14.02.2008 · Frank Grüner ist promovierter Mediziner. Doch die Arbeit im Krankenhaus schreckte ihn ab. Darum arbeitet er lieber als Flugbegleiter für die Deutsche Lufthansa.
Frank Grüner ist promovierter Mediziner. Doch die Arbeit im Krankenhaus schreckte ihn ab. Darum arbeitet er lieber als Flugbegleiter für die Deutsche Lufthansa.
Wollten Sie schon als Kind Flugbegleiter werden?
Nein, als Kind wollte ich Pilot oder Bankkaufmann werden.
Der Arztberuf reizte Sie nicht?
Zunächst nicht. Erst später, da war ich aus dem Kindesalter schon raus. Doch weil die Auswendiglernerei so gar nicht mein Ding war und ich von meinen Eltern finanziell unabhängig sein wollte, machte ich nach meinem Abitur erst einmal eine Ausbildung zum Luftverkehrskaufmann bei der Deutschen Lufthansa.
Das war aber nicht der Traumberuf?
Den Beruf des Luftverkehrskaufmanns hatte ich zufällig entdeckt, und er hat mich begeistert. Als unser Ausbildungsjahrgang dann wegen der Golfkrise Anfang der Neunziger nicht übernommen werden konnte, bot uns die Lufthansa an, Teilzeit im Konzern zu bleiben, wenn wir studieren würden. Genau das habe ich dann gemacht: Ich habe Medizin in Marburg studiert und in Frankfurt am Check-in-Schalter gearbeitet. Das war manchmal sehr hart.
Wann kam der Zeitpunkt, als Sie sich sagten: Medizin ist doch nicht das Richtige für mich?
Ich würde nicht sagen, dass es nicht das Richtige ist - nur nicht in der heutigen Ausprägung. Das wurde mir während meines praktischen Jahrs bewusst. Das Wahlfach Augenheilkunde hatte mir viel Spaß gemacht. Abends bin ich nach Hause gegangen und freute mich schon auf den nächsten Tag. Dann aber folgten Innere Medizin und Chirurgie. Ich verließ abends die Klinik und dachte immer häufiger: Ich will da morgen nicht mehr hin.
Warum?
Es war super stressig. Man hatte kaum Zeit für die Patienten. Doch aufgeben kam für mich so kurz vor dem Abschluss nicht in Frage.
Und dann blieb nur die Lufthansa?
Nicht ganz. Es war aber eine Option.
Als Sie mit dem Fliegen anfingen, stand noch kein "Dr." auf Ihrem Namensschild?
Nein, das kam erst später.
Sind die Passagiere überrascht, wenn sie den "Dr." sehen?
Häufig. In der Regel gehen die Gäste davon aus, dass Flugbegleiter keine Akademiker sind. Dabei sind meiner persönlichen Schätzung nach an die 25 Prozent meiner Kollegen an Bord Akademiker: Pfarrer, Lehrer, Wirtschaftswissenschaftler.
Wie viele Mediziner gibt es bei den Fliegenden der Lufthansa?
Ich schätze etwa 20. Einige arbeiten nebenher als Mediziner: als Notärzte oder als Vertreter in Praxen. Ein Kollege hat in Wien eine eigene Praxis.
Rufen Passagiere nach dem Herrn Doktor, wenn sie etwas zu trinken wollen?
Eher selten. Aber Bemerkungen fallen schon gelegentlich.
Zum Beispiel?
Neulich fragte mich einer, ob man einen Doktortitel brauche, um Orangensaft zu servieren. Da muss man durch.
Die sogenannten Götter in Weiß haben noch immer einen guten Ruf, während Flugbegleiter, die despektierlich Saftschubsen genannt werden, meist nicht gut wegkommen. Stört Sie das?
Solche Klischees sind für beide Berufsgruppen ein Problem. Die Götter oder Halbgötter in Weiß sind auf Sockel gestellt worden und können heute doch kaum die hohen Erwartungen an sie erfüllen. Leider gehen immer mehr Menschen mit ihrer Gesundheit lax um, weil sie glauben, mir kann nichts passieren, die Ärzte werden's schon richten. Das ist oft ein Trugschluss. Bei "Saftschubsen", wie Sie sie nennen, ist es genau umgekehrt: Häufig hat man von dem Beruf des Flugbegleiters ein sehr reduziertes Bild. Es geht ja gerade nicht nur darum, Orangensaft auszuschenken. In erster Linie ist das fliegende Personal für die Sicherheit an Bord verantwortlich und braucht eine ordentliche Portion Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis.
Wenn Sie privat gefragt werden, welchen Beruf Sie haben: Was sagen Sie? Und machen Sie Ihre Antwort von Ihrem Gegenüber abhängig?
Meist sage ich einfach, dass ich Flugbegleiter bin, als Arzt bin ich ja momentan nicht tätig. Wenn ich jemanden besser kennenlerne, sage ich natürlich auch, dass ich Mediziner bin. Meist muss ich mich dann rechtfertigen.
Rechtfertigen?
Ja, kaum einer versteht, warum ich nach so einem langen Studium lieber Flugbegleiter bin als Arzt. Dabei sind die Berufe von ihrem innersten Kern gar nicht so weit voneinander entfernt: Es geht darum, sich um das Wohlbefinden anderer Menschen zu kümmern.
Ein Mediziner an Bord kann aber durchaus auch Vorteile haben. Eine Ansage wie "Ist ein Arzt an Bord?" entfällt mit Ihnen als Purser ja wohl.
Nicht unbedingt. So viel medizinische Erfahrung habe ich ja nicht, und wenn ein Notfallmediziner an Bord ist, kann der natürlich besser helfen als ich. Ich lege also Wert darauf, dass die Ansage trotzdem gemacht wird.
Bedauern Sie es aber nicht doch, nicht fest als Mediziner zu arbeiten?
Ja und nein. Ich würde eigentlich ganz gerne beides machen.
Was stört Sie an der Arbeit im Krankenhaus?
Ich habe vor drei Jahren nebenher in einem Kreiskrankenhaus gearbeitet. Nach kurzer Zeit hatte ich mehr als 30 Überstunden angesammelt. Und dann musste ich mir vom Chefarzt anhören, die Verwaltung sei nicht bereit, Kaffeepausen mit Krankenschwestern zu bezahlen. Da sinkt die Motivation gleich auf null.
Spielt das Finanzielle bei Ihrer Entscheidung auch eine Rolle?
Das spielt insofern eine Rolle, als dass sich darin keinerlei Wertschätzung für die hohe Verantwortung und die lange medizinische Ausbildung zeigt. Vergleichen Sie mal die reellen Stundenlöhne mit zum Beispiel einer Putzfrau, sie werden überrascht sein! Als Purser verdiene ich sicherlich den einen oder anderen Euro weniger als meine Studienkollegen, dafür habe ich eine höhere Lebensqualität. Wenn ich aus New York zurückkomme, schreibt mir das Luftfahrtbundesamt vor, dass ich fast 24 Stunden keinen Flieger betreten darf. Dreißig-Stunden-Dienste im Krankenhaus sind eher die Regel - und am nächsten Morgen geht es gleich weiter.
Was sagen Ihre Eltern, dass ihr Sohn eigentlich Arzt sein könnte und als Flugbegleiter arbeitet?
Die Standardaussage - und nicht nur von meinen Eltern, sondern auch von meinen Freunden - ist: Dann war das Studium ja völlig umsonst. Wer nicht im medizinischen Bereich gearbeitet hat und weiß, wie es im Gesundheitswesen in Deutschland zugeht, dem fällt es schwer, meine Entscheidung zu verstehen. Als ich in dem Kreiskrankenhaus nach sechs Wochen gekündigt habe, sagten die meisten Kollegen dort: Recht hast du. Wenn wir die Möglichkeit hätten, würden wir auch sofort gehen.
Kaufmann - Arzt - Purser
Frank Grüner, geboren am 12. März 1969 in Fulda, hat nach Abitur und Wehrdienst 1990 eine Ausbildung zum Luftverkehrskaufmann bei der Deutschen Lufthansa begonnen. Danach hat er in Marburg und ein Semester in Innsbruck Medizin studiert und nebenher - vor allem am Wochenende und nachts - im Check-in am Flughafen Frankfurt gearbeitet. Nach Abschluss des praktischen Jahrs und seiner Promotionsarbeit hat er im September 2001 als Flugbegleiter bei der Lufthansa angefangen. 2004 kehrte er mit einer halben Stelle in einem kleinen Kreiskrankenhaus in die Medizin zurück, hat aber nach nur zwei Monaten wegen der schlechten Arbeitsbedingungen dort wieder gekündigt. Seit 2005 ist er Purser und vor allem auf Kurzstrecken im Einsatz.