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Aktualisiert: 05.11.2014, 05:00 Uhr

Marshmallow-Test Nimm mich!

Was haben Marshmallows mit der Karriere zu tun? Eine ganze Menge, wie der berühmte Test von Walter Mischel beweist. Warum Sie nicht gleich nach dem erstbesten Bonbon greifen sollten, das der Chef Ihnen vor die Nase hält.

von Tomasz Kurianowicz
© Picture-Alliance Die Schaumzucker-Leckerei kann Psychologen als Probe dazu dienen, ob ihre Probanden zum „Belohnungssaufschub“ fähig sind - genannt wird das dann „Marshmallow-Test“.

Das Experiment, mit dem der Neuropsychologe Walter Mischel von der Columbia University in New York zu einer Art Pop-Star in der Wissenschaft geworden ist, klingt so einfach wie simpel: In den sechziger Jahren hat er amerikanische Vorschulkinder vor einen Marshmallow gesetzt und ihnen erklärt, dass sie eine zweite Süßigkeit als Belohnung bekommen, wenn sie zwanzig Minuten den Marshmallow unberührt lassen. Wenn sie allerdings den Snack vor Ablauf der Zeit aufessen oder eine Klingel betätigen, um das Aufsichtspersonal in das Labor zu holen, müssen sie sich mit nur einem Marshmallow zufriedengeben. Der Test fiel unterschiedlich aus: Einige Kinder aßen den Marshmallow sofort auf oder scheiterten schon nach wenigen Minuten; andere hielten ohne Probleme die vorgeschriebene Zeit durch - und wieder andere setzten ausgeklügelte Methoden ein, um sich abzulenken und das hochgesteckte Ziel zu erreichen. Das Experiment ist zum Klassiker geworden und wird auch von der Werbung kopiert.

Über das Experiment und seine Folgen hat Walter Mischel jetzt nach all den Jahren ein Buch geschrieben: „The Marshmallow Test. Mastering Self-Control“. Dabei stellt der Psychologe, der 1933 in Wien geboren wurde und in die Vereinigten Staaten emigriert ist, nicht nur die bekannten Ergebnisse der ersten Studie dar. Mischel erklärt auch, wie die Resultate mit den späteren Lebensleistungen der Versuchspersonen zusammenhängen, und genau das macht das Werk so spannend. Die Kinder, denen es gelang, durchzuhalten und die süße Schaumzuckerware nicht zu essen, haben Jahrzehnte später erfolgreichere Wege im Berufs- und im Familienleben eingeschlagen als jene Kinder, die weniger Willensstärke zeigten. Mischels Hypothese lautet deshalb: Wer über eine starke Willenskraft verfügt und sich auf langfristige Ziele konzentriert, hat bessere Chancen, ein erfolgreiches und zufriedenes Leben zu führen.

Nun könnte man davon ausgehen, dass Mischel mit seinen Thesen einen biologischen Determinismus propagiert: Entweder wir werden mit Willensstärke geboren - oder wir sind verdammt dazu, unserem genetischen Hang zur Faulheit zu erliegen. Doch das ist nicht der Schluss, den der Neurowissenschaftler zieht. Ganz im Gegenteil: Obwohl er davon ausgeht, dass die genetische Apparatur eine Tendenz zu hoher oder niedriger Willensstärke vorgibt, macht er ebenso deutlich, dass es von der Freiheit jedes Einzelnen abhängt, die Fähigkeit zur eigenen Selbstkontrolle zu verbessern. Auch jene Menschen, die nicht das Glück hatten, mit der richtigen Genetik ausgestattet zu sein, eine gute Schule zu besuchen oder aufmerksame und motivierende Eltern zu haben, können ihr Gehirn auf Erfolgskurs bringen.

Reizobjekte aus Fühl- und Sichtweite verbannen

Und hier kommen die Kinder aus dem Marshmallow-Test ins Spiel: Aufschlussreich für Mischels Analyse sind besonders jene, die verschiedene Tricks einsetzten, um die zwanzig Minuten zu überstehen. Sie haben dem Wissenschaftler gezeigt, was man tun muss, um den „inneren Schweinehund“ auszutricksen und ein Ziel zu erreichen. Man kann den Test deshalb symbolisch verstehen und auf alle Lebensbereiche übertragen: Im Alltag kann der zweite Marshmallow für eine Beförderung stehen, die mehr Zeit, Geduld oder Arbeit erfordert; oder für einen kleineren Bauch, für den man auf Süßigkeiten verzichten will; oder für einen Partner, dem man trotz Verlockungen treu bleiben möchte.

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Mischel erteilt denn auch handfeste Ratschläge auf Basis seiner Beobachtungen. Jene Kinder, die besonders erfolgreich waren, lenkten sich ab. Sie drehten sich vom Objekt der Begierde weg, fingen an zu zappeln, zu lachen, Musik zu machen oder eine andere Beschäftigung im Raum zu suchen, um den Marshmallow zu vergessen. „Wenn die Belohnung sichtbar war, war es für die Kinder höllisch schwer, auf den zweiten Marshmallow zu warten. Wenn die Belohnung bedeckt war, war es viel einfacher, der Versuchung zu widerstehen.“

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