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Berufsstart Muss ich da jetzt jeden Tag hin?

 ·  Endlich ein Vertrag, endlich in den Beruf starten. Das heißt aber auch: acht Stunden am Tag arbeiten und kurze Ferien. Der Berufsbeginn ist eine Umstellung.

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Die Universität bescherte Freiheit. Ein Montagmorgen ohne Minnesang und Neidhart-Lieder war immer drin, gelegentlich schwänzte ich das Seminar. Für eine Krankmeldung interessierte sich eh keiner. Das war im Zeitungsvolontariat schlagartig anders: Schluss mit Schwänzen, der vielzitierte Ernst des Lebens hatte begonnen. Plötzlich strangulierte eine überschaubare Zahl Urlaubstage das Jahr. Als junge Volontärin reagierte ich darauf unsouverän, aber irgendwie auch menschlich: Ich hortete Urlaubstage bis zum Jahresende und schob das gute Gefühl vor mir her, beim (nie eintreffenden) Redaktionskoller einfach einen Monat abdüsen zu können. Was mir prompt Zwangsurlaub im nebelgrauen November bescherte. Jedenfalls war der Start in den Traumberuf toll, aber auch ambivalent: Statt Zeilenhonorar lockte ein Gehaltszettel, aber der Tag war fortan fest verplant, Sonntagsdienste vereitelten spontane Verabredungen.

„Der Eintritt in den Beruf beschert einen großen Schub, erwachsen zu werden“, sagt die Potsdamer Wirtschaftspsychologin Corina Hausmann. „Jetzt gelten Rahmenbedingungen wie bei Erwachsenen bis hin zur Tatsache, selbst Miete zu zahlen.“ Seien in der Schule noch „viele Spielräume möglich, geht das im Beruf nur bedingt“, sagt der Hamburger Psychologe Andreas Hermanns.

Mangel an Disziplin

Der Sprung in die Arbeitswelt überfordert manchen. Vom Klassenraum in die Werkstatt zu wechseln, das fällt selbst motivierten Azubis schwer. „Manche Ausbilder beklagen einen Mangel an Disziplin“, beobachtet Brigitte Scheuerle von der Frankfurter Industrie- und Handelskammer. „Azubis kommen mal zu spät und haben größere Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten. Was man früher vom guten Elternhaus mitbekommen hat, das schwindet.“ Die Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung verteilt aber auch Lob: „Wir hören ebenso, die jungen Leute seien lösungsorientierter. Macht ihnen eine Sache Spaß, beißen die sich richtig rein.“

Durch den Wegfall der Wehrpflicht sind junge Männer heute anders sozialisiert. „Bei der Bundeswehr oder im Zivildienst hatten sie schon Übung darin, wie es ist, zu arbeiten, sich dennoch nach der langen Partynacht auf den Arbeitsweg zu begeben“, sagt Coach Hermanns. Durch die straffen Zeitpläne des Bachelor-Studiums fällt es vielen Studenten offenbar nicht mehr so schwer, Selbstdisziplin und Eigenverantwortung im Beruf umzusetzen. „Sie sind im Studium zackiger organisiert, können ihre Zeit nicht frei einteilen, weil sie ein so großes Pensum haben“, fasst Corina Hausdorf zusammen.

Treiber und Getriebene

Hermanns skizziert zwei Gruppen unter den Einsteigern: junge Leute, die sich als Teil der Leistungsgesellschaft empfinden und sich hoch angepasst ihrer Karriereplanung widmen. „Sie haben ein hohes Leistungsmotiv, eine große Erwartungshaltung, kennen keine Berufsrealität und haben Bilder im Kopf, was zum Beispiel ein Manager macht.“ Das sei mit attraktiven Dingen bis hin zum Dienstwagen XXL verbunden, da werde gerne vom sogenannten „Surrounding“ gesprochen. Die andere Gruppe sehe die Schule nur als Vorstufe, lasse das Leben auf sich zukommen, gehe nach Versuch und Irrtum vor. „Sie gucken mal, was Spaß macht.“ Ihren fragmentarischen Lebenslauf verkauften sie einem Personalchef selbstbewusst.

Was alle eint: „In der Regel findet keine professionelle Begleitung der Berufseinsteiger statt. In vielen Fällen ist die Abteilung ,Kaltes Wasser‘ immer noch besetzt. Da findet durch den existentiellen Druck einer Leistungsgesellschaft eine Zwangssozialisation statt“, kritisiert Hermanns. Eine ungute Situation, denn Anfänger kennen keine Routinen. „Sie googeln sich bei unklaren Arbeitsaufträgen blöd.“ Manchmal sei die Selbsthilfe erfolgreich, baue aber eine falsche Erwartungshaltung bei Vorgesetzten auf, die überzeugt seien, die Neuen könnten das. „Die Einsteiger haben wiederum keinen Erfahrungszuwachs und scheitern eher zeitverzögert.“ Das ließe sich vermeiden. „Personalbegleitung ist eine lohnende Investition fürs Unternehmen“, findet Hermanns und lobt Programme wie „Scout“, bei dem Mentoren die Einsteiger begleiten, oder auch vertrauliche Führungszirkel, bei denen der Nachwuchs auf Alphatiere des Unternehmens trifft. „Von dem Erfahrungsaustausch profitieren alle.“

Stramme Hierarchien

Von solchen Konditionen können viele Einsteiger nur träumen. Sie finden sich in strammen Hierarchien wieder, unsympathischen Professoren konnten sie noch ausweichen, Vorgesetzten nicht. „Viele haben durch ihre Praktika schon Erfahrungen gemacht, wie es ist, ganz unten in der Kette zu stehen“, sagt Hausdorf und meint das keineswegs zynisch. Klug ist es natürlich, sich vor einer Bewerbung Gedanken zu machen, welche Führungskultur zu einem passt: ein Konzern mit zementierten Regeln, kleinem Spielraum und großer Sicherheit? Oder ein junges Unternehmen mit flachen Strukturen, aber unklaren Karrierepfaden?

Und da ist die Sache mit den Kollegen, im Studium finden sich viele Arbeitsgruppen freiwillig zusammen. Jetzt nerven Kollegen, baut sich Antipathie auf. Was tun? „Reflektieren, rauskriegen, warum man bestimmte Sachen am anderen so furchtbar findet, das hat mit einem selbst zu tun“, rät Hausmann. „Schauen Sie sich das aus verschiedenen Perspektiven an, dann verliert es die Schwere.“ Gespräche im Freundeskreis helfen weiter. Es muss nicht immer gleich ein Coaching herhalten, um zu reflektieren, was einem im Arbeitsleben übel aufstoßen kann.

Häufige Umzüge als Hindernis

Und welchem Typ fällt der Berufsstart leicht? „Jenen, die gelernt haben, Ambivalenzen auszuhalten und in uneindeutigen Situationen trotzdem kompetent zu reagieren“, erklärt Hermanns. „Entscheidend ist die Persönlichkeitsstruktur. Was Wechsel allgemein erleichtert, ist Flexibilität, Offenheit für Neues“, ergänzt Hausdorf. Viel habe mit Vorerfahrungen aus der Kindheit zu tun. Kinder, die oft umziehen mussten, empfinden es meist schwerer, wieder Fuß zu fassen, sich auf eine neue Situation einzustellen. Leichter tun sich diejenigen, die Wurzeln schlagen konnten.

Welcher Beruf passt zu mir - das ist und bleibt die Gretchenfrage. Den Satz „Mach doch was Vernünftiges“ habe sie von ihren Eltern gehört, sagt Corina Hausdorf. Gemeint seien damit in der Regel etablierte Fächer wie Jura oder Wirtschaftswissenschaften. Ob aber ein musisch interessierter, mathematisch desinteressierter Abiturient wirklich bis zur Rente gut durchs Leben kommt, wenn er sich durchs Wirtschaftsstudium zwingt, ist anzuzweifeln. Vor allem, wenn das Erfolgsgefühl ausbleibt. „Schwierig wird es, wenn Studenten merken, das passt eigentlich nicht zu mir, da gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was sie für Fähigkeiten haben, und dem, was dann von ihnen verlangt wird“, sagt Hausmann. „Nichts ist frustrierender, als früh zu scheitern, nichts ist motivierender, als am Anfang Erfolge zu haben“, sagt Andreas Hermanns. „Schon kleine Schritte sind geballte Motivation. Das wird unterschätzt.“

Praktika als Realitätscheck

Eine Strategie, um Fehlentscheidungen zu vermeiden ist nicht originell, aber effektiv: Praktika machen, realistische Einblicke in den Berufsalltag gewinnen. Ein soziales Jahr nach dem Abi oder ein Auslandsjahr während des Studiums bringe oft Klarheit darüber, womit jemand tatsächlich die nächsten Jahrzehnte verbringen möchte, erklärt Hausdorf, die als Dozentin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft viel Kontakt zu Studenten hat. Sie sieht Praktika als Realitätscheck. Zum Beispiel für die Filmverliebten, die es mit einer romantischen Idee zum Serien-Set zieht. „Dabei arbeitet man von 8 bis 22 Uhr, hat kaum Zeit für Freunde.“ Oder die naive, von zusammengeschnittenen Castingshows inspirierte Vorstellung von PR-Arbeit. So mancher denkt an Promikontakte und rote Teppiche, nicht aber an Konzeptentwicklung, Telefon-Akquise und nervige Abstimmungsgespräche mit Kunden. Glamourfaktor gleich null, Fehlstart programmiert.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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