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Deutsche Standards Der Urlaub ist heilig

06.07.2007 ·  Trotz Klagen über den „Freizeitpark Deutschland“ gewährt die große Mehrheit der Unternehmen ihren Angestellten 30 Tage Urlaub pro Jahr. Wer hier kürzt, verliert den Wettstreit um begehrte Bewerber.

Von Christoph Hus
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Beim Thema Urlaub ist der Hannoveraner Reifenhersteller Continental ein deutsches Musterunternehmen: Alle Angestellten haben Anspruch auf 30 Urlaubstage pro Jahr - wie die meisten Arbeitnehmer in Deutschland. Dabei spielt es bei Continental keine Rolle, ob sie gemäß Tarifvertrag bezahlt werden oder eine übertarifliche Vergütung erhalten. Auch sonst entspricht in Hannover alles dem Standard: Können Arbeitnehmer ihren Urlaub nicht komplett im laufenden Kalenderjahr nehmen, dürfen sie ihn bis zum 31. März des Folgejahres nachholen, wenn der Vorgesetzte einverstanden ist. Kein Wunder, dass die Urlaubsregelungen für Angestellte und Bewerber im Unternehmen kaum ein Thema sind: "Wir können hier keine besondere Aufmerksamkeit feststellen", sagt Angela Liedtke, Leiterin der Konzern-Personalabteilung.

Zwar kochte in den vergangenen Jahren immer wieder die Diskussion über die Anzahl der freien Tage hoch: Während die Wirtschaft nur mäßig wuchs und die internationale Wettbewerbsfähigkeit schrumpfte, schimpften Kritiker über den "Freizeitpark Deutschland". Doch geändert hat sich nichts: "Viele Unternehmen haben zwar einmal den Gedanken durchgespielt, die Zahl der Urlaubstage zu senken", berichtet Tom Feldkamp von der Unternehmensberatung Kienbaum. "Doch die Überlegungen waren schnell vom Tisch. Die Zahl der Urlaubstage ist eine heilige Kuh, an die sich kein Unternehmen herantraut. Wer bei seinen Angestellten sparen will, setzt zuerst an anderen Punkten an."

30 Tage sind Standard

So sind 30 Urlaubstage pro Jahr hierzulande weiterhin Standard, belegt eine aktuelle Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung. Danach gibt es nur wenige Branchen, deren Unternehmen ihren Angestellten weniger Urlaub gönnen, darunter die Landwirtschaft, der Einzelhandel, das Hotel- und Gaststättengewerbe und das Gebäudereinigerhandwerk.

Im internationalen Vergleich stehen deutsche Angestellte damit weiterhin gut da, belegt eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft: In Europa haben nur schwedische Angestellte einen höheren tarifvertraglich geregelten Urlaubsanspruch - nämlich 33 Tage pro Jahr. Es folgen Dänemark und Deutschland mit jeweils 30 Urlaubstagen. Zu den Schlusslichtern in Europa zählen Zypern und Slowenien, wo Angestellten per Tarifvertrag nur durchschnittlich 20 Tage pro Jahr garantiert sind.

Per Gesetz sind in Europa meist 20 Tage vorgeschrieben. So auch in Deutschland: Der Urlaubsanspruch von Angestellten ist hier im Bundesurlaubsgesetz geregelt. Es legt fest, dass Arbeitnehmer bei einer Fünf-Tage-Woche mindestens 20 Tage Urlaub pro Jahr zustehen. Nur in Schweden, Dänemark, Luxemburg, Österreich, Frankreich, Norwegen und Portugal ist der Mindesturlaub länger.

Den Urlaubsstandard, der in einem Land gilt, müssen Unternehmen zwangsläufig als Maßstab akzeptieren. Denn wer seinen Angestellten weniger Urlaubstage zugesteht, hat einen Nachteil beim Werben um neue Mittarbeiter. Bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young zum Beispiel haben junge Mitarbeiter 28 Urlaubstage pro Jahr, ab dem vierzigsten Lebensjahr kommen zwei weitere Tage hinzu. "Wenn wir einen Tag weniger anbieten würden als unsere Konkurrenten, würde uns daraus noch kein Nachteil entstehen", sagt Karen Hochrein, bei Ernst & Young für Personal verantwortlich. "Aber viel größer dürfte der Unterschied nicht sein." Denn andere große Prüfungsgesellschaften wie KPMG und Deloitte gewähren ihren Angestellten in Deutschland ebenfalls rund 30 Tage - auch wenn alle drei Unternehmen weltweit vertreten sind und anderswo auf dem Globus viel weniger Urlaub üblich ist.

Viele lassen Urlaub verfallen

Ganz gleich, wie hoch der Urlaubsanspruch der Angestellten auf dem Papier ist: Wie viel freie Tage sie tatsächlich nehmen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Fast ein Drittel der Angestellten in Deutschland nutzen nicht alle Urlaubstage, die ihnen zustehen, hat das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW herausgefunden. Danach machen Deutsche im Durchschnitt nur 26 Tage Urlaub, obwohl ihnen 28 Tage zustehen. Wer Urlaubstage verfallen lässt, ist meist jung und hochqualifiziert, fand das DIW heraus.

Die Forscher der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben derweil den Eindruck, dass deutsche Arbeitnehmer zunehmend auf Urlaubstage verzichten. "Bisher ist das nur ein subjektiver Eindruck, den wir nicht mit Zahlen belegen können", sagt Hartmut Seifert von der Hans-Böckler-Stiftung. In den kommenden Monaten will er Betriebsräte zu diesem Thema befragen. Sollte sich die Annahme bestätigen, ist sie nach Meinung Seiferts ein weiterer Beleg für den Trend, dass Unternehmen von ihren Mitarbeitern ein größeres Engagement verlangen - auch in der Freizeit.

Quelle: F.A.Z., 30.06.2007, Nr. 149 / Seite C5
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