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Deutsche in Singapur Musterschule für die Globalisierung

13.02.2007 ·  Die Deutsche Schule in Singapur gilt als Musterbeispiel einer Auslandsschule. Die Kinder der modernen Berufsnomaden bekommen eine internationale Ausbildung auf hohem Niveau - und eine Heimat, bis sie weiterziehen.

Von Christoph Hein
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Groß steht er da, grün, mit ausladenden Blättern. Ravenala madagascariensis weist dem Suchenden den Weg: Seine Blätter sollen sich nach Westen und Osten ausrichten. Dem Dürstenden bietet er Wasser, das sich unter seiner Krone sammelt. Deshalb wird die Fächerpalme auch der "Baum der Reisenden" genannt. "Ein besseres Symbol hätten wir uns doch gar nicht ausdenken können", sagt Günter Boos, Direktor der Deutschen Europäischen Schule auf der Tropeninsel Singapur. Und deshalb wächst Ravenala nicht nur rund um die Schule, sondern prangt auch auf den Polohemden ihrer Schüler, auf Visitenkarten und Briefpapier.

Reisende, das sind viele der Schüler hier. Denn die ganz überwiegende Zahl von ihnen kommt mit ihren Eltern nur für ein paar Jahre in die Wirtschaftsmetropole Südostasiens. Dann ziehen die Väter, zumeist gutverdienende Arbeitsnomaden der Neuzeit, für Siemens, BASF, die Deutsche Bank oder Daimler-Chrysler weiter - vielleicht nach Hongkong, vielleicht nach Schanghai, vielleicht nach London. Und die Familie zieht mit. Im Durchschnitt verbringt ein Schüler knapp viereinhalb Jahre auf der Deutschen Schule in Singapur. "In dieser Zeit versuchen wir, unseren Schülern und Schülerinnen so viel Heimat wie nötig zu bieten und sie, so gut es nur geht, auf die Anforderungen der Welt vorzubereiten", sagt Boos. Deshalb bietet die Schule auch exotische Angebote: In einer Arbeitsgemeinschaft basteln die Schüler Roboter, schon im Kindergarten werden die Kleinen an Naturwissenschaften herangeführt. Auch Englisch - die Verkehrssprache in Singapur - wird schon im Kindergarten unterrichtet. Doch die Schüler lernen mehr als nur die Wohlstandsinsel Singapur kennen: Die Sechzehnjährigen reisen während eines Sozialpraktikums für zwei Wochen in ein indisches Dorf und helfen dort beim Aufbau mit.

Phänomene wie in Kreuzberg

Der ungewöhnliche Bildungsweg scheint Erfolg zu zeigen. Offiziell will es niemand bestätigen, um die anderen deutschen Schulen nicht herabzusetzen - doch gilt die Deutsche Schule Singapur selbst den Beamten der Auslandsschulbehörde in Bonn als Vorzeigeinstitut. Dies liegt auch an dem geplanten Modellversuch von Unternehmen und Behörden und Auslandsschulen, einen gemeinsamen Videounterricht zu entwickeln (siehe: Video-Unterricht für deutsche Schüler im Ausland). Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Deutsche Schule in Singapur verzeichnet einen Abiturnotenschnitt von 2,1. "Das berühmte Internat in Salem kommt auf 2,2, der Schnitt in Baden-Württemberg liegt bei 2,3, in Bayern bei 2,4", sagt Boos.

Familien, die der Arbeitgeber nach Singapur entsendet, gelten als stabil, sie sind in der Regel sozial gut bis sehr gut gestellt, und Mütter, die nicht arbeiten dürfen, haben mehr Zeit für ihre Kinder. Und doch bemerken die Lehrer so etwas wie "Wohlstandsverwahrlosung": "Ein Drittel unserer Kinder stammt aus bikulturellen Ehen. Wenn aber die Mutter etwa Thai ist, das philippinische Kindermädchen nur Tagalog spricht und der deutsche Vater laufend auf Reisen ist, dann entstehen auch in begüterten Familien Phänomene wie an Kreuzberger Schulen", sagt Boos.

Da hilft die Klassengröße: Im Durchschnitt beträgt sie 20 Schüler. "Bei 24 schließen wir eine Klasse. In Deutschland liegt der Umfang bei 33", sagt der Schulleiter. "Wir halten eine sehr enge Beziehung zu Schülern wie Eltern, setzen sehr stark auf Beratung." Die Schule, die alle Schüler nimmt, hat ein eigenes Förder- und Beratungszentrum. "Wir sind einfach näher dran an den Kindern", sagt der Direktor. Heute unterrichten 136 Lehrer auf dem Schulgelände von 12000 Quadratmetern gut 900 Kinder. "Wir hatten eine wunderschöne Planung: Erst 2010 sollten es eintausend Schüler und Schülerinnen werden. Nun erreichen wir die Zahl in diesem Jahr und die Schule platzt aus allen Nähten. Wir müssen wohl anbauen", sagt Boos. Nur etwa 150 deutsche Kinder in Singapur besuchen eine andere Schule am Ort.

Boos gilt unter Lehrern wie Schülern als fordernd. Er wählt genau aus, welche Lehrer er für sein System braucht. Allerdings fällt ihm das leichter als manch anderem Leiter einer Auslandsschule, weil die Steuern in Singapur deutlich unter dem deutschen Niveau liegen und damit das Nettogehalt erhöhen. Auf drei Gruppen kann er zurückgreifen: "Wir haben Lehrer aus vielen anderen Ländern, etwa aus Australien oder England, hier in Singapur angeworbene Ortskräfte - oft Ehefrauen von Entsandten - und Auslandsdienstkräfte, die aus Deutschland vom Bundesverwaltungsamt abgeordnet werden." Zwischen 30 und 40 Bewerbungen erhält Boos auf eine ausgeschriebene Stelle. Die Lehrer kommen aus 19 Nationen. Ihre Schüler stammen aus 32 Ländern. Wie aber finanziert sich eine so bunt zusammengesetzte Musterschule in den Tropen? 25 Prozent der Kosten werden durch Fördermittel gedeckt. 75 Prozent stammen aus dem Schulgeld. Das beträgt rund 15000 Singapur-Dollar (knapp 7600 Euro) im Jahr. Das Lernen also ist ein teures Vergnügen. "In den allermeisten Fällen tragen die Unternehmen die Kosten, um der entsandten Familie keinen Nachteil gegenüber Deutschland entstehen zu lassen", sagt Boos. Für Notfälle gibt es eine Sozialklausel: Verliert der Vater in Singapur etwa aufgrund einer Kündigung sein Einkommen, dürfen die Kinder kostenfrei bis zum Ende des Schuljahres am Unterricht teilnehmen.

Drogentest per Haarprobe

Boos ist das wirtschaftliche Denken nicht fremd. "Wir verstehen uns als Dienstleister, verkaufen eine besondere Erziehung und Pädagogik", sagt der Schulleiter. Allerdings darf die Schule als eingetragener Verein keinen Gewinn ausweisen. "Wir bilden Rücklagen und investieren", sagt Boos. Zuletzt baute die Schule eine neue Mehrzweckhalle, die zugleich als Schaustück deutscher Umwelttechnologie in Singapur genutzt wurde. Der größte Schritt aber war die Gründung eines europäischen Bereichs (Eurosec), der sich auch an nichtdeutsche Schüler wendet: Hier ist die Unterrichtssprache Englisch, das Schulmodell ist stärker vom angelsächsischen Erziehungsgedanken geprägt. Auch viele deutsche Eltern mögen das: Von den inzwischen 410 Schülern der Eurosec sind 130 deutsche. "Wir wollen mit Eurosec deutschen und anderen Schülern die Möglichkeit geben, eine internationale Ausbildung zu bekommen, ohne das Deutsche zu vernachlässigen", sagt Boos. Deshalb sind für jeden fünf Stunden Deutschunterricht in der Woche Pflicht.

Auch für die Eurosec gilt freilich eine Besonderheit, die es so wohl nur in Singapur gibt: Wegen der rigiden Rauschgiftgesetze im Stadtstaat hat die Deutsche Schule einen Haartest für alle Schüler eingeführt. Einmal im Jahr müssen sie eine Probe abliefern, die dann verschlüsselt nach Amerika in ein Labor geschickt wird. Wird Rauschgiftkonsum festgestellt, erfährt dies nur Boos - und der kann dann die Eltern informieren. Und damit die betroffenen Schüler im Zweifelsfall vor Haft oder Henker in Singapur bewahren.

Quelle: F.A.Z., 10.02.2007, Nr. 35 / Seite C1
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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