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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Besuch in der Burnout-Klinik Ausgebrannt am Scharmützelsee

23.02.2011 ·  Bis zu 30 Prozent der Berufstätigen in Deutschland droht der Burnout. Die Arbeit ist dabei oft nur der Auslöser, nicht der Grund für den Zusammenbruch. Ein Besuch in einer psychosomatischen Klinik.

Von Anna Catherin Loll
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Klausursitzung. Dem leitenden Manager der Frankfurter Beratungsgesellschaft wird schwindlig, dann schwarz vor Augen. Er fällt in Ohnmacht. Gleich zweimal während der Sitzung. „Hinterher dachte ich, dass ich ein bisschen zu müde war“, sagt er. „Oder dass es mit dem frischen O-Saft zu tun hatte, den ich vorher getrunken hatte. Vielleicht war der schlecht.“ Der Mann wird von seinen Kollegen zum Arzt geschickt, der gibt ihm eine Spritze. Am nächsten Tag ist er wieder im Büro. Übelkeit und Schwindel kehren immer wieder. „Ich habe dann halt einen Kaffee getrunken, und es ging weiter“, sagt der Vierzigjährige mit dem offenen, eher jungenhaften Gesicht, seine Hände liegen auf den Lehnen des Bürosessels. Das Möbelstück steht jedoch nicht in einem Büro, sondern in einer psychosomatischen Klinik in Brandenburg.

Die Gegend, etwa eine Stunde von Berlin entfernt, dient seit Ende des 19. Jahrhunderts den Städtern als Erholungsgebiet. Die Oberbergkliniken haben einen Standort am Rande des Örtchens Wendisch Rietz direkt am Scharmützelsee. Ansonsten gibt es hier vor allem viele Kiefern. Für Adrenalin sorgen nur die schmalen, zu matschigen Gräben hin abfallenden Straßen, in die der Frost Schlaglöcher gerissen hat.

Die Arbeit ist oft nur der Auslöser

Spezialisiert ist die Oberbergklinik auf Sucht, Depression und Burnout. Es gibt einen Streit in der Psychiatrie, ob das „Ausgebranntsein“ nicht eigentlich eine schwere Depression ist, die manche Leute so nur nicht nennen wollten. Eine Art Modewort für die Menschen, die nicht gerne zugeben, dass sie in ihrem Leben etwas nicht im Griff haben. „Beim Burnout können Sie sagen: ,Ach, ich habe zu viel gearbeitet! Ansonsten habe ich kein Problem', sagt eine Ärztin lakonisch beim Mittagessen. Burnout, sagen andere, ist jedoch mehr als bloßer Stress. Die Arbeit ist oft nur der Auslöser, nicht der Grund für einen Burnout.

„Stress hat jeder“, sagt Götz Mundle, ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken. Es sei ein Fakt, dass die Arbeitswelt heute hohe Anforderungen stelle. Ausschlaggebend für einen Burnout seien aber nicht nur äußere, sondern auch innere Stressfaktoren. „Wenn der Mensch vor lauter Leistungsansprüchen den Kontakt zu sich verloren hat, keine Grenzen setzen und keine Pausen mehr einlegen kann, kommt der Zusammenbruch“, sagt er. Bei Burnout handele sich um eine starke körperliche und geistige Erschöpfung.

Entscheidend ist für Mundle, dass ein Berufstätiger seine Potentiale entsprechend seinen Fähigkeiten entfalten kann, ohne sich dabei an zu hohen Ansprüchen zu messen. Sonst ist der Zusammenbruch programmiert. „Für einen Burnoutpatienten ist etwas nie gut genug, was er tut. Er erlaubt sich kein Scheitern“, sagt der Psychiatrie-Professor. Der Betroffene suche in der Regel wie besessen nach Anerkennung. Innerlich verkümmere er dabei immer mehr. Zugrunde lägen extreme Leistungsverhaltensmuster, oft seien sie schon in der Kindheit angelegt.

Engagierte sind besonders anfällig

Schätzungen zufolge sind 20 bis 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung burnoutgefährdet, 3 bis 5 Prozent der besonders schweren Fälle müssen stationär behandelt werden. Anfällig sind laut Mundle vor allem beruflich erfolgreiche und engagierte Menschen wie Führungskräfte und Selbständige. Unter den Berufsgruppen seien Lehrer, Ärzte und Polizisten häufig vertreten.

Einem Burnout gehen in der Regel körperliche Symptome voraus. Magen-Darm-Erkrankungen stellen sich ein, ein Tinnitus beginnt, oder der Blutdruck steigt. Häufig auftretende Symptome in der Endphase der mehrmonatigen Krankheitsentwicklung sind Schlaf- und Appetitlosigkeit. Doch ein burnoutgefährdeter Mensch tut sie ab, nimmt sie nicht ernst, so wie die Führungskraft aus Frankfurt.

Nachdem er Mitte 2009 in Ohnmacht gefallen war, ließ er sich beim Arzt durchchecken. Er sei gesund, hieß es, vielleicht ein bisschen überarbeitet. Der Manager bekam Beruhigungstabletten und ein paar Vitamine. Er machte weiter wie bisher. Seine Arbeitszeit pro Woche kann er kaum schätzen. „70 Stunden, vielleicht mehr?“ Er zuckt mit den Schultern.

„Wenn ich geschlafen habe, habe ich von der Arbeit geträumt“

Seine Frau und enge Freunde begannen, ihn zu warnen, baten ihn, weniger zu arbeiten. Als er immer mehr an Lebenslust verlor, versuchten sie ihn aufzumuntern. Er habe doch alles, was ein Leben erfüllt mache. Eine Familie, Gesundheit, einen interessanten Job. „Ich war für gute Zurede überhaupt nicht mehr zugänglich“, sagt er heute. „Mir war alles egal. Gleichzeitig habe ich mich für fast alles als schuldig gesehen, was nicht geklappt hat.“

Anfang 2010 befiel ihn eine Hautkrankheit. Er kannte sie schon von früher. Er wusste, dass es mit Stress zusammenhing. Aber schließlich wirkte die Wirtschaftskrise noch nach, Stress war da völlig normal, redete er sich ein. Doch dann fing die Schlaflosigkeit an. Vier oder fünf Stunden Schlaf je Nacht, auf mehr ließ der Körper sich nicht mehr ein, regelmäßig hatte er starke Krämpfe. „Und wenn ich geschlafen habe, habe ich von der Arbeit geträumt“, sagt der Manager. Anstatt auf die Signale zu hören, arbeitete er noch mehr. „Meine Mails habe ich um 4 Uhr morgens gecheckt, Telefonkonferenzen mit dem Büro in Asien vor dem Morgengrauen abgehalten. Ich war ja eh wach.“

„Am Anfang spürte ich extrem viel Scham“

Im Sommer fuhr er drei Wochen in den Urlaub. So lange wie seit Jahren nicht mehr. Doch die Erholung war trügerisch. Wieder zurück im Alltag schlief er maximal zwei Stunden pro Nacht und entwickelte Angstzustände. „Ich hatte vor allem Angst. Vor meiner Rolle als Ehemann, als Vater, davor, auf die Straße zu gehen.“ Er isolierte sich. Im Büro lies er sich jedoch nichts anmerken. Bis eine längere Sitzung mit den Eigentümern vorbei war. Er saß noch ein paar Minuten mit Kollegen zusammen, um die Ergebnisse zu besprechen, plötzlich waren sie da, die Krämpfe am ganzen Körper.

Anschließend spielte er mit dem Gedanken, sich umzubringen. Seine Frau nahm sich Urlaub, ließ ihn fortan nicht mehr alleine. Aufgrund andauernden Herzrasens war er eine Woche später beim Arzt, kurz darauf in der Klinik am Scharmützelsee. Es begann eine emotionale Talfahrt. „Am Anfang spürte ich extrem viel Scham. Scham, dass ich nicht stark genug war durchzuhalten“, sagt er.

„Die Schwierigkeit ist, die Krankheit emotional zu akzeptieren und wieder Zugang zu Gefühlen zu finden, die der Leistungsgedanke verdrängt hat“, sagt Yvonne Kleinfeldt, psychologische Teamleiterin der Oberbergkliniken in Brandenburg. Rund drei Wochen brauche ein Patient in der Regel, um in der Klinik anzukommen und sich zu stabilisieren. Oft gehe es erst einmal darum, ihn körperlich wiederaufzubauen, regelmäßig schlafen und essen zu lassen. Der nächste wichtige Schritt bestehe darin, in der Therapie die bisherigen Verhaltensmuster herauszuarbeiten und zu verändern. Vor der Entlassung werde dem kommenden Arbeitsalltag Aufmerksamkeit geschenkt. „Gegen Rückfälle sind die Betroffenen nicht gefeit. Allerdings lernen viele, auf sich zu achten“, sagt die Therapeutin.

Meditation und bunte Bilder

Die Oberbergkliniken haben in Deutschland drei Standorte, in Brandenburg werden zwischen 55 und 60 Patienten aufgenommen. Meist sind es etwas mehr Männer als Frauen. Sie leben eher wie in einem Hotel als in einer psychiatrischen Klinik. Am Wochenende gibt es Ausgang, im Keller eine Sauna, mittags drei Gänge im zum See hin verglasten Speisesaal. Für einen Aufenthalt von zehn Tagen müssen die Patienten rund 4500 Euro aus eigener Tasche zahlen, wenn nicht die private Krankenkasse die Kosten übernimmt. Die Patienten unterziehen sich einer anstrengenden Intensivbetreuung. Über mindestens vier Wochen, oft eher acht, hat jeder Patient einen durchgeplanten Tag mit Frühsport um 6.45 Uhr, außerdem unter anderem Einzel-, Gruppen-, Physiotherapie. Die Patienten lernen in Meditationssitzungen in Stille zu verweilen, in der Gestaltungstherapie sich malerisch auszudrücken.

Der Manager aus Frankfurt konnte damit anfangs gar nichts anfangen. „Bevor ich hierhergekommen bin, habe ich Meditation belächelt. Bunte Bilder zu malen, konnte ich mir nicht vorstellen“, sagt er. Das ist jetzt anders. Er will die Meditationstechniken im Alltag weiter praktizieren, sich mit sogenannten Ankerübungen zwischendurch immer wieder erinnern, was wichtig ist, nicht vergessen, Pausen einzulegen.

Insgesamt war er drei Monate in der Klinik. Nun geht er in dieselbe Position zurück wie vor dem Burnout, zur selben Beratungsgesellschaft. „Ich freue mich wieder auf mein Leben, meine Familie und meine Arbeit“, sagt er lächelnd.

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