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Bildung in Südkorea Pauken bis abends um zehn

 ·  Eltern in Südkorea tun alles, um ihren Kindern eine gute Bildung und damit sozialen Aufstieg zu sichern. Der Einsatz hat seinen Preis - finanziell und gesellschaftlich.

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Moon Jung Hyun zuckt mit den Schultern. Hat sich der ganze Aufwand mit jahrelangem Privatunterricht in Mathematik, Englisch, Kunst und Musik gelohnt? Wie die meisten Kinder in Südkorea hat Moon neben Kindergarten und Schule vom ersten Tag an zusätzlich an privaten Instituten Unterricht gehabt. Manchmal bis tief in den Abend. „Es ist schwer für koreanische Schüler“, meint die zierliche junge Frau, die Dolmetscherin werden will. „Neben der Schule so viel privaten Unterricht zu besuchen und den ganzen Stress durchzuhalten; leicht ist das nicht.“

Moons Eltern schickten ihre Tochter schon zum zusätzlichen Mal- und Musikunterricht, kaum dass sie in der Grundschule angefangen hatte. Dazu kam dann schnell Nachhilfe in Mathematik. „Ich war eine totale Null in Mathe“, erinnert sich die heute 23 Jahre alte Frau. „Ich habe das mitgemacht, nicht für mich, sondern um die Hoffnungen meiner Eltern zu erfüllen“, sagt sie. In der Mittelstufe kam dann noch privater Zusatzunterricht in Englisch dazu, schließlich sollte Moon die Aufnahmeprüfung für eine gute Fremdsprachenoberschule bestehen. Mit 13 Jahren hat sie deswegen bereits englische Bücher gelesen, die für 18-Jährige gedacht sind. „Alles, um diese Prüfung zu bestehen“, sagt sie.

„Meine Mami sagt, dass das gut für mich ist“

Kinder und Jugendliche in Südkorea stehen unter einem immensen Druck. Die kleine Min zum Beispiel geht fast täglich in eine der sogenannte Hagwon - der südkoreanischen Nachmittagsschulen, die man in der Hauptstadt Seoul bald an jeder Straßenecke findet. Laut Schulamt gibt es in Seoul mittlerweile 29.977 dieser Hagwon - und das sind nur die, die offiziell registriert sind. „Meine Mami sagt, dass das gut für mich ist“, erzählt die Neunjährige, müde von den Zusatzstunden, während sie auf den Schulbus wartet. Schließlich sei Bildung wichtig, wenn die Tochter später eine Chance haben soll.

Das „Bildungsfieber“ südkoreanischer Eltern, wie es von Experten manchmal schon bezeichnet wird, hat viel mit der konfuzianischen Tradition zu tun, die in dem ostasiatischen Land sehr stark ist. Bildung ist im Konfuzianismus ein hoher Wert. Und im aufstrebenden Korea, das kaum über Rohstoffe verfügt, ist eine gute Ausbildung an einer renommierten Schule oder Universität nach Überzeugung der meisten Eltern unverzichtbar, wenn ein hoher sozialer Status für die Kinder angestrebt wird.

„Diese konfuzianische Ideologie mit ihrer Betonung von Bildung und Familie hat dazu geführt, dass viele Eltern ihr ganzes Leben dem Erfolg ihrer Kinder verschreiben“, erklärt Sookjung Hong. Sookjung unterrichtet selbst an privaten Schulen Englisch. 34.000 Won (22 Euro) verdient sie die Stunde, für eine 23 Jahre alte Berufsanfängerin ist das in Südkorea kein schlechter Job. Sie hat selbst an einer der renommierten Schulen in Seoul Englisch gelernt. „Einige meiner Klassenkameradinnen haben bis zu 150.000 Won (96 Euro) für Nachhilfestunden bei amerikanischen Collegestudenten bezahlt, um an dieser Schule angenommen zu werden“, berichtet sie. Viele Eltern investierten das Geld - im Durchschnitt sind es 280.000 Won - , damit die Kinder eine Ausbildung an einer der renommierten Bildungseinrichtungen des Landes schaffen, die gutes Einkommen und soziales Prestige versprechen. „Manchmal ist gar nicht richtig klar, was der zusätzliche Unterricht wirklich bringt“, sagt sie. Er werde aber bezahlt, weil der Druck groß sei, denn andere Eltern finanzierten ihren Kindern das auch.

Ein Misstrauensvotum gegen die staatlichen Schulen

Dass so viele südkoreanische Eltern glauben, Bildungserfolg ihrer Kinder nur mit Hilfe privater Lehrer zu erreichen, ist natürlich auch ein Misstrauensvotum gegen die staatlichen Schulen des Landes. Vor allem beim Fremdsprachenunterricht hapert es dort. Sookjung berichtet von Englischlehrern, die nicht richtig Englisch konnten. Appelle des Staatspräsidenten Lee Myung-bak, in den Schulen des Landes „Englisch auf Englisch“ zu lehren, werden nicht nur von vielen Englischlehrern abgelehnt. Kritiker warfen dem Präsidenten vor, seine Forderung sei schlimmer als das, was „die japanischen Imperialisten“ Korea während der Besatzungszeit mit ihrer brutalen Japanisierungspolitik angetan hätten. Unterrichtssprache müsse Koreanisch bleiben - eine Forderung, die den vielen privaten Englischschulen das Überleben sichert, denn die prestigeträchtigen Eliteuniversitäten erwarten eben auch in Korea mehr von ihren Bewerbern.

Jeong A-song hat zwei Kinder. 14 Stunden Privatunterricht finanziert sie für die beiden neben der Schule, eine Million Won (635 Euro) lässt sie sich das kosten. „Ich glaube nicht, dass diese private Zusatzausbildung ein Muss ist“, sagt sie. Aber die staatlichen Bildungseinrichtungen versagten, böten den jungen Menschen nicht die Möglichkeit, selbstbewusst in die Aufnahmeprüfungen der Eliteschulen zu gehen. „Ich habe mich deshalb entschieden, meinen Kindern private Stunden für das zu finanzieren, was das staatliche Bildungssystem nicht leistet.“

Sie findet sich damit in einer großen Gemeinschaft, denn fast alle Eltern denken heutzutage so. Jeong Ji young zum Beispiel, 45 Jahre alt und Mutter zweier Töchter. 800.000 Won (511 Euro) lässt sie sich die jeweils zehn Zusatzstunden ihrer Töchter kosten. Und die Kleinen kommen, wie die neunjährige Min dann manchmal eben erst nach zehn Uhr zurück nach Hause.

Bildung ist stark von der sozialen Position der Eltern abhängig

Die große Bedeutung von Privatschulen für den Bildungserfolg führt dazu, dass Bildung in Südkorea bis heute stark von der sozialen Position der Eltern abhängig ist. Je besser die Bildung, je teurer die Schulen, desto leichter der Weg nach oben. „Wenn man realistisch ist, muss man sehen, dass es einen Leistungsunterschied zwischen den Schülern gibt, die private Zusatzstunden nehmen, und denen, die das nicht tun“, sagt Jeong Ji-young. Der private Sektor fülle nur das aus, wo das staatliche Schulsystem versage.

Südkorea gibt nach Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 6,8 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, mehr als jedes andere OECD-Mitgliedsland. Doch die öffentlichen Ausgaben liegen deutlich unter den 4,1 Prozent, die im OECD-Durchschnitt aufgewendet werden. Allein diese Zahlen zeigen, welchen hohen Stellenwert der zusätzliche private Bildungsmarkt für Kinder und Jugendliche in Südkorea hat. Sie zeigen auch, dass diese zusätzliche private Bildung in Korea nicht nur das Privileg einer kleinen Oberschicht ist, sondern ein Phänomen, das die gesamte Gesellschaft erfasst hat.

Nach offiziellen Statistiken wenden die Südkoreaner dafür 12,837 Milliarden Euro im Jahr auf. Mehr als 70.000 Hagwon soll es im Lande geben, 47 Prozent von ihnen sind fast ausnahmslos damit beschäftigt, die Schüler auf die Aufnahmeprüfungen weiterführender Schulen hin zu drillen. 77 Prozent aller Schüler von der Grund- bis zur Oberschule verbringen im Schnitt 10,2 Stunden zusätzlich in privaten Zusatzschulen. Englisch ist dabei das wichtigste Fach, gefolgt von Mathematik, dann aber auch von Fächern wie Musik oder Kunst. Im Durchschnitt geben Eltern in Südkorea fast 3,5 Millionen Won im Jahr für den Nachhilfe- und Zusatzunterricht ihrer Kinder aus. Lee Sook, ebenfalls Mutter von zwei Töchtern, sagt, dass sie und ihr Mann fast die Hälfte des Familieneinkommens für die zusätzliche private Ausbildung der Kinder aufwendeten. Korea sei ein Land ohne Rohstoffe, das Geld also nicht nur für die Zukunft ihrer Töchter, sondern auch für die Zukunft Koreas gut angelegt.

Die Selbstmordrate unter Jugendlichen ist hoch

Wie viel die Eltern in die Bildung ihrer Kinder zusätzlich investieren, entscheidet in der Praxis maßgeblich über den Erfolg der Kinder. Moons Freundin Su Kim, 19 Jahre alt, berichtet, dass sie in der neunten Klasse immer stärkere Probleme mit Mathematik bekam. „Alle anderen waren besser als ich, weil sie alles schon in Privatinstituten gelernt hatten“, sagt sie. Deswegen habe auch sie mehr Zeit und Geld aufwenden müssen, um in der Schule bessere Noten zu bekommen. Schließlich wollte sie auf eine ganz besondere Oberschule gehen. Selbst Deutsch hat sie dann auf private Initiative hin zusätzlich gelernt, um die notwendige Qualifikation zu bekommen - und so hat sie die Prüfung geschafft.

Die Verteidiger dieses Systems weisen auf die Erfolge hin. In den Pisa-Vergleichsstudien belegen Südkoreaner stets die vorderen Plätze. Auch Moon meint im Nachhinein, der Druck, den ihre Eltern ausgeübt hätten, habe sich für sie am Ende gelohnt. Als Kind habe sie die Klavierstunden gehasst, zu der ihre Eltern sie zwangen, weil sie eine Tochter haben wollten, die Gästen auch mal etwas vorspielen kann. Heute sei sie dankbar dafür.

Aber auch Moon sieht die Schattenseiten: Der Druck auf den jungen Koreanerinnen und Koreanern ist groß. „Das liegt daran, dass die Kinder das nicht aus freiem Willen tun, sondern dass es ihnen von den Eltern aufgezwungen wird.“ Kinder hätten zu gehorchen und müssten es aushalten, weil es in der konfuzianischen Tradition schwer sei, den Eltern zu widersprechen. Auch deswegen ist die Selbstmordrate unter Jugendlichen in Südkorea im internationalen Vergleich erschreckend hoch. Und junge Südkoreaner setzen wegen der hohen Kosten immer weniger Kinder in die Welt. In wenigen Jahren wird das Land stärker überaltert sein als das benachbarte Japan. Fragt man junge Frauen oder Männer in Seoul, dann wünschten sie sich zwar oft ein zweites Kind, scheuen aber die gigantischen Bildungsausgaben, zu denen sie sich verpflichtet fühlen.

Der Konfuzianismus, der auf der einen Seite den Bildungseifer der Südkoreaner begründet, macht sich nach Ansicht des Bildungsforschers Paul Jambor auch noch in einem anderen Punkt negativ bemerkbar. Jambor, der selbst in dem Land Englisch unterrichtet, weist darauf hin, dass Konfuzius auch die Autorität des Lehrers hoch gewichte. Die Schüler lernten kaum, kreativ und selbständig zu denken. Drill und Auswendiglernen sei die Devise. In Südkorea hätten es Menschen mit neuen Ideen deswegen bis heute allem Bildungseifer zum Trotz sehr schwer.

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Jahrgang 1959, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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