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Die beliebtesten Ziele (9) In China dreht sich die Welt schneller

04.02.2007 ·  Der Traum vom Zukunftsmarkt China lockt viele an. Der Umzug ist aber nur für denjenigen sinnvoll, der bestens vorbereitet ist und Lust und Mut hat, sich auf eine vollkommen fremde Kultur einzulassen.

Von Christoph Hein
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Das asiatische Jahrhundert, so es denn angebrochen ist, hat eine unumstrittene Hauptstadt: Schanghai, "Stadt der Zukunft", der Dreh- und Angelpunkt des neuen China. Hier ist vieles möglich, hier liegt der Einstieg in den Markt der 1,2 Milliarden Chinesen, hier scheint das Herz eines jeden im Rhythmus des Wirtschaftswachstums zu schlagen, hier ticken die Uhren anders, und die Welt dreht sich ein wenig schneller. Auf den ersten Blick werden in Schanghai alle Klischees vom neuen China bedient. Kein Wunder also, dass manche, die die Stadt besuchen, aber auch einige, die nur von ihr lesen, auf die Idee verfallen, sich dort ein neues Leben aufzubauen.

"China ist bestimmt nicht der richtige Ort für Glücksritter, die in Deutschland gescheitert sind. Zumal China solche Leute auch gar nicht haben will", warnt Brigitte Wolff all jene, die in China einen Fluchtpunkt sehen. "Das Leben hier braucht viel Vorbereitung. Gut erscheinen mir dafür etwa Doppelstudiengänge, die Sinologie und Betriebswirtschaft miteinander verbinden, wie zum Beispiel die Fachhochschule Konstanz dies anbietet", sagt Wolff. Sie muss es wissen - schließlich hat sie aus eigener Kraft ihre Unternehmensberatung Abacus Corporation in Schanghai aufgebaut.

Mehr Pioniergeist als Chinesischkenntnisse

Gleichwohl versucht es mancher, der über mehr Pioniergeist als Chinesischkenntnisse verfügt, auf eigene Faust. Deutsche haben eine Immobilienvermittlung für Ausländer in Schanghai gegründet und den ersten chinesischen Verleih für Partyzelte. Sie produzieren deutsche Würste und backen deutsches Brot, praktizieren als Zahnärztin oder arbeiten als freie Journalisten. "Wer ohne Entsendung kommt, hat dann Chancen, wenn er ein erfolgreiches Geschäftsmodell aus Europa überträgt, das es in China derzeit noch nicht gibt", empfiehlt Wolff.

Klar im Vorteil sind dabei immer die Sinologen. Sie lernen, sich in der chinesischen Kultur zu bewegen, beherrschen Mandarin, können sich wenigstens ohne Hilfe Dritter verständigen. Manche von ihnen machen schnell Karriere: Wer sich in China wie ein Fisch im Wasser bewegt, der kann es auch mit 35 und nur fünf Jahren Berufserfahrung etwa schon zur Einkaufschefin eines Großkonzerns bringen.

7000 Deutsche im Raum Schanghai

Rund 7000 Deutsche lebten allein im Großraum der Wirtschaftsmetropole Schanghai, schätzt das dortige Generalkonsulat. Die von den Firmen Entsandten haben es noch am einfachsten - denn in der Regel verfügen sie über ein annehmbares Paket an Sozialleistungen und einen Flugschein zurück in die Heimat. Aber ihr Einsatzgebiet beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die gut entwickelte Ostküste. "Wer nach Schanghai versetzt wird, der freut sich in der Regel. Aber wenn es dann nach Wuxi geht, steigt die Angst. Dort will man nicht hin, dort muss man hin", sagt Li Yamei, Programm-Managerin für Asien am Institut für Interkulturelles Management in Rheinbreitbach. Dessen Kurse haben viele der Entsandten durchlaufen, um sich auf einen Auslandsaufenthalt vorzubereiten. "China wird bei uns, zusammen mit Amerika, immer noch am meisten nachgefragt", sagt Lis Kollege Rolf Daufenbach. "Im vergangenen Jahr haben wir neun Kurse zur Vorbereitung auf eine Entsendung nach China angeboten. Für Indien waren es vier Kurse, von denen aber nur zwei zustande kamen."

Wo der Kompass nach Süden weist

Wie aber lebt es sich hinter der Chinesischen Mauer? "Die Chinesen schreiben in Bild-, statt in Lautzeichen, von rechts nach links und vertikal statt horizontal. Sie tragen Weiß als Trauerfarbe statt Schwarz, ihr Totenhemd heißt ,Kleid des langen Lebens'. Ihr Nachname steht vorn, der Vorname hinten. Sie ergreifen zur Begrüßung die eigene statt die Hand des andern. Und ihr Kompass weist nach Süden", umschreibt das Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen das Fremde. Kurz: "Die chinesische Welt ist anders gepolt als unsere. Sie lebt nach ihren eigenen Grundsätzen und hat mit unserer nicht viel mehr gemein als die Gültigkeit der Naturgesetze." Brigitte Wolff gibt ein Beispiel: "Die deutsche Gründlichkeit und Zuverlässigkeit sollte man ganz schnell ablegen. Absprachen, Verträge, Zusagen sind hier in der Regel nichts anderes als Angebote und werden daher nicht als bindend betrachtet." Einfach also macht es China niemandem. "Wer kommt, ohne die Sprache zu beherrschen, wird quasi ins Kleinkindalter zurückkatapultiert. Er muss es schon als reizvolle Herausforderung ansehen, sich auf eine vollkommen andere Kultur einzulassen", sagt Wolff.

Exotenbonus eingebüßt

"Thailand gilt vielen Ausreisewilligen als Urlaub mit Arbeit. China hingegen wird als Arbeit ohne Urlaub verstanden", bringt Daufenbach die wohl berechtigte Sorge derjenigen Deutschen auf den Punkt, die bald in China arbeiten werden. Denn klar ist, dass die nach China entsandten Mitarbeiter den Exotenbonus inzwischen verloren haben. Angesichts des medialen Trommelfeuers vom Wachstumsmarkt China sind die Erwartungen der Abteilungsleiter und Vorstände in der Heimat hoch. Für die Unternehmen zählt auch in China heute die Rendite. Auch wenn sie mit mehr Schweiß und Sorgen des Entsandten vor Ort erkauft wird als anderswo auf der Welt.

Quelle: F.A.Z., 03.02.2007, Nr. 29 / Seite C4
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