert, liiert oder war einmal aufs engste miteinander verbandelt? Theoretisch weiß jeder, dass ein Büro auch eine Partnerschaftsbörse sein kann, praktisch blenden das viele aus und treten in Fettnäpfchen. Dass Eheleute nicht denselben Nachnamen haben, macht die Sache nicht transparenter. Da wird abfällig über die neue Kollegin gelästert und nicht registriert, dass der Vorgesetzte kritisch die Augenbrauen hebt und plötzlich wortkarg wird. Tja, er hat die Dame bereits näher kontaktiert. Gut für alle, wenn einer aus dem heimlichen Paar dann die Abteilung, am besten den Arbeitgeber wechselt. Manch enge Kontakte erschließen sich erst auf den dritten Blick. So verwundert es, dass der neue Kollege eingestellt worden ist, obwohl er nicht über die in der Stellenausschreibung geforderte Qualifikation verfügt. Und tatsächlich kapituliert er vor schwierigen Aufgaben.

Dennoch hat das bei den Chefs keine nennenswerten Konsequenzen. Während andere längst eine Abmahnung bekommen hätten, wird der als „Low-Performer“ Geschmähte zwar vor versammelter Mannschaft kritisiert, das aber war’s. Per Zufall stellt sich dann heraus, dass das der Sprössling eines Verbindungsbruders von Vorstand A ist. Man kennt sich, man hilft sich und stellt den Nachwuchs ein. Was bei diesen unprofessionellen Netzwerken - im Rheinland heißt das Klüngel - so heikel ist, in vielen Unternehmen waltet die unausgesprochene Regel: Die gestandenen Kollegen wissen das zwar, aber die neu Hinzukommenden werden nicht eingeweiht. Wer mag schon solchen Tratsch weitertragen? Was in solchen Fällen hilft: anfangs eine gewisse Zurückhaltung, später eine freundliche Nachfrage, um Transparenz herzustellen. Das mag mitunter indiskret sein, schafft aber Klarheit auf allen Seiten.

Polarisierende Weltanschauungen

Heutzutage laden traditionsbewusste Geldinstitute zu schwulen Filialleitertreffen, und die Schulfreundin erklärt selbstbewusst, dass sie sich von ihrem Mann getrennt habe und jetzt mit „ihrer Frau“ zusammenlebe. Die Welt dreht sich rasant, wer da einen verächtlichen Kommentar über andere Lebensformen zum Besten gibt, der kann Kollegen verletzen und sich mit einem Halbsatz Todfeinde machen. Manchmal sind die oberflächlichen Bemerkungen gar nicht so böse gemeint, wie sie wirken. Aber weniger ist hier mehr. Zurückhaltung ist auch in Fragen der Religion geboten. Soll jeder nach seiner Fasson selig werden, solange er andere damit nicht stört.

So wie die hilfsbereite Kollegin, die zuverlässig zuarbeitet und ein wenig bieder wirkt, halt der Typ, der in der Kantine konsequent vor der Tupperdose sitzt. Nach fünf Jahren freundlicher Zusammenarbeit bittet man sie zum kurzweiligen Geburtstagsumtrunk. Die Einladung wird mit Verlegenheit quittiert und dem kryptischen Satz: „Tut mir leid, ich kann nicht gratulieren. Wir Zeugen Jehovas feiern keine Geburtstage“. Warum sie das flüstert? Zu tief sitzen abwertende Bemerkungen über ihre religiöse Orientierung.

Private Tragödien

Wer beruflich vorankommen möchte, nach Bewährungsproben möglicherweise den Abteilungsleiter beerben und Chef seiner einstigen Kollegen sein möchte, der sollte sich mit privaten Äußerungen zurückhalten. Wer allzu viel von sich preisgibt, macht sich verletzbar, das ist das A und O der Kommunikationstrainer und sagt einem der normale Menschenverstand. Ist es wirklich ratsam, von der Krebsdiagnose der Frau und der autistischen Störung des Sohns zu berichten? Nicht wenige Arbeitnehmer beantworten diese Frage mit einem klaren Nein. Möglicherweise weihen sie den Vorgesetzten ein, um eine gewisse zeitliche Kulanz zu erreichen.

Aber sie möchten nicht, dass ihre privaten Tragödien Teeküchengespräch werden, sich auch noch in der Arbeitszeit - einer manchmal wohltuenden Auszeit von privaten Problemen - mit gut gemeinten, aber lähmenden Erklärgesprächen belasten. Also schweigen sie. Wer privat welche Last zu tragen hat, das ist nicht transparent. Was daraus folgt: polemische Äußerungen über Krankheiten gar nicht erst tun, nicht penetrant über das eigene Söhnlein brillant referieren. Für die kinderlose Frau nicht die Schublade „egostische Doppelverdienerin“ öffnen, sondern mal darüber nachdenken, ob sie womöglich seit Jahren Kinderwunschsprechstunden aufsucht. Das bleibt ihr Geheimnis. Und wir rechnen damit.

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