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Veröffentlicht: 29.09.2016, 06:45 Uhr

BIBB-Chef im Gespräch „Wir brauchen eine Berufsbildung 4.0“

Die Arbeitswelt verändert sich rasant - wie kann die Ausbildung bei dem Tempo noch Schritt halten? Der Leiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Friedrich Hubert Esser, hat Antworten.

von Lara Marie Müller
© dpa Das Digitale hält nicht nur in den Beruf Einzug - sondern auch in die Ausbildung.

Haben Sie in kreativen Berufsfeldern wie Fotografie oder Mediengestaltung Veränderungen in den Bewerberzahlen durch die sozialen Medien bemerkt?

Nein. Es gibt bestimmte Ausbildungsberufe, die beliebter sind, und andere, die weniger beliebt sind. Hier hat sich in den letzten Jahren wenig verändert. Außerdem spielt das Internet, Vernetzung und Digitalisierung mittlerweile in fast allen Branchen eine Rolle.

Kann das deutsche Ausbildungswesen denn mit der technischen Entwicklung mithalten?

So pauschal lässt sich das nicht sagen. Von Beruf zu Beruf ist das sehr unterschiedlich: Bei Fotografen mag das zum Beispiel die neueste technische Entwicklung der Bildbearbeitung sein, bei Zahnärzten zum Beispiel das Erstellen von Zahnersatz mit 3D-Druckern. Da variieren die Größenordnungen der notwendigen Investitionen stark. Fest steht: Für die Wirtschaft von morgen brauchen wir eine Berufsbildung 4.0, die mit der Digitalisierung mithält.

Wie kann eine solche Ausbildung erreicht werden?

42603116 © Foto Bibb Vergrößern Friedrich Hubert Esser leitet seit dem Jahr 2011 das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.

Die Aktualität der Ausbildung steht und fällt mit dem Engagement und dem Wissen des Ausbildungspersonals. Damit meine ich sowohl das Ausbildungspersonal im Betrieb als auch das Lehrpersonal in der Berufsschule. Sie können sowohl Treiber als auch Bremser sein. Ich erinnere mich noch gut daran, als in den 80er Jahren die ersten Online-Plattformen aufkamen. Einige Lehrer waren fasziniert und haben das direkt in ihren Unterricht eingebunden. Andere standen den neuen Techniken reservierter gegenüber, weil sie lieber in ihren gewohnten Strukturen weiterarbeiten wollten. Sie verwendeten zum Beispiel seit Jahren dieselben Lehrfolien. Das stellt man dann nicht so einfach um.

Ist das heute anders?

Ich glaube nicht. Wir müssen es schaffen, das Ausbildungspersonal mitzunehmen und entsprechend weiterzubilden. Das Bundesinstitut trägt daher Möglichkeiten der Weiterbildung im digitalen Bereich sowohl an die Betriebe als auch an die Berufsschulen heran.

Wie machen Sie das konkret?

Wir arbeiten mit Verbänden, Gewerkschaften und Kammern zusammen. Wir stellen Weiterbildungen für Ausbilderinnen und Ausbilder zur Verfügung. Wir organisieren Schulungen für Betriebe, damit diese lernen, wie sie sich online gut präsentieren können. Die Digitalisierung ist kein Thema, über das sich nur die Jugendlichen Gedanken machen müssen. Viele Betriebe haben Schwierigkeiten, geeignete Auszubildende zu finden. Die Betriebe, die sich für Bewerberinnen und Bewerber in sozialen Medien attraktiv präsentieren, haben auch deutlich bessere Chancen, gute Bewerbungen zu erhalten. Und auch für die Jugendlichen ist es ein Zeichen, wenn der Betrieb sich online modern präsentiert: Das kann ein erstes Indiz sein, dass das Ausbildungspersonal am Puls der Zeit arbeitet.

Es hängt also sehr stark vom jeweiligen Betrieb und der Berufsschule ab. Worauf sollten Bewerber bei der Auswahl achten?

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Wichtig ist, dass man einen wirklich guten Eindruck vom Ausbildungsbetrieb gewinnt. Das geht immer noch am besten durch ein Praktikum. Dabei sollte man genau darauf achten, wie viel der Betrieb mit neuen Techniken macht und wie viel Erfolg er mit dieser Strategie hat. Dann können Bewerber abgleichen, ob das mit ihren beruflichen Plänen zusammenpasst. Einen guten Eindruck von der Berufsschule zu bekommen, ist im Vorhinein schwieriger. Die meisten haben einmal im Jahr einen Tag der offenen Tür. Außerdem sollte man sich die Online-Auftritte genau ansehen. Sind die modern und gut gemacht, ist das meist ein Zeichen für digitale Affinität. Die beste Quelle sind natürlich Jugendliche, die gerade im Wunschbetrieb eine Ausbildung machen. Die können aus erster Hand über die Situation sowohl im Betrieb als auch in der Berufsschule berichten.

Die Basis aller Ausbildungen ist aber ein Ausbildungslehrplan, der von Ihnen erarbeitet wird. Wie aktuell sind diese Lehrpläne?

Wir modernisieren die Ausbildungsordnungen durchschnittlich alle fünf bis zehn Jahre. Das liegt vor allem daran, dass wir diese bewusst möglichst zukunftsoffen formulieren. Das heißt, wir schreiben zum Beispiel keine kleinteiligen Techniken fest, die gelehrt werden sollen. Gibt es dann innovative Entwicklungen in einem bestimmten Bereich, können diese vom Betrieb in den Ausbildungsplan mit aufgenommen werden. Auch auf Änderungen in der Nachfrage können Betriebe so reagieren, ohne den Lehrplänen zu widersprechen. Es dauert im Übrigen durchschnittlich etwa ein Jahr, bis ein solcher Modernisierungsprozess durchgeführt ist.

Was muss denn geschehen, damit es zu einer Modernisierung einer Ausbildungsordnung kommt?

Zuerst kommunizieren Betriebe und Arbeitnehmervertretungen in ihren Organisationen, welchen Änderungsbedarf sie sehen. Die Verbände, Gewerkschaften und Kammern tragen dies dann an das zuständige Ministerium und das Bundesinstitut heran. Wir prüfen, ob die Änderungen plausibel und angemessen sind. Sind sie das, beginnen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen sowie Kammern gemeinsam mit Bund, Ländern und unserem Institut das Neuordnungsverfahren.

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