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Demographie Ein Lotse kommt an Bord

13.06.2009 ·  Viele mittelständische Unternehmen sind nicht auf die Alterung der Gesellschaft vorbereitet. Bundesweit werden deshalb nun Demographielotsen geschult, um ihr Wissen in Betriebe zu tragen.

Von Philipp Krohn
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In Beratungsgesprächen ist Frank Hoffmann geübt. Als Geschäftsführer einer kleinen Firma empfiehlt er Unternehmen, wie sie ein betriebliches Gesundheitsmanagement aufbauen können. Die Gesellschaft altert und mit ihr auch die Mitarbeiter. „Gewinne sind abhängig von einer gesunden Belegschaft“, ist Hoffmann überzeugt. Deshalb fällt die Seminarübung dem Unternehmer, schlank, Anfang 50, halblanges lockiges Haar, nicht schwer. In einem Rollenspiel soll er zwei andere Teilnehmer davon überzeugen, warum sie eine Demographie-beratung brauchen könnten. Einfühlsam geht er auf ihre Bedenken ein – Kosten, Aufwand, ein bereits etabliertes Qualitätsmanagement. Am Ende aber haben sie sich doch einnehmen lassen. Der zunehmende Krankenstand des fiktiven Pflegedienstes könnte etwas mit unnötigem Arbeitsdruck zu tun haben. Sie laden Hoffmann zumindest zu einem Zweitgespräch ein.

160 Demographielotsen werden derzeit in der gesamten Republik ausgebildet. Bis November werden sie drei Schulungsrunden und viele Stunden Selbststudium hinter sich bringen. Und sie werden in 350 bis 400 klein- und mittelständischen Unternehmen kostenlose Erstberatungen abgeschlossen haben. Rund zwei Drittel der Betriebe mit weniger als 100 Mitarbeitern glauben, dass der demographische Wandel sie vor keine Probleme stellt. „Noch gibt es keinen echten Leidensdruck. Wir haben offenbar größere Erfahrungen darin, mit abrupten Änderungen umzugehen“, sagt Götz Richter von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Eine bunte Truppe

Über sie fördert das Bundesarbeitsministerium das Schulungsprojekt mit 350.000 Euro für zwei Jahre. Es soll gleich dreierlei bewirken: In den Testberatungen der Seminarteilnehmer sollen die Betriebe sensibilisiert werden und erste Handlungsfelder aufgezeigt bekommen. Die Berater sollen sich mit Techniken vertraut machen und sie in der Praxis einüben. Aus Altersstrukturanalysen etwa können sie Rückschlüsse ziehen, wie das Personal geführt, rekrutiert und qualifiziert werden sollte und wie Arbeitsprozesse altersgerecht gestaltet werden. Und schließlich sollen sie mit den anderen Teilnehmern ein Experten-Netzwerk bilden, in dem jeder weiß, an wen er sich wenden kann, wenn er mit dem eigenen Fachwissen nicht mehr weiterhilft.

Viele mittelständische Unternehmen sind nicht auf die Alterung der Gesellschaft vorbereitet. Bundesweit werden deshalb nun Demographielotsen geschult, um ihr Wissen in Betriebe zu tragen.

Schon in Braunschweig ist eine bunte Truppe zusammengekommen: Eine ehemalige Kriminalbeamtin sitzt neben einer Sozialwissenschaftlerin. Drei Kollegen der Wolfsburger Wirtschaftsförderung gegenüber hat ein ostdeutscher Uni-Mitarbeiter Platz genommen, der sich darum bemüht, Absolventen in seiner Region zu halten. „Bei uns in Sachsen-Anhalt ist der Wandel früher sichtbar als woanders“, sagt Marco Lipke. „Weil die kleinen Betriebe kaum Mittel haben, um Absolventen anzuwerben, vermitteln wir sie ihnen.“

„Es ist bemerkenswert, welches Vorwissen die Teilnehmer mitbringen“, sagt Seminarleiter Hans-Jürgen Dorr. Entsprechend niveauvoll verlaufen die Gruppendiskussionen und Rollenspiele. Neben der Angestellten einer Betriebskrankenkasse sitzt Susanne Gansweid. Sie arbeitet in der Personalabteilung der Goldbeck GmbH in Bielefeld. Das Bauunternehmen setzt Gewerbehallen aus Fertigkomponenten zusammen. „Bei uns ist die Demographie ein Thema, weil die Mitarbeiter früh ausfallen und dadurch Wissen verlorengeht“, sagt die Mittzwanzigerin. Der neue Personalleiter des Unternehmens nimmt die Alterung ernst. Goldbeck beschäftigt 2400 Mitarbeiter und muss nicht erst sensibilisiert werden.

Den Instrumentenkasten erweitern

Gansweid nutzt die Schulung, um ihren Instrumentenkasten als betriebsinterne Lotsin zu erweitern. Denn sie ist dafür verantwortlich, dass die Mitarbeiter fit, gesund und qualifiziert bleiben. Die drei Testberatungen, für die sie sich jeweils einen Betrieb suchen muss, werden ihr dabei helfen. „Der Demographielotse sorgt dafür, dass Untiefen umschifft werden und das Schiff seinen sicheren Hafen findet“, erklärt Seminarleiter Hans-Jürgen Dorr die Metaphorik des Titels. Dem Kapitän, der Unternehmensführung also, soll er nicht das Steuer aus der Hand nehmen. Stattdessen soll er ihnen Wege aufzeigen, wie sie einem Fachkräftemangel vorbeugen können. Die Seminare an neun Standorten waren schnell ausgebucht. Durch die öffentliche Finanzierung zahlen die Teilnehmer nur 175 Euro für die Schulung. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen begleitet das Projekt wissenschaftlich, die Agentur Mark stellt einen Dialog zu regionalen Partnern wie den Industrie- und Handelskammern her, und die Unternehmensberatung Dialogo mit ihrem Geschäftsführer Dorr schult die Teilnehmer und ist ihr Ansprechpartner während der Beratungen in den Betrieben.

Oft ist es wenig offensichtlich, wenn Unternehmen nicht demographiefest sind. Hans-Jürgen Dorr erinnert sich an ein Beispiel aus der eigenen Beratererfahrung: In einem Betrieb lag das Durchschnittsalter bei 33 Jahren; der Geschäftsführer war „positiv skeptisch“, ob eine Beratung sinnvoll sei. Nach der Altersstrukturanalyse erkannte er dann, dass seine älteren Mitarbeiter in einigen wichtigen Schlüsselpositionen saßen, für die er schwer Ersatz finden würde. „Ihm fehlte es vorher an einer systematischen Personalplanung“, berichtet Dorr.

Schon der zweite Anlauf

Das Lotsen-Projekt ist der zweite Anlauf der Bundesregierung, Kleinunternehmen systematisch auf den demographischen Wandel aufmerksam zu machen. Unter dem Titel „Rebequa“ wurde das vor drei Jahren schon einmal angestoßen. Damals wollte der Bund sogar 2,5 Millionen Euro bereitstellen. Die Initiative musste allerdings gestoppt werden, weil der Träger insolvent ging und die Beteiligten des Projekts nicht mehr bezahlen konnte. Die Pleite hat das Netzwerk zeitlich zurückgeworfen. Nur in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern sind durch eigene Landesprogramme schon zuvor Strukturen geschaffen worden.

Susanne Gansweid befestigt einen DIN-A4-Bogen auf einer Stellwand. „Alternde Belegschaften bedrohen Deutschlands Produktivität und Innovationskraft“ ist darauf zu lesen. Eine halbe Stunde lang hat sich ihre Gruppe mit einigen gängigen Klischees über die Alterung auseinandergesetzt. Sie soll ein Gespür für Vorurteile bekommen und geeignete Kommunikationsstrategien einüben. „Wir haben uns überlegt, dass man eher zu einem Kompetenzmodell kommen muss“, trägt Gansweid vor. Der Lotse solle prüfen, ob die Geschäftsführung sich des besonderen Erfahrungswissens älterer Mitarbeiter bewusst sei. Ein besonderes Augenmerk legt Trainer Dorr darauf, wie die Lotsen an empirische Daten aus den Regionen kommen. Nachdem er ihnen Bezugsquellen genannt hat, zeigt er, wie eine oberflächliche Datenanalyse in die Irre führen kann. Dafür hat er Zahlen aus dem Seminarort Braunschweig mitgebracht. 2000 Einwohner dürfte die niedersächsische Stadt bis 2025 verlieren – was zunächst einmal kaum nach einem demographischen Problem aussieht. Die Gruppe zwischen 16 und 18 Jahren allerdings wird sich um ein Fünftel verkleinern. Und das wird nicht erst in der Zukunft zu einem angespannten Ausbildungsmarkt führen.

„Gerade Handwerksbetriebe überzeugt oft das Verhältnis von gemeldeten Bewerbern zu den Ausbildungsstellen“, berichtet Dorr. Standen vor zwei Jahren für 4000 Bewerber noch 3000 Ausbildungsplätze zur Verfügung, waren es schon in diesem Jahr gerade noch 2900 Stellen für 3100 Bewerber. „An solchen Zahlen erkennen die Betriebe, was das für sie selber heißt“, sagt der Trainer. Bis die Teilnehmer in einigen Wochen wieder zusammenkommen, müssen sie nun erst einmal ein kleines Hausaufgaben-Paket erledigen. In der nächsten Sitzung sollen sie die Datenerhebung selbst beherrschen und erste Gedanken vortragen, welche Unternehmen sie „in den Hafen geleiten“ wollen. Frank Hoffmann fühlt sich für die Testbetriebe gerüstet. Aus dem Training nimmt er eine wichtige Erkenntnis mit: „Nur Missionare und Versicherungsvertreter wollen alle für sich einnehmen. Wenn wir uns diese Haltung aneignen, werden wir nicht viele für unsere Sache gewinnen.“

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