25.08.2008 · Die Logistik wächst rasant und schafft Tausende von Arbeitsplätzen. Im Rampenlicht steht die Branche allerdings nicht. Dabei scheint sie auch für konjunkturelle Schwächephasen gerüstet - sie könnte sogar von ihnen profitieren.
Sie sind die Gewinner der Globalisierung. Auf beinahe 5 Milliarden Euro wird das Privatvermögen von Klaus-Michael Kühne taxiert. Auf der Rangliste der reichsten Deutschen bedeutet das Platz 23 für den Chef und Miteigentümer von Kühne + Nagel, dem von der Schweiz aus geführten Transportunternehmen. Auch Familie Dachser aus Kempten muss sich mit einem auf 1,55 Milliarden Euro veranschlagten Vermögen nicht verstecken. Oder die rund 600 Millionen Euro schweren Gebrüder Fiege, denen das gleichnamige Unternehmen im westfälischen Greven gehört.
Die Branche brummt. Immer mehr Ware wird immer weiter durch die Welt befördert, und ein Ende ist trotz steigender Energiepreise nicht in Sicht. Für jeden Bundesbürger gehen im Jahr rund 45 Tonnen Fracht auf die Reise, haben die Logistikwissenschaftler Peter Klaus und Christian Kille von der Universität Erlangen berechnet. Mehr als 2,6 Millionen Menschen sorgen dafür, dass die richtige Ware zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz ist. Gemessen am Umsatz von rund 200 Milliarden Euro, stünde die Logistik in der deutschen Wirtschaft auf dem dritten Platz der großen Industriebranchen - in etwa gleichauf mit dem Maschinenbau. Aber Logistik ist auch der vielleicht am meisten unterschätzte Wirtschaftszweig. Nicht einmal in der amtlichen Statistik wird sie geführt. Denn mehr als die Hälfte aller Leistungen wird als Werkslogistik in Industrie und Handel erbracht und tritt deshalb nicht als eigenständiger Sektor in Erscheinung. Und die Boombranche leidet unter einem Negativimage. Packen, transportieren, lagern: Das sind die üblichen, langweiligen Attribute, die sie schnell durch den Rost fallen lassen. Auch bei Berufsanfängern, speziell dem akademischen Nachwuchs. Viele Unternehmen suchen händeringend qualifizierte Absolventen.
Der Akademiker-Markt ist leergefegt
Doch der Markt ist leergefegt. "Es fehlen jedes Jahr 3000 bis 4000 Akademiker", sagt Thomas Wimmer, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Im jahrelangen Wachstum sind Engpässe entstanden, auf die die Hochschulen nur langsam reagiert haben. "Und nun dauert es seine Zeit, bis die Abgänger in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen", so Wimmer. In einer BVL-Erhebung gaben drei Viertel der befragten Logistikexperten aus Industrie und Handel an, dass sie Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen. Bei spezialisierten Logistikunternehmen lag die Quote noch etwas höher. Wie fast überall sind Ingenieure gesucht, daneben kaufmännische Spezialisten und IT-Fachleute, aber auch in der Administration fällt es schwer, die Lücken zu schließen.
Die Unternehmen wetteifern um die besten Kräfte. Die Gehälter haben dementsprechend kräftig angezogen. Innerhalb von drei Jahren sind die Vergütungen von Geschäftsführern und Niederlassungsleitern nach Angaben der Vergütungsberatung Personalmarkt jeweils um mehr als 40 Prozent gestiegen (siehe Grafik). "Der Personalengpass droht sich zu einem Wachstumshemmnis zu entwickeln", sagt Bernhard Simon, geschäftsführender Gesellschafter von Dachser. Schon in den Oberstufen der Schulen versucht die BVL in Zusammenarbeit mit den Unternehmen mehr Begeisterung für die Branche zu entwickeln. Geschäftsführer Wimmer konstatiert ein "Wahrnehmungsproblem". Die vielfältigen Facetten der Logistik und spannenden Betätigungsfelder seien zu wenig bekannt.
Unternehmen und Hochschulen kooperieren
Aus der Not geboren, sind Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen fast an der Tagesordnung. Fiege zum Beispiel arbeitet mit der Berufsakademie Lörrach zusammen und zahlt "seinen" Betriebswirtschaftsstudenten schon im Studium ein kleines Gehalt für die Praxisblöcke im Unternehmen. Nach dem Bachelor-Abschluss ist die Übernahme praktisch sicher. Auch bei Dachser geht man ähnliche Wege. Unternehmenschef Simon beklagt die Theorielastigkeit vieler Studiengänge. Zudem seien sie oft zu sehr auf Industrie- und Handelsunternehmen zugeschnitten. Ein guter Studienabschluss allein genügt nicht. Englisch ist selbstverständlich, jede weitere Fremdsprache ein Vorteil. Und natürlich sind analytisches Denken und "interkulturelle Kompetenz" für das internationale Geschäft gefragt. Auf den Studiengang kommt es dann fast nur noch an zweiter Stelle an.
Cécile Jammers hat in Berlin Psychologie mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie sowie Personalwesen studiert, Praktika in Peru, Spanien und Frankreich gemacht. Zweisprachig mit Französisch und Deutsch aufgewachsen, spricht sie neben Englisch auch Spanisch und Italienisch. Jetzt absolviert sie ein Trainee-Programm der Post, seit August im DHL-Frachtzentrum in Mailand und ist begeistert. Sie habe auch andere Angebote gehabt, erzählt sie, aber die weltweiten Abläufe, Produkte und Leistungen bei DHL finde sie "spannender als das, was bei anderen internationalen Konzernen geschieht".
Konjunkturdelle kann Logistikboom nicht viel anhaben
Die sich abzeichnende Konjunkturdelle kann dem Logistikboom nicht viel anhaben. "Das Wachstum bleibt robust. In diesem Jahr dürfte der Gesamtumsatz um 3 bis 5 Prozent steigen; den gleichen Wert erwarten wir für 2009", prognostiziert Wimmer von der BVL. In der Hochkonjunktur profitiert die Logistik überproportional vom wachsenden Handel. "Im Abschwung entdecken viele Unternehmen das Potential der Logistik, um Reserven zu heben, schlanker und schneller zu werden", erläutert Wimmer. Und dann kommt die Stunde der Kontraktlogistiker: Immer mehr Unternehmen lagern den Transport, Lagerhaltung und Warenwirtschaft langfristig an spezialisierte Logistikanbieter aus. Nicht selten verschwimmen dann die Grenzen zwischen Logistik und Produktion. "Die produzierende Industrie hat häufig IG-Metall-Tarife, wir sind der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zugeordnet und bewegen uns deshalb bei den Kosten auf einem ganz anderen Niveau", sagt Eckhard Busch, in der Geschäftsleitung der Logistics Group International (LGI) für den operativen Bereich zuständig. LGI zeigt, welches Potential in dieser Entwicklung steckt. 1995 als Gemeinschaftsunternehmen des Computerherstellers Hewlett-Packard Deutschland und der Reutlinger Spedition Willi Betz gegründet, gehört es heute vollständig zur Willi-Betz-Gruppe. Jahr für Jahr habe man bisher 20 Prozent Umsatzwachstum erzielt, sagt Busch. Die Zahl der Mitarbeiter stieg von einst rund 150 auf heute mehr als 2000, der Umsatz geht in diesem Jahr Richtung 200 Millionen Euro und bestreitet damit gut ein Fünftel des Gesamtumsatzes der Willi-Betz-Gruppe.
Die Kontraktlogistik ist das am schnellsten wachsende Segment der Branche: Mitarbeiter von UPS liefern Computer aus und spielen zuvor die Software auf, DHL montiert Autositze für Recaro, die Bremer Lagerhaus-Gesellschaft stattet Importfahrzeuge mit Ausstattungen für den deutschen Markt aus. Das theoretische Marktvolumen der Kontraktlogistik beziffern die Logistikwissenschaftler Klaus und Kille für Europa auf mehr als 300 Milliarden Euro. Erst ein Drittel davon sei tatsächlich ausgelagert worden.
„Wir sehen uns als Prozessspezialisten“
Länderspezifische Handbücher beilegen, Computer mit kundenspezifischer Software bespielen, die Endmontage eines Produkts übernehmen - auf den ersten Blick scheinen die Logistiker alles anzubieten. "Stimmt aber nicht", sagt Busch. "Wir sehen uns als Prozessspezialisten. Wir steuern, managen und entwickeln Prozesse, ob nun Logistik, Produktion, Endmontage oder Reparatur. Aber nur, solange der Prozess im Vordergrund steht. Sobald das Produkt in den Mittelpunkt rückt, müssen wir nein sagen."
LGI schafft laut Busch übrigens nicht automatisch Transportgeschäft für die Betz-Gruppe. "Betz ist europaweit sehr stark, aber nicht im Bereich Stückgut und Paketdienst." Das übernehmen dann wieder andere Logistiker.