29.12.2006 · Dänische Sandstrände? Schwedische Weite? Der Norden lockt mit mehr: Arbeitskräfte sind rar. Goldene Zeiten für Bewerber, nicht nur am Bau oder in der Gesundheitsbranche - nächster Teil der Serie über ausländische Arbeitsmärkte.
Von Siegfried ThielbeerDänemark und Schweden sind beliebt in Deutschland, als traditionelle Wohlfahrtsstaaten der Bundesrepublik sehr ähnlich. Daß man dort als Deutscher auch gut Arbeit finden kann, ist weniger bekannt. Die Lebensumstände sind denen in Deutschland sehr ähnlich, in Dänemark noch mehr als in Schweden, wo man dem nordischen Lebensgefühl näher kommt.
Beide Länder glänzen mit einer relativ guten Krankenversorgung, mit einem ausgezeichneten Netzwerk an Kindergärten, mit solider Arbeitslosenversicherung. Umgekehrt gelten die Deutschen als fleißig, pünktlich und zuverlässig, auch wenn diese Tugenden heute vielleicht eher für Schweden als für Deutsche zutreffen.
Auch in Nordeuropa gibt es verblüffend viel Bürokratie rund um Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen; andererseits werden die Sprachprobleme eher überschätzt. Sowohl Dänisch als auch Schwedisch kann man in den Grundzügen wegen der Ähnlichkeiten mit dem Deutschen relativ rasch erlernen. Schon nach kurzer Zeit kann man beim Lesen von Zeitungen oder bürokratischen Texten oft gut raten, was gemeint sein könnte. Die meisten Dänen und Schweden sprechen sehr gut Englisch, in der Regel erheblich besser als die Deutschen, und meist, vor allem die Älteren, auch etwas Deutsch.
Rekordtief seit 30 Jahren
Die Arbeitslosigkeit in Dänemark hat Ende 2006 mit 113 000 oder vier Prozent ein Rekordtief seit 30 Jahren erreicht. Bedenkt man, daß es für etwa 130 000 arbeitende Dänen ökonomisch unsinnig ist, einen Job zu haben, weil sie mit der Fülle der Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfen, Stipendien, Wohnzuschüssen und Kindergeld eigentlich Geld verlieren, wenn sie arbeiten und für ihre Einkommen hohe Steuern zahlen müssen, wundert man sich gelegentlich, daß nicht mehr Menschen arbeitslos sind und in der sozialen Hängematte liegen. Die dänische Konjunktur boomt seit Jahren, noch nie ging es dem Land so gut wie jetzt. Die Wirtschaft ist nicht so großindustriell geprägt wie in Schweden. Das Land hat seinen Erfolg vor allem durch eine Fülle kleinerer Unternehmen mit Nischenprodukten erreicht, mit biomedizinischer Forschung und IT-Entwicklungen. Längst leidet das Land unter Personalnot.
Auch in Schweden ist die Arbeitslosigkeit mit etwa fünf Prozent relativ gering, auch hier gibt es in einigen Sektoren schon einen ausgeprägten Personalmangel. Auch hier boomt die Wirtschaft. Dennoch werden Schweden wie Deutsche oder Polen zunehmend von dänischen Unternehmen angeworben. Ein Medizinkonzern hat in Frankfurt eine Kampagne gestartet, um deutsche Ärzte als Forscher zu gewinnen. Dänische Handwerksbetriebe werben in grenznahen Gebieten sowie in Ostdeutschland. Das jütländische Wachstumszentrum Kolding sucht im Internet (www.businesskolding.dk und www.jobmessekolding.dk) in deutscher Sprache Arbeitskräfte und veranstaltet im Januar eine Jobmesse.
Bauwirtschaft und das Gesundheitswesen
Sowohl in Dänemark als auch in Schweden sind es vor allem zwei Arbeitsgebiete, in denen händeringend Arbeitskräfte aus dem Ausland gesucht werden: die Bauwirtschaft und das Gesundheitswesen. Das Gesundheitswesen ist auf hohem wissenschaftlichen und technischen Standard. Die oft beklagten monatelangen Wartezeiten für Behandlungen und Operationen zeigen jedoch, daß es immer wieder an Personal fehlt. Auch in der boomenden Bauindustrie gibt es in beiden Ländern empfindliche Engpässe.
Im Gesundheitswesen werden in Schweden vor allem Fachärzte gesucht sowie Zahnärzte, Krankenschwestern, Hebammen. Das Bildungswesen Schwedens sucht Berufsschullehrer und Erzieher. Im Baugewerbe werden vor allem Elektriker gesucht, Installateure, Maurer oder Maler. Auch Bauingenieure werden vom schwedischen Arbeitsamt („Arbetsförmedlingen“, www.ams.se) genannt, außerdem Automechaniker. Die Industrie braucht mehr Gebäudetechniker, Maschinenbauer, Elektroingenieure. In der Gastronomie werden besonders Köche gesucht.
In Dänemark ist die Situation ähnlich. An einem Tag Mitte Dezember bot die öffentliche Arbeitsvermittlung www.jobnet.dk in mehr als 9000 Annoncen über 16 000 Stellen an, davon 500, die an dem Tag neu waren, und auch viele, die keine besondere Ausbildung voraussetzen. Im Internet zeigt sich starke Nachfrage vor allem im mittleren Jütland und auf der Insel Seeland in der Hauptstadtregion Kopenhagen. Vor allem IT-Programmierer werden sehr gesucht. In Dänemark warnte die Industrie schon davor, daß Entwicklungsaufgaben bald in die Vereinigten Staaten verlegt werden müßten, weil man in Dänemark nicht genügend Programmierer finde. Über das Leben und gesetzliche Vorschriften in Dänemark und Schweden geben deutschsprachige Broschüren der Botschaften und Arbeitsämter Auskunft.
Hohe Steuern, aber mit Sozialbeiträgen
Löhne und Preise in Schweden liegen etwas unter dem deutschen Niveau, in Dänemark deutlich darüber. Die Wohnungskosten sind vor allem in Dänemark extrem hoch, Mieten im Raum Kopenhagen fast unerschwinglich; in Schweden sind Wohnungen eher mit Deutschland vergleichbar. Hier zahlt es sich aus, vom Arbeitgeber Hilfe zu erhalten. Abschreckend hoch wirken in beiden Ländern die Steuern von 40 bis 60 Prozent des Einkommens. Doch sind mit den Steuern auch die Sozialbeiträge geleistet – und eine grundlegende Krankenversicherung abgedeckt. Bleiben Luxussteuern in Dänemark auf jedes Automobil: 180 Prozent. Für den dänischen Preis eines kleinen Škoda könnte man sich in Deutschland einen dicken Mercedes leisten. Andererseits braucht man angesichts der hervorragend ausgebauten Nahverkehrslinien meist kein Auto. Für den Urlaub in Deutschland nimmt man dann eben einen Mietwagen.