31.12.2010 · Der Ingenieur wäre eigentlich lieber Arzt geworden, die Sekretärin lieber Lehrerin. Manche wagen einen zweiten Anlauf - und bereuen es nie. Denn trotz der Risiken kann eine zweite Karriere richtig glücklich machen.
Von Julia WittenhagenAcht harte Jahre hatte Karen Degorce im Vertrieb des französischen Handyherstellers Sagem hinter sich. Das Unternehmen hatte die fröhliche Dolmetscher-Studentin aus der Bretagne als Messe-Hostess in Deutschland kennengelernt und vom Fleck weg für den Aufbau seines Deutschland-Geschäfts engagiert. „Das war eine Riesenchance ohne Grande Ècole. Ich wollte es ein Jahr lang ausprobieren“, sagt Karen Degorce im Rückblick. Mutterseelenallein begann sie von Paris, später von Köln aus Kontakte zu Netzbetreibern, Großhändlern und Kunden aufzubauen. „Für einen allein war das viel zu viel. So etwas kann man wirklich nur jungen Leuten zumuten.“ Sie war offenbar jung genug, jedenfalls hatte sie Erfolg – bis 2008. Da stagnierte das Geschäft, Degorce sehnte sich nach ihrem Heimatland. „Als ich frisch verliebt drei Monate an Venezuelas Küsten entlang segelte, da habe ich verstanden, dass es mit dem Mobilfunk aus war.“
Damit erfüllt sie ein typisches Muster für Berufswechsler: Eine innere Veränderung – hier der Wunsch, nicht mehr ständig zu reisen, sesshaft zu werden – mündet in eine äußere. „Ich wäre in Paris untergekommen, aber ich bin ein Naturmensch, der mit Segeln, Surfen und Wellenreiten aufgewachsen ist. Mein Traumjob ist am Wasser“, berichtet die fünfunddreißigjährige Französin. Ein Bekannter bot ihr an, mit ihm den Motorbootverkauf und -verleih seiner Eltern an einem See in den französischen Hochalpen zu übernehmen. Sie schlug ein. Die beiden neuen Partner nahmen einen Kredit auf, wurden ein Paar und traten besagte Segeltour an. „Wir müssen niemanden mehr fragen, wie wir unseren Betrieb führen“, schwärmt Degorce von ihrem neuen Berufsleben. „Und unsere Kunden sind Urlauber mit einem strahlenden Lächeln und etwas Geld.“ Sie verdiene jetzt zwar nur noch ein Drittel ihres früheren Gehalts. „Dafür habe ich aber auch nicht das Gefühl, dass ich arbeite.“ Die Lebensqualität stimme. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter und deren Vater will sie diesen Winter wieder zwei Monate auf Segeltour gehen.
Kunstgalerie statt Kinderklopapier
Wolfram Schnelle führte die Leidenschaft für Kunst zum Richtungswechsel. Als BWL-Student entdeckte er seine Liebe zu Bildern. „Ich verbrachte Stunden in den Museen, danach hatte ich mehr Energie als vorher.“ Seine Praktika machte er im Auktionshaus Sotheby’s und in der Galerie Mummery in London, startete dann aber eine klassische Managerkarriere im Konsumgüterkonzern Procter & Gamble, kümmerte sich um die Markenpflege von Pampers und Kinderklopapier. „Das professionelle Umfeld gefiel mir, die Verantwortung.“ So gehörte zu seinen Aufgaben, aus den Verkaufsdaten von Windeln Werbemaßnahmen abzuleiten und zu budgetieren. „Dafür, dass ich zwölf Stunden am Tag arbeitete, füllte mich das aber nicht genug aus.“
Deshalb profitiert inzwischen die Galerie, die er als Praktikant kennengelernt hatte, von Schnelles Marketing-Knowhow. 2007 tat er sich mit dem Galeristen zusammen, Mummery+Schnelle heißt das Unternehmen nun. Gemeinsam trommelten sie Geld von privaten Investoren zusammen, um vom szenigen Osten in den etablierteren Westen Londons umziehen zu können. Das erste Jahr war extrem erfolgreich, dann kam die Finanzkrise. „Ich habe die Realität eines Selbständigen kennengelernt“, sagt der Einunddreißigjährige dazu. „Trotzdem bereue ich meinen Schritt keine Sekunde. Das Leben hier ist wunderbar.“
Finanziell bedeutet der Neustart oft einen Rückschritt
Keine Frage: Wer neu anfängt, braucht Mut, um sicheres Terrain aufzugeben. Gerade in Deutschland ist es schwierig, eine Aufgabe zu übernehmen, ohne „per Urkunde und Berufserfahrung Kenntnisse darin nachweisen zu können“, sagt der Heidelberger Berufsberater Frank Daalmann. „Auch viele Tarifstrukturen basieren auf Berufsjahren, so dass ein Neustart finanziell oft einen Rückschritt bedeutet.“ Nicht umsonst machen sich viele Berufswechsler selbständig, nicht umsonst bilden Familienväter mit Eigenheimhypothek unter ihnen eher die Ausnahme. „Ein gewisser Leidensdruck sollte da sein, bevor man alles über den Haufen wirft“, sagt Daalmann. Der nächste Schritt in seiner Beratung sei es, sich über die eigenen Stärken und Lebensziele klarzuwerden, über den Wert von Sicherheit und Freiheit, Geld und Erfüllung.
Eine solche Potentialanalyse hätte Andreas Mildner sich in jungen Jahren gewünscht. Der begeisterte Kampfsportler war gezwungen, seinen Traumberuf aufzugeben: Seine Augen erwiesen sich nach drei Jahren Ausbildung als zu schwach für einen Scharfschützen bei der Polizei. „Einer der harten Jungs, die bei Hitze und Eiseskälte stundenlang auf Dächern liegen und keinen Schmerz kennen“, beschreibt Mildner das Berufsbild, das ihm verwehrt blieb. Stattdessen führte er ein rastloses Leben als Bodyguard, machte seinem Vater zuliebe eine Buchbinderausbildung, schaffte dann den Einstieg in den Vertrieb für Sportpräparate – und hatte plötzlich seine Domäne gefunden.
Auch hier kam es darauf an, diszipliniert zu sein, hartnäckig, zielorientiert. Er übernahm Führungsaufgaben, bildete sich weiter in Selbstpräsentation, Psychologie und Rhetorik, verschaffte sich als Personalberater den Zugang zum Top-Management. Heute, mit 39 Jahren, ist er als provokanter, fordernder Vertriebs- und Rhetoriktrainer, als Redenschreiber und Verhandlungsführer erfolgreich. Immer noch ein harter Junge also, der mit seiner selbst erarbeiteten Mischung aus Reisen und ganzen Tagen im Allgäu bei der Familie glücklich ist. „Aber leicht war es nicht“, sagt er. „Man muss ein dickes Fell haben, um sich ohne die übliche Ausbildung Zugang zu guten Positionen zu verschaffen.“
„Wer gleichzeitig Branche und Beruf wechselt, ist unerfahrener als alle anderen“
Außerdem ist oft sehr viel Fleiß nötig, um Talente und Fähigkeiten aus dem einen in den anderen Beruf zu übertragen. Petra Denner zum Beispiel war als Gefahrgutbeauftragte für die Lagerung und den Transport von radioaktiven Stoffen und Säuren verantwortlich, übernahm Verantwortung für die Gesundheit der Mitarbeiter und Fahrer und schulte sie. Ihr Umgang mit Menschen machte sie zur Seele des Unternehmens. Heute verdient sie mit Massagen, Mentaltrainings und Seminaren ihren Lebensunterhalt. Jahrelang hat sie sich dafür nach Feierabend, später halbtags, in Psychologie und verschiedenen Heilmethoden fortgebildet und eine Ausbildung für körperorientierte Gesprächsarbeit abgeschlossen. „Menschen zu behandeln, ist meine Berufung“, sagt sie schlicht. „Und was man richtig gern und mit Liebe macht, das macht man auch gut.“
So viel Klarheit und Eigeninitiative bringt längst nicht jeder Veränderungswillige mit. „Es gibt den Typ, der unzufrieden ist, weg will – aber nicht weiß, wohin“, erklärt der Kölner Diplom-Psychologe und Coach Josef Albers. „Mit diesen Klienten mache ich eine Standortbestimmung, frage, was genau sich ändern soll und wie die Rahmenbedingungen aussehen.“ Danach zeige sich meist, an welcher Stellschraube für Lebenszufriedenheit wirklich gedreht werden könne – ob im Privatleben, bei der Wahl des Arbeitgebers oder tatsächlich am Beruf. „Manchmal reicht es, den Arbeitgeber zu wechseln.“ Der andere Typ Klient komme schon mit leuchtendem Ziel vor Augen. „Ihn ermuntere ich, vernünftig zu planen: Habe ich die Energie, die Zeit und das Geld für einen Neuanfang? Und wie steht meine Familie dazu?“ Für das Umfeld ist ein Wechsel meist unbequem. Daher rät Albers, sich Hilfe und Unterstützung bei möglichst unabhängigen Personen zu holen und in kleinen Schritten vorzugehen. „Wer gleichzeitig Branche und Beruf wechselt, ist unerfahrener als alle anderen. Das kann zur Bauchlandung führen.“
Die wollte Angelika Glitz vermeiden. Mit 31 Jahren nahm sie sich drei Monate Auszeit, um ihren Traum, Kinderbücher zu schreiben, auf seine Praxistauglichkeit zu testen. „Mein Ziel war ein fertiges Buch und eine positive Resonanz.“ Immerhin hatte sie nach BWL-Studium und einem Trainee-Programm in der Werbeagentur Ogilvy einen guten Job als Texterin. „Da fühlte ich mich wohl, war aber immer noch nicht richtig angekommen.“ Also fuhr sie nach Bologna zur internationalen Kinderbuchmesse, sprach mit Verlegern, Illustratoren, Fernsehproduzenten. Plötzlich war alles ganz einfach, berichtet sie. „Ich wusste, das war meine Welt. Und wenn man am richtigen Platz ist, geht die Hecke auf.“ Sie veröffentlichte zwei Bücher und schrieb kleine Drehbücher für Kindersendungen im ZDF. Auch als sie Kinder bekam, passte der neue Beruf perfekt. „Ist man einmal im Geschäft, kommen die Aufträge.“ Mittlerweile, sie ist inzwischen 44 Jahre alt, hat sie fast 30 Kinder- und Jugendbücher geschrieben. „Das ist für mich oft wie Urlaub“, sagt sie. „Aus Wörtern Geschichten werden zu lassen macht mich glücklich.“