Home
http://www.faz.net/-gym-vywx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Der letzte Tag im alten Job Abgang mit Stil

Für den Start am neuen Arbeitsplatz gibt es tausend Ratschläge. Wie der letzte Tag aussehen soll, darüber macht sich dagegen kaum jemand Gedanken.

© Fotolia Vergrößern Es geht auch anders: Abgang mit Stil

Es war kein Tag wie jeder andere. Morgens um halb acht betrat die Chefsekretärin das Büro, hörte als Erstes den Anrufbeantworter ab und wandte sich dann dem Posteingangskörbchen zu, in dem dieses Mal - anders als sonst - nur ein paar Blättchen lagen. An ihrem letzten Arbeitstag hatte sie so wenig zu tun, dass sie das Büro pünktlich um 16 Uhr verlassen konnte. Den Schlüssel ließ sie auf dem Schreibtisch und warf den Kollegen auf dem Flur noch einen kurzen Gruß zu - das war's, acht Jahre ihres Lebens einfach vorbei. "Die Tränen flossen erst im Auto", sagt sie heute. Und das, obwohl sie eigentlich keinen Grund zum Weinen hatte. Schließlich war sie es, die das Arbeitsverhältnis gekündigt hatte.

Scheiden tut weh, ganz gleich, welche Seite den Vertrag aufgelöst hat. Mag es dabei auch nicht immer so stillos zugehen wie im Fall der Chefsekretärin, der sich erst kürzlich in einem großen Münchner Unternehmen abspielte. Eine große Ausnahme sind formlose Abgänge in deutschen Unternehmen jedoch nicht. Anders als in anderen Ländern gibt es hierzulande überhaupt keine Abschiedskultur, bedauert nicht nur Rolf van Dick, Wirtschaftspsychologe an der Universität Frankfurt. Schlimmer noch: Man sieht in den Unternehmen in der Regel auch überhaupt keinen Handlungsbedarf.

„Wir lassen Euch nicht im Stich“

Wenn überhaupt, dann ist bestenfalls die Verabschiedung in den Ruhestand geregelt. "Alles andere überlassen wir den Vorgesetzten", heißt es fast unisono in den Personalabteilungen großer wie kleiner Unternehmen. Und auch die Verbände fühlen sich von dem Thema nicht angesprochen. Die Gewerkschaften verweisen die Frage nach gängigen Praktiken und Hilfestellungen vom Bundesverband zu den Einzelgewerkschaften und wieder zurück; und auch bei den Arbeitgeberverbänden lässt sich kein Ansprechpartner ausmachen.

Wie der erste Arbeitstag gestaltet werden soll, darüber gibt es zahlreiche Ratgeber. Wie der letzte aussehen kann, darüber kennt auch Experte Dick weder Literatur noch Untersuchungen. Selbst wenn im Rahmen von großen Entlassungswellen eigens Outplacementberater hinzugezogen werden, dann geht es dabei im Wesentlichen darum, den Bleibenden zu signalisieren: Wir lassen euch nicht in Stich. "Um den Ablauf des letzten Arbeitstages kümmern wir uns nicht", so eine Sprecherin von Mühlenhoff und Partner, einer der größten Beratungen in Deutschland. Und sie fügt verschämt hinzu: "Aber ich weiß von vielen Betroffenen, dass sie ihn als sehr schlimm erleben."

Schalen Nachgeschmack vermeiden

Manche haben sogar so große Angst davor, dass sie sich am letzten oder sogar an den letzen Tagen krankmelden. Eine Statistik darüber gibt es zwar nicht, aber "wer kennt das Phänomen nicht", seufzt der Abteilungsleiter einer Frankfurter Bank. Dabei sind Vorgesetzte keineswegs immer unbeteiligt daran, wenn der Abschied misslingt - besonders dann, wenn der Mitarbeiter aus freien Stücken geht. Oft ist es persönliche Verletztheit, weiß die Münchner Karriereberaterin Madeleine Leitner, die dazu führt, dass der scheidende Kollege schikaniert, mit Arbeit zugeschüttet oder wie im Fall der Sekretärin am Ende einfach ignoriert wird.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kolumne Mein Urteil Muss ich mich auf Leistungsziele festlegen?

Ein Arbeitnehmer hält einen Karriereplan nicht ein. Das war aber so abgemacht! sagt sein Arbeitgeber und mahnt ihn ab. Die Sache kommt vor Gericht, das in seinem Urteil klar Stellung bezieht. Mehr

06.09.2014, 08:00 Uhr | Beruf-Chance
Bund und EU legen Ökostrom-Streit bei

Das Bundeskabinett verabschiedete unter anderem die Reform des Ökostrom-Gesetzes EEG, die Einschnitte bei der Förderung des Ökostroms vorsieht. Verbraucherschützer kritisieren, dass Unternehmen weniger eingeschränkt werden, als ursprünglich geplant war. Mehr

08.04.2014, 17:20 Uhr | Politik
Manieren im Berufsalltag Der Rüpel ist salonfähig

Gutes Benehmen geht immer mehr verloren. Besonders schlimm sind die Wohlsituierten. Und Manieren haben nur noch jene, von denen man es eigentlich nicht erwartet. Mehr

09.09.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
Deutsche Firmen verlassen das Land

Immer mehr deutsche Unternehmen, die sich im Irak engagieren, sind von den Auseinandersetzungen mit der Terrorgruppe Islamischer Staat betroffen und fliegen ihre Mitarbeiter aus. Mehr

27.08.2014, 10:59 Uhr | Wirtschaft
Jean Paul Gaultier Adieu, Prêt-à-porter

Der Pariser Designer Jean Paul Gaultier verabschiedet sich vom Prêt-à-porter. Er will sich nur noch auf die Haute Couture und die Parfums konzentrieren. Sein Teilrückzug zeigt, wie schwer es mittelgroße Unternehmen in der Mode haben. Mehr

15.09.2014, 15:37 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.11.2007, 16:00 Uhr