14.11.2009 · Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, heißt es oft. Doch das Vorurteil trügt: Lernen Erwachsene eine neue Sprache, haben sie gegenüber Jüngeren viele Vorteile. Vorausgesetzt, sie trauen es sich zu.
Von Deike UhtenwoldtEnglisch, Spanisch, Portugiesisch, Schwedisch - Astrid Wallner hat in der Schule, im Studium, durch Auslandsaufenthalte und im Beruf schon viele Fremdsprachen gelernt und angewendet. Aber nun macht die 43 Jahre alte Hamburgerin ein neues Fass auf und lernt Russisch. Einen VHS-Kurs hat sie allein gebraucht, um die Schrift lesen und erste Höflichkeitsformeln austauschen zu können. Als dann die Volkshochschule Ferien machte, meldete sie sich bei einem universitären Sprachlerninstitut an. Aber da kam der Fortgeschrittenen-Kurs nicht zustande, die Journalistin saß wieder unter Anfängern. Inzwischen ist sie zu einem Sprachenclub gewechselt, wo es keine Semesterferien gibt. „Ich fang jetzt zum dritten Mal von vorne an“, berichtet sie. „Das schadet sicher nicht, aber ich will auch mal weiterkommen.“
Keine Frage: Astrid Wallner ist höchst motiviert, auch wenn ihre neue Sprache eine harte Nuss ist, vor der sogar ihre Kursleiterin gewarnt hat - es gebe außer Japanisch und Mongolisch kaum eine Sprache, die Westeuropäern schwerer falle. Wallner ficht das nicht an. „Ich habe schon die erste Mail auf Kyrillisch entziffert“, sagt sie. „Das hat zwar eine Stunde gedauert, aber ich habe alles verstanden.“ Wenn es auch noch mit der direkten Verständigung besser klappt, will sich die dreifache Mutter ein neues Standbein aufbauen und über Sibirien berichten.
Motivation, Erfahrung und so viel Kontakt mit der Zielsprache wie möglich - das sind für Didaktiker die wichtigsten Erfolgsfaktoren im Fremdsprachenerwerb. Eine Zeitlang galt außerdem der möglichst frühe Sprachenerwerb als der einzig wahre Weg, nach der Pubertät sei es dafür zu spät, hieß es. „Die These vom Lernfenster, das sich irgendwann schließt, ist Mumpitz“, sagt dagegen Karin Vogt, Professorin für die Didaktik der englischen Sprache, Literatur und Kultur an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Vielmehr habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch der späte Zweitsprachenerwerb noch zur Perfektion führen kann, auch wenn er nicht so spielerisch verläuft wie für Kinder.
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„Die Pubertätsgrenze gilt nur für den Erstspracherwerb“
„Die Pubertätsgrenze gilt nur für den Erstspracherwerb“, präzisiert der Französischlehrer Gerhard von der Handt vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn. Mit 65 Jahren befindet er selbst sich beruflich gerade auf dem Rückzug in den Ruhestand, aber mit dem Fremdsprachenlernen soll noch lange nicht Schluss sein. „Ich habe vor kurzem noch mit Italienisch angefangen, weil ich die Internetseite des Fotografen Mario Giacomelli im Original lesen möchte.“ Von der Handt interessiert sich für Fotografie; Französisch und Spanisch hat er studiert, da fällt ihm das Selbststudium in Italienisch nicht schwer. „Ich kann das aber nicht richtig sprechen, ich beherrsche das nur rezeptiv.“ Mehr will und benötigt er für seine Zwecke aber auch gar nicht - und genau diese klare Kombination aus Zielsetzung, Vorkenntnissen und Interessen zeichne erwachsene Lerner generell aus: „Ihr habt mehr Vorteile als Nachteile gegenüber eurem Nachwuchs“, muntert von der Handt seine Altersgenossen auf.
Eines hat der Nachwuchs den Erwachsenen aber voraus. „Kinder und Jugendliche haben einfach mehr Zeit zum Lernen“, sagt Karin Vogt. Erwachsene müssten nicht nur den Besuch des Sprachkurses, sondern auch noch die Zeit für das Vokabellernen sowie die Hausaufgaben von ihren Berufs- und Familienpflichten abzwacken. „Fremdsprachenerwerb ist Arbeit und kostet Zeit.“ Einmal in der Woche eine fremdsprachliche Berieselung sei einfach nicht genug, sagt Vogt. „Zu wenig Zeit im Sprachbad.“ Der wissenschaftliche Begriff dafür heißt „Immersion“ - das komplette Eintauchen in eine neue Sprache. Um ihren Führungskräften dies zu ermöglichen, schicken manche Unternehmen sie zu Crashkursen ins Ausland, wo sie sich voll und ganz auf den Spracherwerb konzentrieren können. Der Nachteil daran: Crashkurse sind auch schnell wieder vorüber.
Erstmal den Lerntyp bestimmen
Wer dranbleiben will, sollte zuerst einmal seinen Lerntyp bestimmen, rät Karin Vogt. „Jeder Erwachsene hat seine eigene Sprachlernbiographie. Es lohnt sich herauszufinden, wie man tickt.“ Manche ihrer Studenten lernten lieber mit Bildern und Tabellen, andere durch Zuhören und rhythmisches Sprechen, wieder andere durch Gesten und Handlungen. Vogt empfiehlt außerdem individuelle, vergnügliche Lernmethoden. „20 Minuten am Tag sollte man sich für die Fremdsprache Zeit nehmen. Aber das klappt nur, wenn es Spaß macht.“ Sie selbst etwa schaue sich oft Filme in Originalversion an, auf öde Vokabellisten dagegen verzichte sie, wo es nur geht.
Gegen den Spaß steht unter Erwachsenen allerdings oft das Perfektionsstreben. Das macht sich etwa dann bemerkbar, wenn Lerner den Leseprozess immer wieder unterbrechen, weil sie jede neue Vokabel nachschlagen. „Das ist völlig demotivierend und unnötig“, sagt Gerhard von der Handt, der sich selbst 80 Prozent aller unbekannten italienischen Vokabeln durch den Kontext erschließt. Auf grammatische Korrektheit kommt es ihm ohnehin nicht an. „Das Gegenüber merkt schnell, dass ich ein Teutone bin“, scherzt von der Handt. „Aber ich werde dennoch ernst genommen, weil ich inhaltlich mitreden kann.“
Wenig Begeisterung für virtuelle Klassenzimmer
Als besonders effizient haben sich laut von der Handt Sprachkurse in kleinen Gruppen bewährt. Denn die Gruppe biete Motivation und Schutz zugleich. „Für das Sprachenlernen benötigen Sie einen freien Kopf“, sagt er. „Der Gruppenkurs ist deshalb der Königsweg. Denn wenn zu Hause das Kind quakt, fällt das E-Learning meist flach.“ Darum sei die Begeisterung für das virtuelle Klassenzimmer auch deutlich abgeflaut. Zwar könnten Blackberry, iPhone oder MP3-Player das Hörverstehen unterstützen, sie scheiterten aber immer wieder an der Sprachproduktion.
Die Angst vor Fehlern nehmen die Geräte ihren Benutzern auch nicht. Diese aber ist für erwachsene Fremdsprachenlerner die größte Bremse, stellt Sigrid Schöpper-Grabe fest. „Viele Beschäftigte verwechseln den Business-Sprachkurs zunächst mit der als einschüchternd empfundenen Lehrer-Schüler-Situation aus Schulzeiten“, sagt die wissenschaftliche Referentin im Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Die Anglistin hat nachgewiesen, dass die Unternehmen steigenden Bedarf an aktiven Fremdsprachenkenntnissen haben, etwa für E-Mails, Telefongespräche und Kontakte mit ausländischen Kunden, vor allem in Englisch. Sie betont aber auch, dass die Fachkompetenz nach wie vor an erster Stelle bei der Personalauswahl steht. Wer aber neben der Geschäftssprache Englisch auch noch die Muttersprache des Kunden lernt, hat ein Pfund in der Tasche, mit dem es zu wuchern gilt. „Schon die Geste ist ein Türöffner, und dabei können auch kleine Fehler durchaus charmant sein.“