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Veröffentlicht: 06.04.2016, 07:05 Uhr

Gescheiterte Bewerbungen Leider müssen wir Ihnen mitteilen...


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„Doch es gibt auch echte Schreckgespenster in der Welt der Online-Bewerbungstools“, sagt Knabenreich. „Das SAP-E-Recruiting hat zum Beispiel traurige Berühmtheit: extrem nutzerunfreundlich, lange Ladezeiten, häufige Systemabstürze. Wer auf eine Stelle Tausende Bewerbungen bekommt, kann sich das vielleicht leisten“, sagt Knabenreich. „Für die meisten Arbeitgeber gilt aber, dass sie es den Bewerbern einfacher machen müssen: Denn die nächste Stellenausschreibung ist nur einen Mausklick entfernt.“

Was verbirgt sich hinter der Ausschreibung?

Doch auch schon bei der Suche nach einer geeigneten Stellenausschreibung stieß Bewerber Brill auf Hindernisse. Denn nicht immer wurde ihm wirklich klar, was für eine Stelle sich hinter den verschwurbelten Formulierungen verbarg. Sein Lieblingsbeispiel: „Angesichts der ganzen Diskussion um die vielen neuen Asylverfahren für die jetzt ankommenden Flüchtlinge wollte ich mich auf eine Ausschreibung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge bewerben“, erzählt er. „Doch aus der Anzeige ging gar nicht richtig hervor, was das überhaupt für eine Tätigkeit war, für die ich mich da interessierte.“ Der Wortlaut unter dem Titel „Tätigkeitsprofil“: Das Amt suche „Volljuristinnen und Volljuristen sowie Akademiker mit Hochschulabschluss der Studiengänge Volks- oder Betriebswirtschaft, der Wirtschaftswissenschaften oder mit einem vergleichbaren geisteswissenschaftlichen Abschluss“. Das war’s. Brill fragte auf der Facebook-Seite des Bundesamts nach den Inhalten der Arbeitsstelle und erhielt als Antwort: „Wir suchen Führungskräfte für verschiedene Funktionen des höheren Dienstes, die wir bundesweit an mehreren Standorten einsetzen.“ Brill war enttäuscht. „Ich war so schlau wie vorher“, sagt er.

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Gleichwohl bewarb er sich, durchlief das siebenseitige Online-Bewerbungsformular. Als er während der Ausfüllerei eine längere Pause machte, stellte er fest, dass sich das System nach 90 Minuten automatisch abschaltete. Alle seine Angaben waren futsch, und er musste noch einmal von vorn beginnen. Und nachdem Brill endlich mit den Formularen durch war, wurde er gebeten, nun seine „vollständigen Bewerbungsunterlagen“ auch noch per Post an die Behörde zu verschicken.

„Einen Tag vor Weihnachten erhielt ich dann schließlich eine Einladung zu einem Assessment-Center. Der Termin war vorgegeben, ein ganzer Tag sollte dafür draufgehen. Ich fragte noch einmal nach, um welche Tätigkeit es überhaupt gehen sollte, um mich auf das Assessment-Center vorzubereiten, und erhielt wieder keine aufschlussreiche Antwort. Da hatte ich dann endgültig genug und habe den Termin abgesagt.“

Nicht jeder kriegt überhaupt eine Chance

Schön wär’s für manche Klienten, die sich hilfesuchend an Doris Brenner wenden, wenn sich ihnen überhaupt die Chance eines Assessment-Centers böte. Denn die Personalberaterin aus dem Rhein-Main-Gebiet hat immer wieder mit Menschen zu tun, die bei der Stellensuche scheitern. Und diese Abgewiesenen wieder neu zu motivieren ist keine einfache Aufgabe. Ein wesentlicher Punkt, ob sich Menschen wieder aufrappeln, sei das Thema Selbstbewusstsein und die Frage nach der mittlerweile so oft beschworenen Resilienz, also der inneren Widerstandskraft. Sich gut und geeignet zu finden nach dem zehnten „Wir haben uns für einen anderen Bewerber entschieden“, das im Briefkasten oder Mailaccount landet, erfordert in der Tat innere Stärke.

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