02.01.2007 · Rechtlich gibt es kaum Fallstricke für die 57.000 Deutschen, die in Österreich leben und arbeiten. Der Arbeitsmarkt boomt, die EU erleichtert einen schnellen Berufsstart. Statt dessen muß der „Piefke“ soziale Hürden nehmen.
Von Michaela SeiserSkifahren und Wandern sind eine Sache. Dafür heißt Österreich Deutsche schon lange Zeit willkommen. Im Gegensatz zu früher ist die Alpenrepublik aber nicht nur zum Urlauben beliebt. Immer mehr Arbeitskräfte und Studenten siedeln sich zwischen Bregenz und Eisenstadt an, derzeit leben und arbeiten fast 57.000 Deutsche in Österreich.
Ihre Anzahl hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Damit stellen sie die zweitgrößte Gruppe unter den Immigranten, noch vor den Türken und hinter Bürgern des ehemaligen Jugoslawien. Vor allem in Fremdenverkehrsberufen, im Bauwesen, im Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen sowie im Bereich unternehmensbezogener Dienstleistungen sind Deutsche zu finden.
Deutsche Dienstleister gesucht
Hier finden sie auch die meisten offenen Stellen - und es dürften mehr werden. Denn das wirtschaftspolitische Umfeld in Österreich ist so gut wie seit 25 Jahren nicht mehr. Die Arbeitslosenquote fällt im internationalen Vergleich mit rund 5 Prozent niedrig aus. Bis 2008 werden nach Einschätzung von Fachleuten rund 111.000 zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen.
Das gilt vor allem für den Dienstleistungssektor: Für das Gesundheits- und Sozialwesen meldet der staatliche Arbeitsmarktservice (AMS) einen breitgefächerten Bedarf an Fachkräften.
Davon können die Deutschen problemlos profitieren: Da Österreich Mitglied der EU ist, können sie sich hier ohne Arbeitsbewilligung niederlassen. Für die meisten Tätigkeiten ist auch unerheblich, ob ein Ausbildungs- oder Studienabschluß anerkannt ist. Nur bei Berufen mit staatlicher Zulassung - wie etwa Arzt oder Lehrer - sollte die Anerkennung geklärt sein, bevor man sich bewirbt, rät die Bundesagentur für Arbeit. Nicht immer wird der potentielle Arbeitgeber wissen, was sich hinter einer deutschen Ausbildung und ihrem Namen verbirgt.
Ösis bleiben unter sich
Auch finanziell ist die Arbeit in Österreich kein Abstieg, die Gehälter und Lebenshaltungskosten sind vergleichbar mit den deutschen. Einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn gibt es nicht. Allerdings fällt der Kündigungsschutz im Vergleich zu Deutschland deutlich schlechter aus. Arbeitslosengeld wird ein halbes Jahr nach dem Jobverlust in Höhe von 55 Prozent des letztjährigen Nettobezugs gezahlt.
Die Zahlen zeigen: Wer einmal in Österreich war, geht ungern weg. Denn die Lebensqualität ist dank eines riesigen Kulturangebots, guten Ausbildungsstätten und einer intakten Umwelt sehr hoch. Ungeachtet dessen muß sich der Großteil internationaler Führungskräfte meist mit Sozialkontakten in der internationalen Gemeinde begnügen. Denn die Österreicher bleiben gerne unter sich.
Im Kontakt zu Ausländern geben sich die Alpenbewohner gerne höflich und vermeiden dabei, direkt und verbindlich zu sein. Für Nichteingeweihte ist das oft mißverständlich. Wien ist deshalb nicht nur für manchen Neuling eine Vexierstadt, die zwischenmenschliche Herzlichkeit bloß vorgaukelt. Jedem Fremden ist anzuraten, sich in diesem Spiegelkabinett äußerst vorsichtig zu verhalten.
Tadellose Manieren sind gefordert
Christian Helmenstein, Chefökonom in der österreichischen Industriellenvereinigung und gebürtiger Rheinländer, hat nach 14 Jahren in Österreich viel über die hiesigen Rituale der Kommunikation gelernt. „Anders als hier kommt man in Deutschland direkter, sachlicher, schneller zum Punkt. In Österreich nähert man sich einem Thema am besten auf der Metaebene.“
Auffällig ist auch ein stark hierarchisches Denken. Die Österreicher sind klassenbewußt, die Ansprache ist ihnen äußerst wichtig, und sie sprechen sich tatsächlich mit ihren akademischen Graden an. Überhaupt hängen die Österreicher an tadellosen Manieren. Ihre Umgangsformen seien besser, sagt die aus Bayern kommende stellvertretende Leiterin des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo), Margit Schratzenstaller.
Man müsse sich erst wieder daran gewöhnen, daß einem in den Mantel geholfen wird und man die Tür nicht selbst zu öffnen brauche. Ab und zu stolpert sie über den in Österreich noch praktizierten Handkuß. Einen Österreicher mit „Hallo“ anzusprechen oder anzuschreiben wird als seltsam aufgefaßt. „Servus“, „Grüß Gott“ ist üblich. In Wien reicht ein lässiges „Baba“ als Abschiedsgruß aus.
Bloß nicht in die Piefke-Falle tappen!
Der Unterschied zwischen Wien und Berlin liegt weniger in der gemeinsamen Sprache, die beide Völker trennt, wie Karl Kraus es formuliert hat. Sondern vielmehr, was man mit ihr ausdrückt, wie am Beispiel des Begriffes „grundsätzlich“ klar wird: In Wien verwendet man ihn gerne ganz pragmatisch im Zusammenhang mit unliebsamen Vorschriften.
Die Österreicher sind flexibler und halten sich, wie Frau Schratzenstaller erfahren hat, nicht buchstabengetreu an Gesetze. In Berlin ist das Recht so, wie es ist. Wenn an der Spree schon alles gesagt ist, wird an der Donau noch einmal geredet. Hier nehmen die Leute (auch wenn alles schon zweimal gesagt worden ist) konsequenterweise noch ein Glas Wein - das denn auch gerne als Fluchtachtel bezeichnet wird - und dann noch eins und kommen sich so noch ein bißchen näher. In Berlin sind alle Beteiligten zu dem Zeitpunkt längst daheim.
„Bloß nicht in die Piefke-Falle tappen und als humorloser Brachialdeutscher auftreten“, rät Martin Hehemann, aus Norddeutschland stammender Marketing-Chef in der Bank Austria Creditanstalt. Ein bißchen Fingerspitzengefühl, Demut, Bescheidenheit und vor allem Humor sei angebracht.
Ernst sind hier nur die Verbitterten
In Österreich ist das Nichternstnehmen explizit. Alles ist durchdrungen von einem ironischen Grundton, das Gemeinte und das Gesagte sind fast immer weit voneinander entfernt. Die einzigen, die wirklich etwas ernst meinen, sind die Verbitterten. Alle anderen tun nur so, als ob.
Entsprechend ist die Grunddisposition des Österreichers der verdeckte Fleiß: Jeder einzelne, sofern er sich noch nicht aufgegeben hat, ist ungeheuer arbeitsam, versucht aber zugleich, seinen Ehrgeiz hinter einer Fassade des Faulenzertums zu verstecken. Denn „Streber“ oder „Ehrgeizling“ zählen hier zu den schlimmsten Schimpfwörtern.
Wer besser sein will als die anderen, arbeitet notfalls heimlich am Wochenende - wenn nicht im Erst-, dann zumindest im Zweitberuf. Denn Österreich ist das Land der Nebenberufe: Wie es bei berufenen Zeitzeugen heißt, spielen in keinem anderen Land die Zahnärzte so gut Cello wie in Wien.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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