08.03.2010 · Burnout heißt die neue Zivilisationskrankheit - jeder neunte Deutsche ist betroffen. Immer häufiger trifft es junge Akademikerinnen: Ehrgeizige Karrierefrauen, die alles auf einmal schaffen wollen und daran zugrunde gehen.
Von Georg MeckAm liebsten wäre Mareike nur noch im Bett geblieben. Schon am frühen Morgen fühlte sie sich müde, erschöpft, ausgebrannt. „Ich hatte keinen Antrieb zu gar nichts, alles war mir zu viel“, sagt die junge Frau. Gerade 30 war sie geworden, als sie spürte, ihr High-Potential-Leben gerät aus den Fugen: „Ich war im Paradies, und in mir fühlte ich die Hölle.“
Nichts erfreute sie mehr, obwohl alles zum Besten schien: glückliche Ehe, der Mann gut verdienender Akademiker wie sie, aufregender Job in einem Dax-Konzern. Immer wenn dort Pioniergeist gefragt ist, meldet sie sich. So geht es Projekt für Projekt nach oben. Zwei Dutzend Leute hat sie rasch in ihrem Team und den Zwang, jede Aufgabe perfekt zu erledigen: „Ich brauchte die Anerkennung, bekam mich nicht mehr runtergeregelt.“ Nur im Ausnahmefall verbringt die Jungmanagerin weniger als 14 Stunden in der Firma, den Takt aus der Arbeit hält sie auch abends. „Wenn ich mich in der Kneipe verabredet habe, dann mit drei Bekannten nacheinander.“
„Ich habe nur noch geschrien“
Der Stress nimmt zu, private Sorgen ziehen auf: Warum klappt es nicht mit der Schwangerschaft? Und falls das Baby kommt, wie geht’s dann weiter mit der Karriere? Der Körper sendet erste Alarmsignale. „Ich konnte nicht mehr richtig schlafen, bin von einem Arzt zum nächsten gerannt.“
Als sie an einen Mediziner gerät, der sie brutal mit der Wahrheit konfrontiert („Ihr Akku ist völlig leer“), bricht sie in der Praxis zusammen: „Ich hatte eine Stunde lang einen Weinkrampf.“ Fünf Wochen Auszeit werden ihr verordnet. Danach geht es weiter wie zuvor. Bis zum nächsten Zusammenbruch, „doppelt so heftig, ich habe nur noch geschrien“. Schließlich wird Mareike in eine Klinik eingewiesen. Diagnose: „schwerer Burnout“.
Jeder Neunte ist betroffen
Im strikten Sinn handelt es sich beim Burnout-Syndrom um keine Krankheit, sondern um einen „Zustand körperlicher, psychischer und geistiger Erschöpfung, der durch normale Erholungszeiten nicht mehr kompensiert werden kann“, wie der Frankfurter Psychoanalytiker Hansjörg Becker erklärt.
Exakte Zahlen über die Verbreitung liegen nicht vor, alle Fachleute aber bestätigen: Burnout ist zu einem Massenphänomen geworden. Jeder Neunte leidet in Deutschland darunter, schätzen die Betriebskrankenkassen.
Psychische Störungen sind einer der häufigsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit. Jeder Vierte, der von der Allianz Geld aus der Berufsunfähigkeitsversicherung erhält, tut dies wegen psychischer Störungen: „Die Anzahl der Schadensfälle hat deutlich zugenommen“, sagt eine Konzernsprecherin. „Intensität wie Häufigkeit von Burnout-Fällen steigen“, bestätigt der auf dieses Gebiet spezialisierte Frankfurter Therapeut Hansjörg Becker. Der Trend sei so stark, dass „es den Unternehmen weh tut, da immer mehr Leute deswegen ausfallen“.
Aufputschmittel und Alkohol beschleunigen den Verfall
Die Arbeit in den Büros hat sich verdichtet, mit der Flut an Mails kommt der Kopf nicht mehr mit. Die Angst um den Job tut ein Übriges. „Um sich in der Firma unentbehrlich zu machen, geben die Leute das Letzte, oft mehr, als sie können“, schildert Pfarrer Hartmut Zweigle, Betriebsseelsorger im Großraum Stuttgart, die Zustände in IT- und Autoindustrie.
„Viele haben außerhalb der Arbeit keine sozialen Kontakte mehr.“ Wenn er die Hilfesuchenden fragt, was sie nach Feierabend so treiben, nennen sie vielleicht noch das Fitness-Studio. „Viel mehr ist da nicht.“
Unternehmer berichten davon, dass übereifrige Mitarbeiter sich weigern, Urlaub zu nehmen. Ein Dienstleistungskonzern in Frankfurt bezahlt einen Trainer eigens dafür, dass er die Leute spätabends nach Hause schickt: „Die glauben, wenn um 23 Uhr kein Licht mehr an ihrem Schreibtisch brennt, sind sie Schwächlinge.“
Häufig kommt mit dem Burn-out der Alkohol. „Abends leeren sie die Minibars, morgens schlucken sie Aufputsch-Medikamente“, sagt der Hamburger Professor Matthias Burisch. „Das beschleunigt den Zerfall.“
Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick
Fast jeder kennt heute Fälle aus dem Bekanntenkreis: Da ist die alleinerziehende Studentin, die das Examen erzwingen will und unter dem Druck verzweifelt. Oder der Qualitätsingenieur, der Tag für Tag 225 Mails abarbeitet, bis er zusammenklappt. Oder die überehrgeizige Teamleiterin, die sich, zurück aus der Elternzeit, auf dem Abstellgleis findet („Man gibt mir nur noch aussichtslose Projekte“) und einen Hörsturz erleidet, der oft einhergeht mit dem Burnout.
Und dann berichten Psychiater von tragischen Fällen wie der der 34-jährigen Pharma-Managerin, die sich einredet, mit vier Stunden Schlaf auszukommen, und nach einem Herzstillstand im Büro stirbt. Dreimal war sie davor schon zusammengebrochen, jedes Mal hat sie danach ein paar Tage durchgeschlafen, dann trieb es sie zurück an ihre Planstelle – und in den Tod.
Zum öffentlichen Thema wird das Burnout-Syndrom dann, wenn es einen Prominenten erwischt, wie seinerzeit den Skispringer Sven Hannawald oder jetzt Miriam Meckel. Die Lebensgefährtin von Anne Will, einst jüngste Professorin Deutschlands, hat ihre Leidensgeschichte in einem Buch verarbeitet.
In „Briefe an mein Leben“ (Rowohlt) schildert sie ihre Kur in einer Allgäuer Klinik, wo sie sich nach einem Kollaps erholt von ihrem Hochleistungsleben, von „der Suche nach dem nächsten Kick, der genug Adrenalin ausschüttet, damit ich mich gut fühle“.
Burnout häufig in Helferberufen
Zum ersten Mal aufgetaucht ist der Begriff „burnout“ im Jahr 1974. Der amerikanische Psychologe Herbert Freudenberger beobachtete in Drogenberatungsstellen, dass viele junge, vormals hochmotivierte Mitarbeiter nach wenigen Jahren nur noch abgestumpft und zynisch ihre Arbeit versahen – dieses Phänomen nannte er „Burn-out-Syndrom“.
Die Opfer wurden zunächst in den Helferberufen vermutet, bis heute sind Krankenschwestern, Erzieherinnen besonders häufig betroffen, ausgebrannte Lehrer füllen ganze Kliniken. Eine Reihe von Reparaturbetrieben hat sich auf Burnout spezialisiert: Coaching-Firmen, Kurkliniken, Wellness-Hotels, die „Mental Health“ und „Life Executive Coaching“ ins Programm aufnehmen.
Oft beginnt, was im Extrem mit der Arbeitsunfähigkeit endet, mit überdurchschnittlichem Engagement. „Burnoutler sind dem Chef anfangs die liebsten Mitarbeiter, da sie sich aufopfern für ihre Aufgabe“, sagt Mareike.
Nur wer für eine Sache gebrannt hat, kann auch ausbrennen, bestätigen Experten. „Nicht zu viel Arbeit ist das Problem, sondern das Gefühl dabei“, ergänzt Professor Matthias Burisch. Die Burnout-Gefahr werde akut, wenn jemand in der Falle sitzt; „in einer beruflichen Sackgasse, ausgeliefert einem missgünstigen Chef“.
Anerkennung schützt vor Burnout
In den Praxen fällt auf, dass die Patienten immer jünger werden. Und immer weiblicher. Eine Gruppe kreisen die Fachleute als besonders gefährdet ein: junge Frauen, Anfang 30, hochbegabt, ehrgeizig. Akademikerinnen in der „Rush-hour des Lebens“, die auf der Höhe der körperlichen Kraft und der Leistungsfähigkeit an Grenzen stoßen; „Weltrekordlerinnen“, wie sie Burisch nennt, die alles auf einmal wollen: tolle Karriere, toller Mann, tolle Kinder.
Schwäche zeigen ist dabei verboten, zumindest glauben sie das. „Sonst haben wir schon verloren gegen die Männer, können uns nicht behaupten gegen die Karriereheinis in unserem Umfeld“, sagt Mareike. In ihrer Kur traf sie auf ganze zwei Männer – der Rest ausschließlich Frauen.
Weitgehend verschont vom Burnout bleibt ausgerechnet die Gruppe, in der die höchste Belastung vermutet wird: Top-Manager brennen selten aus, berichtet Therapeut Becker, der mit seiner Firma Insite etliche Konzerne berät: „Ganz nach ganz oben schafft es nur, wer stressresistent ist.“ Zudem erfährt der Vorstand die angemessene Anerkennung, und sei es nur in Form des hohen Gehalts – auch das schützt vor Burnout.
Keine Überstunden mehr
Weitere Gegenmittel klingen simpel: frische Luft, Bewegung, Interessen außerhalb des Berufs – und, ganz wichtig: stabile private Beziehungen. „Ohne meinen Mann wäre ich in der Klapsmühle gelandet“, erzählt Mareike, die sich nach anderthalb Jahren Pause wieder stark genug fühlt, um ins Büro zurückzukehren – mit therapeutischer Hilfe, ohne Überstunden.
Ihre nächste Auszeit kündigt sich bereits an, endlich hat es mit der Schwangerschaft geklappt. Dann beginnt ein neues Leben, sagt die Jungmanagerin: „Ich werde ganz sicher nicht acht Wochen nach der Entbindung zurückkehren, auch wenn das die Karriere eigentlich verlangt.“
Sind Sie von Burnout gefährdet? Ein Selbsttest
Wenn Sie mehr als eine der folgenden acht Fragen mit „Ja“ beantworten, sollten sie überlegen, ob Sie vom Burn out-Syndrom bedroht sind:
- Gehen Sie lustlos zur Arbeit?
- Fühlen Sie sich morgens nach dem Schlafen wie zerschlagen?
- Belastet Sie der Umgang mit Kollegen, ziehen Sie sich zurück?
- Fühlen Sie sich von Ihren Mitmenschen genervt?
- Sind Sie öfter gereizt?
- Fühlen Sie sich auch nach Urlaub oder Wochenende nicht richtig erholt?
- Sind Sie öfter erkältet, oder haben Sie Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen und Kreislaufprobleme?
- Haben Sie deutlich mehr Lust auf Zigaretten, Alkohol, Süßigkeiten oder Tabletten?
Einen ausführlichen Test finden Sie im Internet.
die ach so starken Frauen....
Michael Meier (never1)
- 07.03.2010, 10:38 Uhr
Der Status kann nicht erzwungen werden.
Horst Ziegler (pacificatore)
- 07.03.2010, 10:38 Uhr
Zustimmung
Monika Jansen (MoniJansen)
- 07.03.2010, 10:56 Uhr
Wenn man Stress erst im Berufsalltag kennenlernt...
Janosch Sinfa (Wurstkommandant)
- 07.03.2010, 11:14 Uhr
Wir nähern uns dem 8. März, dem internationalen Tag der männerfeindlichen Hetze
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 07.03.2010, 11:26 Uhr