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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Büro-Kleidung Die IT-Abteilung trägt Armani

05.09.2010 ·  Computerexperten galten lange als eine Berufsgruppe mit schlechtem Kleidungsstil; als Nerds in Jeans, T-Shirt und Birkenstock-Sandalen. Zumindest in Europa hat sich das radikal geändert.

Von Stephan Finsterbusch
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Stephen Brobst gibt sich formelll: dunkler Anzug, dunkles Hemd, dunkle Krawatte. Alles aus Seide, alles edel, alles sehr teuer. „Ungewöhnlich für einen Computertyp wie mich“, sagt er. Der amerikanische Technikchef des Softwareriesen Teradata sitzt hinter der Bühne eines Berliner Kongresszentrums. Die Anstrengung des Flugs von Kalifornien steht ihm unter die Augen geschrieben, der Saal ist voll, die Bühne frei, Brobst wartet auf seinen Auftritt. Kunden und Investoren wollen seine Vision für die IT-Branche hören. Er hat noch zwei Minuten, zieht am Kragen und zupft am Schlips. Er ist ihn nicht gewohnt. In der Software-Branche gilt Brobst als einer der Vordenker. Er hält Vorträge vor Analysten und Investoren, vor Professoren und Studenten an den Universitäten von Boston und New York - meist in Chinohose und blauem Oxfordhemd. Für seinen Berliner Auftritt hat er sich in Schale geworfen. „Das musste ich machen“, sagt er. „Mein Chef bestand drauf.“

In Europa verlange der Manager-Dresscode oft etwas anderes als anderswo, meint Teradata-Chef Mike Koehler. Es soll etwas feiner, seriöser und förmlicher zugehen. Kleider machen Leute. Dieser Grundsatz gilt heute für die Computerbranche genauso wie für die gutbetuchten Nachkommen der Stahlbarone. Die IT-Branche sei sehr schnell sehr erwachsen und seriös geworden, sagt Andreas Stein, Managing Director vom IT-Dienstleister Perotsystems und zieht sich die blau-gelb gestreifte Krawatte über dem perlweißen Hemd glatt. Was im Amerika der siebziger Jahre begann, ist heute eine Industrie, die 3 Billionen Euro im Jahr erlöst und ohne die in den klassischen Industrien nicht mehr viel laufen würde. Diese Bedeutung der IT sieht man nicht zuletzt an der gewandelten Kleiderordnung ihrer Manager - vor allem in Europa.

Im Computeralltag ist Stil eingezogen

Generell müsse ein Manager wie ein Manager aussehen, sagte Martin Jetter, der stets gut gekleidete Deutschland-Chef von IBM, am Rande der vergangenen Cebit-Computermesse in Hannover. Während in den operativ arbeitenden IT-Abteilungen auch in Europa Bluejeans und T-Shirt als Arbeitsbekleidung gang und gäbe sind, während in den Produktionsräumen der Chipfabriken von Dresden bis Grenoble die Reinraumanzüge den Beschäftigten das Aussehen von Kosmonauten geben, scheinen die in den Führungsetagen sitzenden Manager der hiesigen Software- und Computerbranche die bestgekleideten IT-Chefs der Welt zu sein. Im Computeralltag ist Stil eingezogen.

Jan Zadak, Europa-Chef von Hewlett-Packard: dunkelblauer Armani-Anzug, hellblaues Hemd, gepunktete Krawatte. Michael Ganser, Deutschland-Chef des Netzwerkausrüsters Cisco: dunkelbrauner Maßanzug, weißes Hemd, gelbe Krawatte, spitze dunkelbraune Schuhe. Jean-Philippe Courtois, der französische Chef der internationalen Sparte von Microsoft: auf Taille geschnittener Fresko-Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte, rotes Einstecktuch. Ein Softwaremanager im Diplomatenstil. Europas IT-Branche hat sich gemausert - korrekt, adrett, mit scharf gezogener Bügelfalte.

In Tokio setzen sich die sonst so formvollendeten Vorstände von Sony mit offenem Hemdkragen, mausgrauer Mohairhose und schwarzen Slippern ins Interview. In Texas beantwortet Michael Dell vom gleichnamigen Computerbauer in Flanellhemd und hellbrauner Hose aus robustem Kavallerie-Twill die ihm gestellten Fragen; in Deutschland trägt er zum gleichen Anlass einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine Seidenkrawatte der Marke Jim Thomson.

„Sorry für meinen Dresscode, Jungs“

Mark Hurd von HP bringt es auf den Punkt. Wenn sich der studierte Betriebswirt, gelernte Handelsvertreter und heutige Chef des größten Computerherstellers der Welt im fernen Palo Alto zum Gespräch via Videoscreen mit Starbucks-Kaffeebecher und blauem Brooks-Brother-Button-Down-Hemd vor die laufende Kamera setzt, sagt er schon mal einleitende Sätze wie: „Sorry für meinen Dresscode, Jungs. Aber wir nehmen es hier etwas lockerer.“ Nicht jeder macht das so. Der in Diensten der deutschen SAP AG stehende Amerikaner Bill McDermott etwa: Er ist einer von zwei Vorstandschefs von Europas größtem Softwarehaus und stets korrekt mit Anzug, Hemd und sorgfältig verknoteter Seidenkrawatte gekleidet.

McDermotts Amtskollege, der bis vor kurzem praktizierende Softwareentwickler Jim Hagemann Snabe, ist seit seiner Berufung auf den Vorstandsposten nur noch im Anzug in der Öffentlichkeit zu sehen. Dagegen tritt der deutsche SAP-Mitgründer und heutige Aufsichtsratschef Hasso Plattner schon mal im leger zerknitterten hellen Leinenanzug vor seine Belegschaft am Stammsitz in Walldorf und hält eine Rede über Freiheit und Innovation. Dabei hinterlässt Plattner auf allen Veranstaltungen einen guten Eindruck. Weiß er sich doch auch im Kamelhaar-Sakko oder im dunklen Kaschmiranzug zu bewegen.

Steve Wozniak lässt die Anzüge im Schrank

An die Stelle lockerer Computerfreaks in Jeans und Pulli seien binnen einer einzigen Generation wohltemperierte Manager mit Schlips und Kragen getreten, sagt Steve Wozniak. „Die Technikfans sind raus, die Marketingjungs sind drin. Die bestimmen nun die Trends“, meint der Mitbegründer des Computerherstellers Apple. Der Computerpionier selbst tritt gern existentialistisch und nonkonformistisch auf: schwarze Jeans, schwarzes Leinensakko, schwarzer Rollkragenpullover. „Ich trage selten Anzug“, sagt Wozniak. Er habe zwar einige in seiner Ankleide. „Aber dort hängen sie gut. Ich muss niemand mehr beeindrucken, ich kann mir meinen Dresscode leisten.“

Sein einstiger Mitstreiter Steve Jobs steht ihm da nicht nach. Betritt der Apple-Chef eine Bühne, dann hat er meist Turnschuhe, Jeans und einen schwarzen Rollkragenpullover an. Die Jeans kommt von Levi's, der Pullover vom japanischen Modehaus Issey Miyake. Jobs soll diesen Pullover in einem New Yorker Laden entdeckt haben. Als er noch einen kaufen wollte, musste der Verkäufer passen. Das Modell werde nicht mehr hergestellt. Jobs, so heißt es, habe bei Miyake in Japan anrufen und fragen lassen, ob ihm nicht ein zweiter angefertigt werden könnte. Die Japaner sagten „nein“. Jobs fragte dann, wie viele Stücke sie anfertigen müssten, damit er einen kaufen könne. Die Japaner fuhren die Fertigung schließlich wieder an. Heute soll Jobs einen ganzen Schrank voller Miyake-Pullover haben.

Auch Nonkonformismus hat einen Preis. Den aber können nicht alle zahlen - und schon gar nicht in einem milliardenschweren Geschäft wie der IT-Industrie. Denn man habe nie eine zweite Chance, den ersten Eindruck zu machen, schreibt Eva Ruppert in ihrem Buch „Das perfekte Business-Outfit“. Diese erste Chance erstreckt sich mehreren Studien zufolge über ganze sieben Sekunden. Dann haben sich Verhandlungspartner ein erstes einprägsames Bild voneinander gemacht. So sei die Garderobe eine Art nonverbale Kommunikation, sagt Ruppert. Bestimme doch „die Verpackung wesentlich den persönlichen und somit auch geschäftlichen Erfolg“.

Stephen Brobst, der amerikanische Chefdenker des Softwareunternehmens Teradata, hat sich bei seiner seriösen Berliner Kleiderordnung eine Spur Eigensinn erhalten. Zum dunklen Anzug trägt er ein dunkles Paar Turnschuhe. „So viel Freiheit muss sein“, sagt er - auch in Europa.

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