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Das „Flugtal“ von Rzeszów "In zwanzig Jahren holen wir Bayern ein"

20.04.2010 ·  Mangel an Maschinenbauern? Nicht im Südosten Polens. Im „Flugtal“ von Rzeszów sorgt ein dichtes Netzwerk von Luftfahrtindustrie und Hochschulen für reichlich Ingenieurnachwuchs. Das lockt viele westliche Konzerne an.

Von Sven Astheimer
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Marek Darecki steckt das ganz große Ziel ab. Hier in Rzeszów, „einer vergessenen Ecke Europas“, soll das neue Luftfahrtzentrum des Kontinents entstehen. Der passende Name ist schon gefunden: „Aviation Valley“, auf Deutsch etwas holprig übersetzt mit Flugtal, soll in Anlehnung an das berühmte „Silicon Valley“ den Anspruch deutlich machen, dass die Region im südöstlichen Zipfel Polens eine ähnliche Bedeutung für die Luftfahrtbranche bekommen soll, wie sie das kalifornische Vorbild für die Computerindustrie hat.

Der Plan klingt nach Phantasterei - wäre da nicht die Entwicklung der vergangenen Jahre. Als das Flugtalbündnis vor sieben Jahren geschmiedet wurde, gehörten ihm 18 Unternehmen mit 9000 Beschäftigten an. Heute sind es schon knapp 80 Unternehmen mit mehr als 21 000 Arbeitsplätzen und einer Milliarde Dollar Umsatz im Jahr. Marek Darecki ist nicht nur Vorsitzender des Bündnisses, sondern auch Geschäftsführer des größten Mitglieds: Der Hersteller WSK mit 3600 Mitarbeitern produziert unter anderem Antriebseinheiten für die Jagdmaschine F 16. Wenige Kilometer weiter stellt die polnische Tochtergesellschaft von Sikorsky Cockpit-Teile für den Hubschrauber Black Hawk her. Und der nordamerikanische Goodrich-Konzern hat sein Grundstück schon abgesteckt. 90 Prozent der polnischen Luftfahrtindustrie sind hier versammelt.

Eine „sehr dynamische“ Sonderwirtschaftszone

Das zur Sonderwirtschaftszone erklärte Tal entwickele sich „sehr dynamisch“, bescheinigt die deutsche Außenwirtschaftsagentur Germany Trade and Invest. Neben Steuervergünstigungen locke die Region vor allem „mit einer Vielzahl von speziell ausgebildeten Nachwuchskräften“, die im Fachbereich Luftfahrt-Maschinenbau der Polytechnischen Hochschule in Rzeszów studiert haben, heißt es weiter.

Das Polytechnikum ist ein Produkt kommunistischer Architektenträume, aber immerhin hat das Hauptgebäude kürzlich einen neuen Anstrich bekommen. In der Stadt habe man einen zweiten Campus gebaut, berichtet Vizedirektor Feliks Stachowicz - wegen der großen Nachfrage. Derzeit zählt die Hochschule 15 000 Studenten, die meisten davon Ingenieure. Als Nächstes werden rund 20 Millionen Euro in neue Roboter, Laboratorien und Maschinen zur Pilotenausbildung investiert. Die Mittel kommen aus Fördertöpfen aus Warschau und Brüssel.

Frauen ziehen zwar auch in Polen sozialwissenschaftliche Fächer vor, räumt Vizedirektor Stachowicz ein, Nachwuchsmangel wie in Deutschland sei aber nicht zu beklagen. Schon die Grundschulen werben mit naturwissenschaftlichem Unterricht zum Anfassen. Wer sich später für ein entsprechendes Studium entscheidet, dem bezahlen die Unternehmen fünf Jahre lang Semestergebühren und Lehrbücher. Die Nähe zur Industrie biete den Studenten einmalige Chancen, sagt Stachowicz. Deshalb komme man den Arbeitgebern bei der Gestaltung der Studiengänge auch so weit entgegen, wie es eben gehe. Die Qualität aber soll darunter nicht leiden. „Unsere Studenten brauchen ein breites Basiswissen, damit sie internationales Niveau erreichen.“

„Es war einfacher als zu Hause, gute Leute zu finden“

Offenbar gelingt der Spagat. „Der Stand der Absolventen ist dem der deutschen sehr ähnlich“, sagt jedenfalls Joachim Wulf. Er kam vor eineinhalb Jahren von München nach Rzeszów, als der Zulieferer MTU sein neues Werk dort in Betrieb nahm. Als Direktor der Abteilung Forschung und Entwicklung baute er eine mehr als 70 Köpfe zählende Mannschaft auf. „Es war einfacher als zu Hause, gute Leute zu finden“, berichtet er. „Es gibt hier eine größere Begeisterung für technische Fächer.“

Wulfs Leute arbeiten im Verbund mit anderen Standorten an der Triebwerksentwicklung, sie konstruieren Schaufeln, die extremen Temperaturbelastungen standhalten müssen. Noch wird jede Entwicklung aus Polen in München abgesegnet. Aber in ein paar Jahren, sagt Wulf voraus, kann Rzeszów selbst prüfen und freigeben. Schließlich will MTU bis 2012 die Zahl der Entwickler auf rund 100 erhöhen und weitere Ingenieure für die Produktion einstellen. Die Lohnkosten betragen hier ein Viertel von denen in München.

Für Grzegorz, Lukasz und Rafal sind die Aussichten dennoch verlockend. Sie sind Mitte zwanzig und Werkstudenten von MTU. Sie wohnen noch bei ihren Eltern und kämen mit den Einstiegsgehältern gut klar, schließlich sind die Lebenshaltungskosten niedrig. Grzegorz und Lukasz haben am Polytechnikum Maschinenbau studiert, Rafal ist Betriebswirt, MTU hat ihm schon ein Übernahmeangebot gemacht. Alle drei sehen ihre nähere berufliche Zukunft im Flugtal, wären aber auch für eine Veränderung bereit. Vor allem Rafal liebäugelt mit dem Ausland.

Einer Studie zufolge fürchten acht von zehn polnischen Arbeitgebern, ihre besten jungen Leute an westeuropäische Wettbewerber zu verlieren. In Rzeszów will man sich davon nicht Bange machen lassen - es gibt in Sachen Standortmarketing ja Profis wie Marek Darecki. „In zwanzig Jahren wollen wir Bayern einholen“, heißt seine Losung. Dass die Region Ingenieure in andere Länder exportiere, sei diesem Ziel sogar förderlich. „Ich habe hier englischsprechende Ingenieure an den Maschinen stehen“, sagt Darecki, „die warten nur auf ihre Chance.“ Einen Plan B hat der ehrgeizige Manager auch, sollte es mit der Luftfahrt nicht wie gewollt vorangehen. Denn wie das deutsche Vorbild biete auch das Karpatenvorland touristisch so einiges. „Hier kann man wunderbar Urlaub machen.“

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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