Home
http://www.faz.net/-gym-111jf
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Ingenieur Kurzarbeit und Zwangsurlaub

15.11.2008 ·  Die Krise ging langsam los. Im November mussten alle Mitarbeiter einen Tag Urlaub nehmen, um Überkapazitäten abzubauen. Ab nächsten Monat hat er selbst einen Tag in der Woche frei. Das ist für den Ingenieur kein Grund zur Freude.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Ab nächsten Monat hat er einen Tag in der Woche frei. Das ist für den Ingenieur kein Grund zur Freude, denn sein Betrieb, ein Automobilzulieferer, hat Kurzarbeit beantragt. Außerdem mussten schon viele Zeitarbeiter gehen. Der Grund: In der Finanzkrise kauft kaum einer mehr Autos, vor allem die Amerikaner nicht. Die Automobilhersteller lassen ihre Bänder stillstehen und bestellen weniger bei ihren Zulieferern. Sein Arbeitgeber beliefert sie zwar alle - unter anderem Opel, Daimler, Audi, VW, BMW -, doch wenn es allen schlechtgeht, leidet auch seine Firma. Wenn auch weniger als viele andere: „Die Auswirkungen sind zum Glück noch nicht so drastisch, weil wir früh Trends erkannt und gegengesteuert haben“, sagt der Ingenieur.

Die Krise ging langsam los. Im November mussten alle Mitarbeiter einen Tag Urlaub nehmen, um Überkapazitäten abzubauen. Als die Aufträge weiter zurückgingen, stellte der Betrieb beim Arbeitsamt den Antrag auf Kurzarbeit: „Für mich bedeutet das, dass ich einen Tag in der Woche weniger arbeiten muss. Das ist natürlich positiv“, sagt er. „Dafür habe ich aber am Ende des Monats auch weniger Geld in der Lohntüte.“ Denn der Ausgleich, den das Arbeitsamt für die Kurzarbeit zahlt, liegt deutlich unter dem regulären Ingenieurs-Lohn. Das hat Folgen: Ein neues Auto ist für ihn trotz der Kfz-Steuererleichterung nicht drin.

Weniger Sprit

Sein ironischer Kommentar zu den Plänen der Bundesregierung, um die Automobilindustrie wieder anzukurbeln: „Ich denke jetzt natürlich: Wow, ich spare 100 bis 200 Euro im Jahr. Da kaufe ich mir gleich einen Neuwagen für 25000 Euro.“ Wer allerdings bei hohen Spritpreisen 30 Kilometer zum Arbeitsplatz fahre, habe durch die Kurzarbeit wieder gewonnen. Schließlich braucht er weniger Sprit.

Sein Job ist nicht gefährdet. Der Familienvater ist schon über 20 Jahre bei dem Automobilzulieferer beschäftigt und wird das als Stammarbeiter auch erst mal bleiben. Dafür sind die Zeitarbeiter betroffen, und befristete Verträge werden nicht verlängert. Viele mussten in den vergangenen Wochen ihren Arbeitsplatz räumen. Der Ingenieur ist sicher: „Das nächste halbe Jahr werden wir noch mit Problemen zu kämpfen haben.“

Zur nächsten Geschichte: Warten auf die Kündigung

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen