Home
http://www.faz.net/-gym-73jl0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Chinesische Arbeitnehmer Heute hier, morgen weg

 ·  Chinesen wechseln öfter den Arbeitgeber als Europäer. Für die Unternehmen ist das ein echtes Problem: Sie müssen ihren Beschäftigten Anreize bieten.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© AFP Wanderbewegung: Viele chinesische Arbeitnehmer wechseln in diesen Wochen ihren Job

Die Wohnungstür geht mit einem leisen Schnappen auf. Ibell Liu kommt von der Arbeit, ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. Die 31 Jahre alte Chinesin hatte ihren ersten Tag bei ihrem neuen Arbeitgeber, bei Xinshing, einer Investmentgesellschaft mit Sitz in Pudong, Schanghais glitzerndem Finanzdistrikt. Dort ist sie Managerin des Business-Departments. „Die Chefin des Unternehmens ist sehr nett und fördert mich“, sagt Liu. „Das gefällt mir.“ Zuvor hatte sie knapp zwei Jahre lang in einem Stoffunternehmen gearbeitet. Seit dem Sommer war sie auf der Suche nach einem neuen Job - der Chef in ihrer alten Firma war ihr zu dominant, Überstunden wurden nicht bezahlt, das Gehalt stimmte nicht. Liu beauftragte einen Personalvermittler und wurde fündig, bei der Investmentgesellschaft. „Warum nicht? Ich habe mir gedacht, das schaue ich mir an“, sagt Liu.

Viele Chinesen wechseln wie Ibell Liu in diesen Wochen die Stelle. Das Herbstfest und die sogenannte „Goldene Woche“ Anfang Oktober, während der das ganze Land eine Woche freimacht, sind willkommene Unterbrechungen im Arbeitsalltag. „Die Wechselbereitschaft der Chinesen ist deutlich höher als die der Europäer“, sagt Julia Zhang-Zedrosser, Direktorin des Personalberaters MRIC in Schanghai. Aus Unternehmensperspektive ist dies ein Problem, bedeutet sie doch oftmals den Verlust von geschulten Mitarbeitern und Knowhow. Aus Arbeitnehmerperspektive stellt sich das jedoch anders dar: Internationale und auch chinesische Firmen zahlen Boni und legen zunehmend Förder- und Entwicklungsprogramme auf, um ihre Mitarbeiter zu halten. Das verfängt vor allem bei jungen Chinesen wie Ibell Liu: „Es geht nicht mehr nur ums Geld“, sagt sie. „Wir schauen mehr darauf, welche Leistungen ein Unternehmen anbietet. Das ist hier inzwischen wie im Westen.“

Hohe Erwartungen

Ibell Liu erwartet mehr von ihrem Job, als die vorherige Generation es getan hat. Während die Eltern ihre einzige Tochter am liebsten bei einem Staatsunternehmen gesehen hätten - eine sichere Stelle -, zog es die Chinesin in die Privatwirtschaft. „Meine Karriere ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich will das meiste aus meinen Möglichkeiten machen und mich verwirklichen.“ Damit ist Ibell Liu nicht allein: „In den großen Städten in China haben sich die Prioritäten für viele Mitarbeiter verändert“, sagt Karsten Schmidt, Trainer für Mitarbeiter von deutschen und chinesischen Firmen in Schanghai. „Jüngere Chinesen wollen mehr vom Leben. Gerade das Wohlfühlen in einer Firma ist ein entscheidender Punkt bei der Wahl.“

Rasante Karrieresprünge, Belohnungsprogramme und Förderangebote sind deshalb in China keine Seltenheit mehr. So eröffnet zum Beispiel der deutsche Automatisierungsspezialist Festo Ende Oktober ein neues Trainingszentrum in Jinan im Osten Chinas. Dort bildet Festo seine Mitarbeiter nach dem deutschen dualen System aus und bietet Weiterbildung an. Gleichzeitig gibt es MBA-Stipendien und ein Austauschprogramm mit der Zentrale in Esslingen bei Stuttgart. Bis zu sechs Monate können ausgewählte Mitarbeiter in Deutschland verbringen, abhängig von ihren Leistungen in China. „Wir tun, was wir können, um unsere Mitarbeiter zu halten“, sagt Jyh-Jong Chen, General Manager von Festo in China. Er schickt deshalb jedes Frühjahr einige seiner Angestellten zur Hannover Messe nach Deutschland. „Die sind sehr stolz, wenn sie zurückkommen“, sagt Jyh-Jong Chen. „Es sind die kleinen Dinge, die den Unterschied machen.“

Auch chinesische Firmen wie der Computerhersteller Lenovo locken mit Trainings und leistungsabhängigen Auslandsprogrammen. Selbst Puma, der Sportbekleidungshersteller aus Herzogenaurach, ist gerade dabei, für seine Mitarbeiter in Festland-China und Hongkong Förderprogramme aufzulegen. „Da sind wir inzwischen auf westlichem Niveau“, sagt Reiner Seiz, Vorstandsmitglied von Puma. Auch seine Lieferanten hätten inzwischen realisiert, dass sie sich anstrengen müssen, um ihre Mitarbeiter zu halten. „Mindestens einmal im Jahr gibt es eine Lohnerhöhung“, sagt Seiz.

Trainings, Auslandsprogramme, MBA-Stipendien - das klingt vielversprechend. Doch nicht für alle ihrer Altersgenossen ist das entscheidend, weiß Ibell Liu: „Viele von uns sind schon gut ausgebildet“, sagt die Managerin: „Ich zum Beispiel brauche keinen MBA mehr.“ Sie hat einen Bachelor in Mechanical Engineering aus Jinzhou und einen Master in International Business aus Peking, dazu kommen die Erfahrungen, die sie in der Zeit mit ihrem eigenen Unternehmen in Urumqi im Nordwesten Chinas gemacht hat. „Ein speziell auf mich zugeschnittenes Training wäre aber durchaus ein Anreiz“, sagt Liu. Sie will auf der Karriereleiter weiter nach oben klettern. „Alles, was mir dabei hilft, ist sehr attraktiv.“

Auf die Stimmung kommt es an

Daneben sei es vor allem die Stimmung in einer Firma, auf die es ihr und anderen jungen Chinesen ankommt. Ob die gut ist oder nicht, hängt zu großen Teilen vom Chef ab. Chinesische Firmen sind deutlich hierarchischer organisiert als deutsche oder europäische Firmen, gleichzeitig ist der Chef derjenige, der in Notsituationen aushilft und der über die Familie Bescheid weiß. „Deutsche Firmen verkennen oft, dass der Chef in China die wichtigste Verbindung zum Unternehmen darstellt“, sagt Karsten Schmidt. „Die Loyalität ist dem Chef geschuldet, nicht dem Unternehmen.“ So machten deutsche Vorgesetzte in China oftmals den Fehler, sich zu selten blicken zu lassen: „Chinesische Mitarbeiter glauben dann schnell, der Chef ist ein arroganter Westler, der sich nicht interessiert.“

Annette Metz, China-Repräsentantin der deutschen Personalberatung Conben, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Leider verstehen es nur wenige Westler, sich wirklich für ihre Mitarbeiter zu interessieren.“ Das heiße auch, den Mitarbeiter nicht nur mit Jack und John anzusprechen, sondern auch die chinesischen Namen zu kennen. „Die Chefs, die gut mit dieser Eins-zu-eins-Beziehung sind, halten ihre Mitarbeiter“, sagt Metz.

„Ich schaue weniger auf die Uhr“

Trotz Work-Life-Balance, Förderprogrammen und gutem Arbeitsklima muss dennoch auch das Gehalt stimmen, sagt Ibell Liu. „Das Geld bleibt eine wichtige Motivation für viele von uns.“ Unter ihren Freunden sind es die schlechter Ausgebildeten ohne Hochschulabschluss, bei denen das Gehalt die höchste Priorität genießt. „Je besser ausgebildet die Leute sind, desto mehr kommt es auf andere Dinge an“, sagt Liu. Bei ihr war es die nette Chefin, die Krankenversicherung, das kostenlose Kantinenessen, der Karrieresprung - und natürlich das Gehalt, das sich mit dem neuen Job verdoppelt hat. Damit gehört Ibell Liu zur Mehrheit der Angestellten in chinesischen Firmen. Gerade bei den Ende 30- und Anfang 40-Jährigen ist das Geld der entscheidende Faktor, weiß Julia Zhang-Zedrosser von MRIC: „Viele Chinesen sind wenig subtilen Vergleichen mit ihren Verwandten und Schulkollegen ausgeliefert, die jedes Jahr mehr verdienen, sich neue Wohnungen kaufen oder mit ihren Familien ins Ausland in den Urlaub fahren. Deshalb braucht man mehr Geld.“

Ibell Liu ist zufrieden mit ihrem neuen Job. Es bereitet ihr keine Qualen mehr, morgens um neun ins Büro zu gehen. „Ich schaue weniger auf die Uhr“, sagt sie. Jetzt will sie in ihre neue Position hereinwachsen und die Abläufe in ihrer Abteilung verbessern. Langfristig wird sie mit ihrer Chefin einen individuellen Entwicklungsplan aufstellen. Sie behält ihr Ziel, selbst einmal Führungskraft zu werden, fest im Blick - zunächst bei Xinshing, später vielleicht in einem Unternehmen im Ausland. „Möglichkeiten gibt es ja genug“, sagt sie und lacht. Angst vor einem Wechsel? Die hat Ibell Liu offensichtlich nicht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen