19.07.2007 · Das Berliner trendence Institut hat Nachwuchsjuristen nach ihren Traum-Arbeitgebern befragt. Die Spitzenreiter konnten sich behaupten. Und es gibt unter Kanzleien ein paar Aufsteiger, denen es gelungen ist, ihre Marke zu stärken.
Von Melanie AmannEine Welt mit zu wenigen Juristen, kann es das geben? Wohl kaum, sollte man denken: Im Jahr 2005 strömten rund 5500 Jungjuristen auf den Rechtsberatungsmarkt, wo sich schon 140.000 Anwälte auf die Füße treten. Tatsächlich ist aber die Zahl der Studierenden und Absolventen seit Jahren rückläufig. Vor allem die Zahl guter Juristen deckt die Nachfrage schon lange nicht mehr. Nach Branchenschätzungen haben deutsche Großkanzleien jedes Jahr einen Bedarf an 650 hochqualifizierten Jungjuristen mit zwei Prädikatsexamina, Auslandserfahrung, Fremdsprachenkenntnissen und zumindest einer angefangenen Dissertation. Um die schätzungsweise 500 Absolventen, die diese Voraussetzungen erfüllen, wetteifern Kanzleien, Unternehmen und der öffentliche Dienst.
Umso wichtiger wird für die Arbeitgeber die Frage: Wohin zieht es die Nachwuchsleute? Wer sind die beliebtesten Arbeitgeber? Seit neun Jahren bemüht sich das trendence Institut in Berlin, auf diese Fragen eine Antwort zu finden. In diesen Tagen wird die Studie für 2006 veröffentlicht, und sie zeigt: Ihren Lieblingsmarken bleiben die Juristen treu. Auf den Plätzen 1 bis 6 hat sich nichts verändert: Spitzenreiter ist seit Jahren das Auswärtige Amt. Obwohl dort nicht das große Geld zu machen sei, habe diese "Übermarke" auf die Juristen nach wie vor eine besondere Anziehungskraft, sagt Markus Pohl, Research Director von trendence. Andere Arbeitgeber im öffentlichen Dienst tauchen in der Liste nicht auf. Schon 2007 könnte sich die Rangfolge aber ändern: Die Zustimmungswerte des Auswärtigen Amtes sinken stetig, während die Plätze zwei und drei aufholen. Sie werden besetzt von der internationalen Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer und der deutschen Sozietät Hengeler Mueller. "Strenggenommen bilden diese drei eine Spitzengruppe", sagt Pohl.
Nur die Elite befragt
Auch auf Platz vier und fünf stehen wie im Vorjahr die Großkanzleien Clifford Chance und Gleiss Lutz, auf sie folgt abermals McKinsey. Danach stellt sich das Feld gemischter dar, es tauchen auch Unternehmen jenseits der Beratungsbranche auf wie die Lufthansa (Platz 9), BMW und Porsche (beide 10) sowie die Deutsche Bank (13).
Dass sich die "großen sechs" auf den ersten Plätzen halten können, lässt sich auch mit der Auswahl der Befragten erklären. So bemüht sich trendence, die Zielgruppe auf hochqualifizierte Jungjuristen einzuschränken. Befragt werden nur Stipendiaten des Online-Karrierenetzwerks "E-Fellows", die nach ihren Noten im Abitur, in juristischen Scheinen und im Staatsexamen ausgewählt werden. Der Vorteil der Methode: Nur ein leistungsstarker Ausschnitt der Jura-Szene wird befragt. Der Nachteil: In dieser Gruppe mischen sich Studierende des ersten Semesters - die nur diffuse Vorstellungen vom Rechtsmarkt haben und nur die großen Namen kennen - mit Referendaren, deren Berufsziele klar definiert sind. Das könnte einige Unzulänglichkeiten erklären. So stimmte die Mehrheit der Befragten der Aussage zu, dass man in einer fusionierten Kanzlei mit ausländischer Beteiligung geringere Chancen habe, Partner zu werden. Aus der Studie ist aber nicht ersichtlich, ob und für wie viele eine rein deutsche Sozietät reizvoller ist.
Mundpropaganda und gute Hochschularbeit
"Im Laufe ihres Studiums lernen die Juristen auch kleine, spezialisierte Kanzleien oder Wirtschaftsprüfungsgesellschaften kennen", sagt Markus Pohl. Auch Rechtsabteilungen von Unternehmen entwickelten sich oft erst später zu einer ernsthaften Option. Auf die Dauer wolle trendence in die Umfrage möglichst nur "examensnahe" Studierende einbeziehen. Den Kanzleien rät Markus Pohl, beim Nachwuchs früh die eigene Marke zu etablieren: "Mundpropaganda und eine gute Hochschularbeit sind entscheidend."
Ein Aufsteiger in der Studie ist die Kanzlei Shearman & Sterling, die sich von Platz 21 auf Platz 12 hochgearbeitet hat. "Die Studien der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass wir einen geringen Bekanntheitsgrad hatten", sagt Pressesprecher Marcus Brans. Daraufhin habe die Sozietät ihre Anzeigenkampagne umgestaltet. Anstelle einer "Bleiwüste" werden nun einzelne Partner abgebildet, die ihren Werdegang und einen Teil ihrer Persönlichkeit preisgeben, etwa ihre Hobbys. Auch über Lehraufträge und Repetitorien suche man Kontakt zu Absolventen. Ein weiterer Grund für den Erfolg von Shearman & Sterling könnte sein, dass die Kanzlei als Erste in Deutschland ein Einstiegsgehalt von 100.000 Euro gezahlt hat. Brans weist dies zurück: "Wir wollten zwar durchaus ein Signal an den Markt senden." Letztlich sei das Gehalt aber nur ein Entscheidungskriterium für den Nachwuchs, entscheidend sei die Qualität der Mandatsarbeit und dass die "Chemie" stimme. Beim Gehalt zeigen sich die Befragten ohnehin bescheiden: Für eine Arbeitszeit von 54 Wochenstunden erwarten sie ein Jahresgehalt von 64.000 Euro.
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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