07.05.2007 · Zeitarbeit, Minijobs und Teilzeit - während sich die klassische Vollzeitstelle zuletzt auf dem Rückzug befand, gewann die „atypische Beschäftigung“ an Bedeutung. Schwingt das Pendel im Aufschwung nun zurück?
Von Sven AstheimerLieber befristet beschäftigt als unbefristet arbeitslos." Der Ausspruch aus dem April 1985 dürfte wohl das zweitpopulärste Zitat von Norbert Blüm sein. Anders als seine Prognose zur Sicherheit der Rente hat das Plädoyer des ehemaligen Bundesarbeitsministers für mehr Flexibilität am deutschen Arbeitsmarkt aber bis heute wenig an Aktualität verloren. "Arbeit für alle" sei das sozialpolitische Gebot der Stunde, kommentierte Blüm damals die Verabschiedung des Befristungsförderungsgesetzes, das zeitlich begrenzte Arbeitsverhältnisse bis zu 18 Monaten zuließ. Die sozialdemokratische Opposition nannte die neue Regelung einen Anschlag auf den Sozialstaat, der dem Arbeitsrecht "alle Knochen" breche.
Mehr als zwanzig Jahre später gehören befristete Arbeitsverträge längst zum beschäftigungspolitischen Alltag. Es hat sich aber in der Zwischenzeit noch viel mehr getan: Denn mit Minijobs, Zeitarbeit, Teilzeitmodellen und staatlich geförderter Selbständigkeit haben weitere Alternativen zum traditionellen Normalarbeitsverhältnis an Bedeutung gewonnen. Arbeitsmarktexperten sprechen von "atypischer", Gewerkschafter auch gerne von "prekärer Beschäftigung". Aber was heißt hier eigentlich normal?
Als typische Beschäftigung galt in industriellen Gesellschaften lange Zeit eine unbefristete und versicherungspflichtige Vollzeitstelle, bei der - anders als in der Zeitarbeit - Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis identisch sind. Zu deren Erosion hat nicht zuletzt die rot-grüne Bundesregierung entscheidend beigetragen: Mit den Hartz-Reformen wurde sowohl die Selbständigkeit gefördert als auch der Versuch gestartet, mit der Einführung von Minijobs die Schwarzarbeit einzudämmen. Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, kurz AÜG, öffnete den Markt für Zeitarbeit.
Nach dem Zusammenbruch des „Neuen Marktes“
Nach dem Zusammenbruch des "Neuen Marktes" zu Beginn des Jahrtausends begannen viele deutsche Unternehmen mit umfassenden Restrukturierungen. Diesen Umbauten fielen zwischen 2001 und 2005 rund zwei Millionen "normaler" sozialversicherungspflichtiger Stellen zum Opfer. Dagegen zeigte sich die Zahl aller Erwerbstätigen - also auch der Selbständigen - weitestgehend stabil und lag stets bei etwa 39 Millionen. Erst mit dem konjunkturellen Aufschwung im vergangenen Jahr erhielt auch die Beschäftigung einen neuen Schub: Im Februar gab es 26,5 Millionen solcher Jobs und damit 650 000 mehr als noch ein Jahr zuvor.
Den Erfahrungen früherer Konjunkturzyklen folgend, müsste diese Entwicklung auch Auswirkungen auf andere Formen der Beschäftigung haben. Zum Beispiel gilt Zeitarbeit als typischer Frühindikator eines Aufschwungs, der mit zunehmendem Vertrauen in die Konjunktur an Bedeutung verliert. Und tatsächlich: Während Mitte des vergangenen Jahres noch drei Viertel aller neuen Stellen aus dem Geschäft mit der Arbeitnehmerüberlassung stammte, ist es derzeit nur noch ein Viertel. Dennoch wächst die Branche zweistellig und will den Monatsschnitt an Zeitarbeitern bis 2010 auf dann eine Million verdoppeln. Sieht so etwa ein Rückzug aus?
Alle sollen flexibel sein
Ulrich Walwei, Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet nicht damit, dass sich der Trend grundsätzlich umkehrt und der Aufschwung zu einem starken Rückgang der atypischen Beschäftigungsverhältnisse führt. "Der Bedarf nach mehr Flexibilität ist nach wie vor hoch." Dies gelte sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitgeber.
Allerdings dürfen veränderte Rahmenbedingungen durch den Gesetzgeber nicht unterschätzt werden, wie ein Beispiel zeigt: Die Zahl der mit maximal 400 Euro entlohnten Minijobs legte im ersten Jahr um mehr als 11 Prozent zu und erreichte 2004 mit annähernd 7 Millionen ihren Höchststand. Nachdem die schwarz-rote Bundesregierung aber zuletzt die Pauschalabgaben für die Versicherungsbeiträge erhöht hat, hat der Stand mit 6,1 Millionen mittlerweile wieder annähernd das Ausgangsniveau von 2003 erreicht.
Dennoch sehen die Gewerkschaften zumindest in einigen Branchen den Trend nicht gebrochen. Im Gastgewerbe etwa würden immer noch Vollzeitstellen in Minijobs umgewandelt, sagt Karin Vladimirov von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG). Zwar gäbe es keine gesicherten Zahlen, dies gehe jedoch aus den Berichten der Mitglieder hervor. Außerdem würde gerade im Gastgewerbe häufig eine Kombination zwischen Minijobs und Schwarzarbeit angewendet, sagt die Gewerkschafterin, "Schätzungen gehen von jedem dritten Fall aus". Der Trend zur Filialisierung wie etwa im Bäckerhandwerk treibe ebenfalls den Ausbau der Frauen-Domänen Minijobs und Teilzeitarbeit voran.
Deren Ausbau hat in den vergangenen Jahren vor allem mit der steigenden Frauenerwerbsquote zu tun, über diesen Zusammenhang besteht in der Wissenschaft weitestgehender Konsens. Während 1991 weniger als 61 Prozent der Frauen zwischen 15 und 65 Jahren Erwerbsarbeit nachgingen, waren es 2005 fast 69 Prozent. Tendenz steigend. Damit liegt Deutschland zwar immer noch hinter den Spitzenreitern aus Nordeuropa zurück, aber mittlerweile deutlich über dem Durchschnitt der EU.
Was die Frauen umtreibt
Ein Großteil gehe dabei auf geringfügige Beschäftigungsverhältnisse zurück, analysiert die Bundesagentur für Arbeit, was bedeuten könne, "dass sich das Angebot unter Umständen auf wenige Wochenstunden beschränkt". Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Viele Frauen möchten arbeiten, können oder wollen - etwa weil sie gleichzeitig Kinder aufziehen oder Verwandte pflegen - aber keine Vollzeitstelle ausüben. Gerade wenn die Kinder noch klein sind, stellt eine Halbtagsstelle für Frauen häufig das Maximum dar. So stieg die Zahl der Teilzeitbeschäftigten zwischen den Jahren 2000 und 2005 um ein halbe Million auf mehr als 4,3 Millionen Menschen. Der Frauenanteil liegt bei rund 85 Prozent. Fast jede dritte berufstätige Frau geht einer Teilzeitarbeit nach. Bei den geringfügig Beschäftigten sind zwei Drittel weiblich. An diesem Trend hat bislang auch der Aufschwung nichts verändert. Im Gegenteil: Zwar legte nach Angaben der Bundesagentur die Beschäftigung von Frauen leicht zu, doch war dies ausschließlich auf ein Plus bei den Teilzeitjobs zurückzuführen. Bei den Vollzeitstellen gab es weitere Verluste. "Offenkundig profitieren Männer stärker vom Aufschwung als Frauen", heißt es. Generell gingen diese flexiblen Beschäftigungsformen mit "einer geringeren sozialen Sicherung einher", warnen Berndt Keller und Hartmut Seifert von der Hans-Böckler-Stiftung. So seien die Chancen auf Weiterbildung ungünstiger, und es würden Rentenansprüche "in ungenügender Höhe" erworben. Befürworter flexibler Beschäftigungsformen hingegen argumentieren, dass sie nicht selten zur Schaffung von klassischen Vollzeitstellen führten.
Doch Teilzeitmodelle können auch als wichtiger Bestandteil einer weitsichtigen Personalentwicklung begriffen werden. "Die meisten Frauen kehren über die Teilzeit zu uns zurück", sagt Flavia Bach, Personalleiterin Forschung und Entwicklung bei Sanofi-Aventis. Derzeit arbeitet fast jede dritte Mitarbeiterin in diesem Bereich am Frankfurter Standort des deutsch-französischen Pharmakonzerns auf reduzierter Basis. Der Großteil organisiert nebenbei noch den Haushalt mit Kindern und ist deshalb froh, mit 20 Stunden wieder einsteigen zu können, sagt Bach. Würden die Kinder selbständiger, formulierten viele Frauen den Wunsch nach einem stärkeren Engagement. Die Zahl der Wochenstunden ist dann frei verhandelbar, feste Modelle gibt es nicht.
Nachfrage nach Teilzeit bleibt hoch
Während Rückkehrerinnen früher oft in einer Bittstellerhaltung bei einem Arbeitgeber um eine Teilzeitstelle anklopften und dieser das Gesuch nicht selten als Schlupfloch durch das engmaschige Netz des Kündigungsschutzes nutzte, haben heute immer mehr Unternehmen ein Interesse an einem für beide Seiten zufriedenstellenden Engagement. "Wir sind schließlich auf qualifiziertes Personal angewiesen", sagt Bach, denn Fachkräfte sind schon heute schwierig zu finden, und der demographische Wandel wird die Knappheit künftig noch verstärken. Zwar müsse man auch auf betriebliche Notwendigkeiten Rücksicht nehmen, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Teil- und Vollzeitstellen herzustellen. "Dennoch versuchen wir zuerst, allen Wünschen der Mitarbeiterinnen gerecht zu werden", sagt Bach, die damit rechnet, dass die Nachfrage nach Teilzeit hoch bleiben wird.
IAB-Direktor Walwei empfiehlt in der Debatte um "normale" und "atypische" Beschäftigung den Blick nach Dänemark: "Dort hat man den Begriff ,normal' neu definiert." Während die Dänen den Kündigungsschutz weitgehend abgeschafft und so das Normalarbeitsverhältnis flexibilisiert haben, seien in Deutschland nur alternative Beschäftigungsformen erleichtert worden, weshalb es zu den Ausweichbewegungen gekommen sei. Die herkömmliche Vollzeitstelle überstand dagegen nahezu alle Reformen unverändert. Hier müsse man laut Walwei ansetzen: "Wer eine Renaissance des Normalarbeitsverhältnisses will, der muss es zuerst liberalisieren."
Flexibel oder prekär beschäftigt?
- Die Arbeitsmarktreform Hartz II regelt die geringfügige Beschäftigung; Arbeitnehmer dürfen im Minijob bis zu 400 Euro steuerfrei hinzuverdienen, Arbeitgeber zahlen eine Pauschale. Von mehr als 6 Millionen Minijobs werden 130 000 in Privathaushalten verrichtet.
-Das Gesetz führt auch den Existenzgründerzuschuss für Arbeitslose (Ich-AG) ein. Bis Mitte 2006 wurden 400 000 Selbständige gefördert; inzwischen wurden Ich-AG und Überbrückungsgeld zu einem Instrument verschmolzen.
-Nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz darf ein Arbeitsvertrag ohne sachlichen Grund nur drei Mal innerhalb von 24 Monaten befristet werden. Neu gegründete Unternehmen dürfen Mitarbeiter über vier Jahre befristet einstellen.
-Die Novelle des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes von 2003 liberalisiert den bis dahin streng regulierten Markt für Zeitarbeit; allerdings schreibt es gleiche Bezahlung von Zeitarbeitern und Festangestellten vor, wenn kein Tarifvertrag etwas anderes vorsieht.
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
Jüngste Beiträge