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Bildungsstudie Jede Note zählt

03.11.2010 ·  Wer hat im Leben Erfolg - und warum? Die größte Bildungsstudie in der Geschichte der Bundesrepublik untersucht rund 60.000 Lebensläufe. Ein Selbstversuch.

Von Sebastian Balzter
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Kein dunkler Fleck bleibt der Interviewerin verborgen. Eine gute Stunde dauert meine Befragung schon, jetzt hat das Programm in ihrem Laptop alle Antworten geprüft. Sie beugt sich über die Tastatur, überfliegt die Zeilen auf dem Monitor. Dann schaut sie auf und will es noch genauer wissen: „Was haben Sie zwischen Juli und September 1998 gemacht?“

Nie zuvor hat es eine vergleichbare Untersuchung in Deutschland gegeben. In diesem Herbst rücken die Interviewer des Forschungsinstituts Infas aus. In Kindergärten, Schulen und Hochschulen wollen sie von 3000 Vierjährigen, von 7500 Fünft- und 15.000 Neuntklässlern sowie von 15.000 Studienanfängern erfahren, was diese können, wissen und lernen, welche Rolle dabei Familie, Freunde und Lehrer spielen, welche Erfolge und Misserfolge sie auf ihrem Bildungsweg erleben, ob und wie sie die Arbeitswelt wahrnehmen. Die Bildungs- und Berufskarrieren einer ersten Gruppe von Erwachsenen zwischen 23 und 64 Jahren sind schon in den Laptops gespeichert, viel mehr kommen noch hinzu: Insgesamt 60.000 Datensätze sollen es am Ende sein, genug, um eine ganze Kleinstadt mit Zeugnissen und Diplomen zu versorgen, sogar die Noten werden abgefragt. Und Jahr für Jahr werden sich die Interviewer wieder bei den Befragten melden, um diese 60.000 per Zufall gezogenen Lebensläufe fortzuschreiben und mit neuen Details zu ergänzen. Ausgedacht haben sich das 170 Bildungsforscher, die eigens für dieses Projekt in Bamberg einen Flügel des stattlichen alten Postgebäudes bezogen haben. „Nationales Bildungspanel“ steht auf dem Türschild, „Bildungsverläufe in Deutschland“ heißt das Großprojekt. Was wirkt sich positiv auf Lernen und Arbeiten aus, was negativ? Wie und wann entwickeln sich Kompetenzen? Warum lohnt sich Bildung für die einen mehr als für die anderen? Antworten sollen Forscher künftig im Datenberg von Bamberg finden können.

Kein Grund zum Rotwerden. Der Sommer 98 war nur für die Nationalmannschaft eine Schmach, wegen der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich. Persönlich lassen sich die Wochen zwischen Wehrdienst und Immatrikulation passabel mit einem Sprachkurs im Ausland erklären. Die Interviewerin nickt und tippt, die Erinnerung an Salzwasser und helle Nächte wird wieder frisch. „Da gibt es noch eine Lücke“, beendet sie die Träumerei. „Juli und August 2004.“

Hans-Peter Blossfeld hat in der Bamberger Wilhelmspost das größte Büro, er ist der Leiter des Bildungspanels. Rund 60 Millionen Euro hat er für das Projekt im Bildungsministerium eingeworben, sehr viel Geld für ein soziologisches Vorhaben. Aber empirische Bildungsforschung, so heißt Blossfelds Spezialdisziplin, hat Konjunktur - erst recht, wenn sie sich griffig beschreiben lässt. „Pisa macht Fotos“, sagt er. „Wir dagegen drehen einen Film.“ Das Bild ist mit Bedacht gewählt: So bekommt der in Deutschland noch heißer als in vielen anderen Ländern diskutierte Pisa-Test Lob und Kritik zugleich ab. Die Studie der OECD hat erstmals vor zehn Jahren deutschen Fünfzehnjährigen im Vergleich zu ihren Altersgenossen in anderen Ländern mäßige mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse nachgewiesen und damit eine zuvor nicht gekannte Debatte über die Qualität des Bildungssystems ausgelöst. „Aber wie es zu diesem Leistungsstand der Schüler gekommen ist, ließ sich mit dieser Momentaufnahme natürlich nicht beantworten“, sagt Blossfeld. Die Fragebögen aus Bamberg setzen deshalb schon bei Kleinkindern an, die Ergebnisse von motorischen und kognitiven Tests werden für diese Altersgruppe um Auskünfte von Eltern und Erziehern ergänzt. Ist das Schulalter erreicht, werden zusätzlich die Lehrer befragt - so kommen zu den 60.000 Teilnehmern rund 40.000 Bezugspersonen hinzu. Eine „kontextorientierte Erhebung“ nennen die Wissenschaftler das. Wer dagegen erst als Erwachsener für die Studie ausgewählt wird, darf aus dem eigenen Gedächtnis rekonstruieren: Abiturnote, Tauglichkeitsgrad bei der Musterung, erste Arbeitsstelle.

2004. Noch so ein Fußballsommer, Rudi Völler tritt als Bundestrainer ab. Und das graue Papier mit dem großen roten A im Kopf der Seite, endlose Formulare, ein trister Flur für die Wartenden. Die nächste Stelle war schon gefunden, dazwischen lagen zwei Monate ohne Einkommen, das lassen die Versicherungen nicht einfach so zu. „Arbeitslos.“ Die Interviewerin lässt ungerührt die Maus klicken. „Haben Sie währenddessen an geförderten Programmen zur beruflichen Fortbildung teilgenommen?“

Ende 2011 will Hans-Peter Blossfeld die ersten Ergebnisse vorlegen. „Es gibt viele Hinweise darauf, dass die meisten Migranten sogar einen stärkeren Aufstiegswillen als Einheimische haben“, erläutert der auf Familien- und Bildungsforschung spezialisierte Wissenschaftler eine seiner Annahmen. „Sie scheitern dann aber oft daran, dass eine Vielzahl kultureller Differenzen zusammenkommen.“ Querschnittsuntersuchungen könnten aber stets nicht viel mehr als das Nebeneinander möglicher Faktoren für Erfolg und Misserfolg feststellen. Die Bamberger Daten dagegen sollen, weil sie kontinuierlich fortgeschrieben werden, valide Schlussfolgerungen auf die tatsächlichen Gründe für gelungene und missratene Karrieren erlauben. Wie wirken sich einmal gemachte Erfahrungen auf künftige Entscheidungen aus? Welche Defizite verstärken einander wie in einer Spirale? Wann und wie lässt sich Bildung nachholen? „Das ist eine Revolution“, sagt Blossfeld. Bis 2013 ist sie finanziert, dann muss der Bund über ihre Fortsetzung entscheiden. Je mehr Veränderung über die Zeit man aus ihr ablesen könne, wirbt der Professor schon jetzt, desto wertvoller werde sie. „Das ist wie mit gutem Rotwein.“

Der Lebenslauf ist jetzt komplett, inklusive aller Praktika, Ferienjobs, Volkshochschulkurse und Fachwechsel im Studium. Sogar für die durchschnittliche Wochenarbeitszeit als studentische Hilfskraft ist eine Zahl abgespeichert. „Wir haben alle Ereignisse in Ihrem Leben aufgenommen“, sagt die Interviewerin lapidar. Ein mulmiges Gefühl. Schon folgen Fragen nach dem Gesundheitszustand, nach den Schulabschlüssen der Eltern - und nach deren Erwartungen an ihre Kinder. „Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Ihnen jemand aus Ihrem Bekanntenkreis 250 Euro leihen würde?“

Der Aufwand sei groß, räumt Hans-Peter Blossfeld ein. Aber neben den formalen Verhältnissen spielten für Bildungs- und Erwerbsleben schließlich auch soziale und charakterliche Aspekte eine wichtige Rolle. Die Wissenschaftler sprechen von „realitätsadäquaten Zusammenhängen“, am liebsten würden sie noch viel mehr Fragen stellen, um sie herauszufinden. Aus Rücksicht auf die Kosten, versichert Blossfeld, werde streng ausgesiebt. „Bislang wurden für jede kleine Spezialstudie eigens Befragungen vorgenommen. Das wird künftig nicht mehr nötig sein, weil unsere Daten zu Forschungszwecken allen Wissenschaftlern zur Verfügung stehen.“ Verschlüsselt natürlich, strenge Datenschutzregeln seien selbstverständlich, immerhin werde auch die Gehaltsentwicklung der Teilnehmer aufgezeichnet. Im Idealfall, wagt Blossfeld dann noch eine Prognose, werden die in Bamberg gespeicherten Daten viele Mythen der Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik entlarven. Statt bloßer Vermutungen über den richtigen Zeitpunkt und die richtige Form von Hilfestellungen werde es etwa belastbare Erkenntnisse darüber geben, wie sich sozialer Auf- und Abstieg beeinflussen lässt. Das könnte viel Geld sparen helfen. „Was die Politiker draus machen, ist allerdings eine andere Frage“, räumt er ein. „Wir werden die Ideologien vermutlich nicht beenden.“

Irgendwann lässt sie eine Gegenfrage zu. Viele Teilnehmer an der Studie seien nachher froh, sich selbst einmal über all das Rechenschaft abgelegt zu haben. Im Alltag bleibe dafür so wenig Zeit, außerdem werde viel verdrängt oder vergessen. Dann kehrt sie die Richtung des Gesprächs wieder um. Die letzte Frageserie: „Sind Sie persönlich bekannt mit einem Krankenpfleger?“ Nein. - „Einem Ingenieur?“ Ja. - „Einem Optiker?“ Nein. „Wie lange, schätzen Sie, hat die Befragung gedauert?“ 90 Minuten. Es waren 110. Der letzte Klick für heute.

Mehr unter: www.neps-studie.de

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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