10.02.2011 · Erst wurde die Softwareentwicklung ausgelagert, dann kamen die Callcenter. Jetzt lassen sich IT-Fachleute aus Europa in Indien weiterbilden. Der Ruf der Trainer ist exzellent. An Schlaf und Komfort mangelt es dagegen.
Von Nadine BösWenn Dominik Fritze und die anderen Kursteilnehmer morgens in den weißen Kleinbus steigen, der sie zum Unterricht bringen soll, lauern sie schon an der Ecke: die schwangere Frau im beigebraunen, fleckigen Sari, die Bettlerin, der die verfilzten Haare in alle Richtungen stehen. Und das kleine Mädchen mit den dünnen Beinen und den schmutzigen Händen, die es als Zeichen für seinen Hunger immer wieder an den Mund führt. „Chapati, Chapati“, rufen sie in einer Art Singsang. „Brot, Brot.“ Wenn die Gäste aus dem Ausland Pech haben, fassen die Bettler sie am Ärmel und zerren am Hemd, bevor sie hinter den verspiegelten Fenstern des Taxibusses verschwinden.
Der weiße Kleinbus bringt den 27 Jahre alten Softwareentwickler Dominik Fritze und seine Kurskollegen jeden Morgen vom Stadtteil Karol Bagh in der Mitte der indischen Hauptstadt Neu-Delhi in den etwa 15 Autominuten entfernten Stadtteil Moti Nagar, zum Trainingscenter der Firma „Koenig Solutions“. Eine Woche lang bekommt Fritze dort von 9 bis 17 Uhr Intensivunterricht von indischen Computerfachleuten. Die bringen ihm die Finessen des Programms „Windows Visual Studio 2010“ bei. Nachmittags fährt Fritze mit dem Kleinbus zurück ins Hotel und setzt sich direkt wieder an den Schreibtisch. Mindestens drei Stunden täglich übt er das Gelernte, liest nach, vertieft und fällt irgendwann todmüde ins Bett. „Schlafen kann ich aber nicht immer“, sagt er. Draußen hupen die Autorikschas, bellen die Hunde, drinnen rumpelt die Klimaanlage. „So richtig Ruhe findet man da nicht unbedingt.“
Drill, Effizienz, schnelles Lernen in kurzer Zeit
Nicht umsonst heißt das Computer-Trainingslager, das der junge Softwareentwickler besucht „IT-Bootcamp“. „Wir haben diese militärische Bezeichnung ganz bewusst gewählt“, sagt Rohit Aggarwal, der Vorstandsvorsitzende des Fortbildungsanbieters. „Das steht für den Drill, für das schnelle Lernen in kurzer Zeit, für Effizienz.“ Das Prinzip der Bootcamps: Der Anbieter fliegt europäische IT-Angestellte nach Indien, um sie dort in möglichst kurzer Zeit von indischen Computerfachleuten auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Unterkunft, Essen und Transport sind inklusive. Die hochspezialisierten Computerkurse enden mit international anerkannten Abschlüssen, zum Beispiel mit dem Microsoft Certified Systems Engineer (MCSE) oder dem Cisco Certified Network Associate (CCNA). Der Vorteil für die Schulungswilligen: Die outgesourcte Fortbildung kostet nur etwa die Hälfte eines vergleichbaren Kurses zu Hause.
Erst wurde die Softwareentwicklung nach Indien ausgelagert, dann kamen die Callcenter. „Die neueste Entwicklung ist nun, dass Ausländer selbst nach Indien reisen, um hier billige Dienstleistungen zu bekommen“, beschreibt Aggarwal sein Geschäftsmodell. Mit dem Computertraining sei es ähnlich wie mit dem Medizintourismus. „Seit Jahren nutzen Ausländer unsere hervorragenden Privatkliniken, um Eingriffe wie Herz-OPs oder Zahnbehandlungen machen zu lassen, die zu Hause zu teuer wären oder auf die sie jahrelang warten müssten“, sagt Aggarwal. „Warum sollten sie nicht hierherkommen, um IT-Fortbildungen in Anspruch zu nehmen?“
„Wir sind die Versuchskaninchen“
Der Bildungstourismus zum billigen Computer-Inder spielt bislang allerdings in den großen deutschen Unternehmen entweder noch gar keine Rolle - oder ist zumindest kein Thema, über das man gerne spricht. Zwar berichtet der Bootcamp-Anbieter Koenig Solutions darüber, Teilnehmer aus den IT-Abteilungen bekannter Konzerne bei sich registriert zu haben, etwa von Siemens, Adecco oder HP Deutschland. Die Unternehmen selbst allerdings bestätigen das nicht: „Wenn wirklich jemand von Siemens daran teilgenommen hat, dann war das wahrscheinlich privat oder schon sehr lange her“, teilt der Siemens-Konzern mit. „Unsere Schulungen laufen als virtuelle Fernkurse - da brauchen wir niemanden nach Indien zu schicken“, heißt es von HP Deutschland. Und die Zeitarbeitsfirma Adecco will sich mit Aussagen zu den Bootcamps gleich gar nicht zitiert wissen.
Höchstens aus kleineren Unternehmen ist mehr über die indischen IT-Kurse zu erfahren. Dominik Fritze etwa arbeitet in Kamp-Lintfort am Niederrhein für den Katalog-Designer ITB. Zusammen mit einem Kollegen hat er selbst recherchiert, wo er die nötige Microsoft-Fortbildung am besten machen kann. „Wir haben auch Angebote in Frankfurt am Main gefunden, aber die waren doppelt so teuer und inhaltlich nicht unbedingt das, was wir wollten“, sagt Fritze. So hätten er und sein Kollege den Chef überredet, sie nach Indien zu schicken. „Wir sind die Versuchskaninchen“, sagt Fritze. „Wenn es bei uns gut läuft, kann sich das Unternehmen vorstellen, so etwas öfter zu machen.“
Ob es so gut läuft - da ist sich der junge Computerexperte indes nicht ganz sicher. „Das Training hier ist exzellent, die Lehrer sind auf dem neuesten Stand, inhaltlich wie pädagogisch“, sagt Fritze. „Und sie sprechen sehr verständliches Englisch.“ Allerdings sei Indien doch zuweilen deutlich anstrengender als Frankfurt am Main. „Das Hotel, in dem wir untergebracht sind, liegt in keiner allzu guten Gegend“, urteilt Fritze. „Würde man mich dort allein auf der Straße aussetzen - ich wäre ganz verloren.“ Der Verkehr auf Delhis überfüllten, chaotischen Straßen stresst ihn jeden Morgen, noch bevor der Unterricht überhaupt angefangen hat. „Und die hygienischen Verhältnisse stören mich gewaltig“, sagt Fritze. „Man muss ständig aufpassen, dass man kein verschmutztes Wasser zu sich nimmt, selbst beim Zähneputzen. Man muss Angst haben vor Malariamücken und Denguefieber. Und die Luft ist voller Smog und Abgas, so dass man nie richtig durchatmen kann.“
„Das meiste sehe ich leider vor allem vom Taxifenster aus“
Ähnliches Feedback kommt auch von Trainingsteilnehmern aus anderen Ländern. Severin Luftensteiner ist für KPMG Österreich aus Wien angereist. Neun Tage bleibt er in Delhi, um die zwei Microsoft-Examen „MCTS“ und „MCITP“ zu absolvieren. „Ich habe schon einige vergleichbare Kurse zu Hause gemacht und muss sagen: Die Qualität der Trainer hier ist gleich, wenn nicht sogar besser, die Organisation professionell, das Englisch der Lehrer gut.“ Doch das Hotel sei schon sehr einfach, eher wie eine Jugendherberge, die Gegend schlecht, die Nächte zum Teil schlaflos. Nach einem ersten Kulturschock ist er dennoch sehr neugierig auf Indien: „Das meiste sehe ich wegen meines vollen Programms leider vor allem vom Taxifenster aus.“ Deshalb hat er am Ende noch ein paar Tage drangehängt für Besichtigungen und für eine Fahrt zum Taj Mahal.
Trotz der Minuspunkte, die viele Studenten aufzählen, verzeichnen die Kurse von Koenig Solutions regen Zulauf: Etwa 150 fortbildungswillige Europäer, Amerikaner und Afrikaner kommen jeden Monat in eines der vier Trainingscenter in Delhi, Goa, Shimla und Dehradun. 2009 machte der Anbieter nach Angaben des Vorstandschefs Aggarwal 6 Millionen Dollar Umsatz und etwa eine halbe Million Dollar Gewinn. In Zukunft plant Koenig Solutions gar, einige Kurse auf Deutsch und Französisch anzubieten. Und das Unternehmen ist nicht der einzige Kursanbieter für IT-Bootcamps: Eine Suchanfrage im Internet liefert mindestens zehn indische Konkurrenten mit ähnlichen Komplettlösungen. IPSR Solutions etwa bietet Kurse im südindischen Kerala. Das Jodo Institute ist in Bombay tätig. Der Anbieter Bilsoft konzentriert sich auf Bootcamps in Goa. „Wir freuen uns über die Konkurrenz“, sagt Aggarwal, der sein Unternehmen als Pionier der Branche sieht. „Viel zu wenige Ausländer wissen überhaupt von den outgesourcten IT-Kursen“, sagt er. „Je mehr Anbieter, desto bekannter wird das Modell.“
Einige von Aggarwals Kunden nehmen sogar gleich mehrfaches Outsourcing in Anspruch. Der Web-Entwickler Abdul Qadir Kola-Olukotun kommt aus Lagos in Nigeria, um sich in zwei Kursen in Delhi fortbilden zu lassen. „IT-Bootcamps gibt es bei mir zu Hause gar nicht“, sagt der 26-Jährige. Aber es gab noch einen Grund, der für die Reise nach Indien sprach. „Nebenher lasse ich in einer Privatklinik eine Hauterkrankung behandeln, unter der ich schon länger leide“, berichtet Kola-Olukotun. „Privatkliniken in Nigeria sind mit indischen Kliniken nicht zu vergleichen“, sagt er. Im „Max Hospital“ in Neu-Delhi kann er sich die Bestrahlungen, die er anderswo zudem als unerschwinglich empfände, locker leisten. Der IT-Bootcamp-Chef Aggarwal kennt solche Geschichten schon. Deshalb hat er mittlerweile eine Conciergedame eingestellt, die sich in der Krankenhauslandschaft Neu-Delhis ganz hervorragend auskennt. „Schließlich sollen sich unsere Studenten ganz auf ihre Kurse konzentrieren“, sagt Aggarwal. „Wenn sie eine medizinische Behandlung mit erledigen wollen, kümmern wir uns um die Organisation.“
Kann man da wirklich als Mitarbeiter gezwungen werden
Thomas Rühl (steuerthomas)
- 10.02.2011, 09:09 Uhr
An den PC nach Indien gezwungen...
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 10.02.2011, 12:10 Uhr
Zum Computerkurs ab nach Indien
Gerd Lehmann (Gerd_L)
- 10.02.2011, 12:16 Uhr
So genannte IT-Fachkräfte ...
Janosh Gnisleh (jangnisleh)
- 10.02.2011, 15:22 Uhr