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Berufe mit Risiko Latent lebensgefährlich

29.07.2010 ·  In einigen Berufen riskieren die Mitarbeiter immer wieder Leib und Leben. Was treibt sie an, nach Afghanistan, ins Weltall oder mit dem Trapez durch die Manege zu fliegen?

Von Nadine Bös
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Wenn wir mit unserem Panzer auf einen Sprengsatz fahren - was nicht unwahrscheinlich ist -, fliege ich aus dem Geschützturm wie ein Sektkorken aus der Flasche." Ganz sachlich, fast beiläufig lässt James Gladden diesen Satz einfließen in die Beschreibung seines Berufsalltags. Der Deutsch-Amerikaner absolviert gerade seinen zweiten Einsatz als Richtschütze für die Armee der Vereinigten Staaten in Afghanistan. "Selbstverständlich habe ich Angst", sagt er. "Selbstverständlich möchte ich lebendig und unversehrt nach Hause zurückkehren. Aber die Angst ist nicht so groß, dass ich die Arbeit nicht leisten kann." Warum? Eine klare Antwort fällt Gladden schwer. Mitwirken wolle er an dem Ziel, das Taliban-Regime in Afghanistan zu entmachten, helfen wolle er, dass von dort keine Anschläge gegen den Westen mehr ausgehen. Einen Beitrag leisten. "Und wenn meine Zeit abgelaufen ist, dann ist sie abgelaufen."

Nicht nur Soldaten, auch Feuerwehrleute, Polizisten, Kriegsreporter, Gerüstbauer und Vertreter vieler anderer Berufsgruppen setzen Tag für Tag während der Arbeit ihr Leben aufs Spiel. In der gewerblichen Wirtschaft gab es in Deutschland im Jahr 2008 die meisten tödlichen Arbeitsunfälle im Bereich Verkehr. Vor allem Berufskraftfahrer lebten überdurchschnittlich riskant, berichtet Stefan Boltz von der Gesetzlichen Unfallversicherung. Besonders risikoreich ist seiner Statistik zufolge auch die Baubranche. Vor allem beim Absturz von Arbeitern aus großer Höhe ereigneten sich überdurchschnittlich oft tödliche Arbeitsunfälle. Eine verlässliche Gesamtstatistik, welche Berufe die gefährlichsten sind und welche vielleicht nur spektakulär erscheinen, gibt es allerdings nicht.

Angstlust als Antreiber

Noch schwieriger zu beantworten ist die Frage, was Menschen dazu antreibt, sich für einen lebensgefährlichen Beruf zu entscheiden. "Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht", sagt der Psychologe und Bewerbungsfachmann Jürgen Hesse. "Allerdings kennen wir in der Psychologie ein Phänomen namens Angstlust. Das ist die Suche nach dem Kick, nach dem Detail, für das wir bewundert werden. Börsenhändler kennen das auch, wenn sie mit großen Summen jonglieren. In lebensgefährlichen Berufen geht das Ganze eben noch einen Schritt weiter."

Diese Lust am Austesten von Risiken kennt auch Samantha Cristoforetti. "Ich war schon immer ein Mensch, der gern an seine Grenzen geht", sagt die 33 Jahre alte gebürtige Italienerin, die sich derzeit bei der ESA in Köln zur Astronautin ausbilden lässt. "Das ist ein bisschen wie beim Spitzensport", sagt sie. "Man trainiert und trainiert, man will immer besser werden, das Beste aus sich herausholen - und irgendwann eine Medaille gewinnen." Den einzigen Unterschied zwischen einer Olympia-Teilnahme und einer Fahrt ins All sieht sie in der Vielseitigkeit des Astronauten-Berufs. "Hier braucht es nicht nur außergewöhnliche körperliche Fähigkeiten, sondern auch außergewöhnliche Denkleistungen."

„Normalerweise werden die Entführten erschossen“

Der Psychologe Jürgen Hesse vertritt die Ansicht, dass viele Menschen im Grunde ihres Herzens Grenzgänger sind und die Herausforderungen im Privatleben suchen, die sie im Job nicht finden. "Ich behaupte, es gibt etliche Sparkassenangestellte, die in ihrer Freizeit Extrembergsteiger sind oder Fallschirmspringer", sagt er. Daneben gebe es natürlich auch die Altruisten, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um das Leben anderer zu retten. "Doch auch hier gilt, dass der Altruist oft gleichzeitig gesellschaftlich hoch anerkannt ist - und sein Job sehr angesehen", sagt Hesse.

Gunther Schramm ist so einer, im Freundeskreis bewundert, Dauergast in der Lokalzeitung, in der Schule seiner Kinder als Vorbild genannt: Der 52 Jahre alte Angestellte der Welthungerhilfe arbeitet im Krisen-Interventionsteam der Organisation. Er ist ins Erdbebengebiet nach Haiti gereist, zu den Tsunami-Opfern nach Asien und zu den Irak-Kriegsflüchtlingen nach Jordanien. Er war in mehr als 25 Ländern, in Bürgerkriegsgebieten, in Gegenden voller Armut, Plünderungen, voller Malariamücken und Cholerabakterien. Schon dreimal ist er an sogenannten "Gunpoints" entführt worden - weil man Geld von ihm wollte oder sein Auto klauen. "Normalerweise werden die Entführten hinterher immer erschossen", erzählt Schramm. "Aber ich hatte unwahrscheinliches Glück, weil ich es immer wieder geschafft habe, diesen Leuten zu erklären, dass ich doch einer von den Guten bin, dass ich da bin um zu helfen, um diese Armut zu lindern."

Wer Risiken eingeht, hofft zu siegen

Warum setzt sich ein Vater von drei Kindern ständig diesen Gefahren aus? "Ich halte den Dienst am Menschen für so eine Art Verpflichtung", sagt er. "Zum einen, weil ich religiös bin, zum anderen, weil ich glaube, dass ich den Job sehr gut kann." Als Tropentierarzt hatte Schramm in seinen frühen Karrierejahren unter kenianischen Nomaden gelebt und im Südsudan. "Da kommt einiges an Erfahrung zusammen. Ich kann mich durchschlagen. Natürlich ist der Beruf riskant, aber für erfahrene Leute ist er weniger riskant als für andere." Irgendwer müsse ja den Menschen helfen, die immer nur Opfer seien, die nichts dafür könnten, dass Krieg herrsche oder Überfälle an der Tagesordnung sind.

Altruismus, Abenteuerlust, Patriotismus oder die Sehnsucht nach Anerkennung - über solche Motive, gefährliche Berufe zu ergreifen, wird häufig gesprochen. "Beruf heißt aber letztlich immer auch Broterwerb", gibt Jürgen Hesse zu bedenken. "Man darf nicht vergessen, dass Geld auch eine Motivation sein kann. Soldat geht eben auch ohne Berufsausbildung und als Gerüstbauer gibt's Gefahrenzulage." Meist entstehe Motivation aus einem Mix verschiedener Elemente. Im Gehirn sei "eine ganze Menge Biochemie" am Werk, wenn Menschen ständig an ihre Grenzen gingen. "Wer Risiken eingeht hofft, am Ende zu siegen. Und wer viel riskiert, will viel Beifall."

„Wenn die Leute klatschen, hat es sich gelohnt“

Für Nicolai Kuntz gilt dieser Spruch im wörtlichen Sinn. Der 17 Jahre alte Schwingtrapezkünstler ist einer der aufstrebenden jungen Deutschen in der Artistenszene. In bis zu zehn Metern Höhe wirbelt er an seinem Trapez durch die Luft, in wilden Drehsprüngen, kopfüber, zum Teil lediglich mit den Fußspitzen eingehakt. Zwar hält ihn ein Sicherungsseil, aber auch das ist kein hundertprozentiger Schutz. "Da muss nur mal ein Karabiner nicht richtig drin sein und schon ist es passiert", sagt Kuntz.

Er kennt die schlimmen Geschichten aus seiner Branche. Erst jüngst legte einer seiner Kollegen aus einer Zirkus-Motorrad-Truppe eine halbe Drehung zu viel hin und wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Er überlebte, querschnittsgelähmt. Trotz der Risiken ist das Zirkusleben für den jungen Künstler alles. Obwohl sein letzter Arbeitgeber, der Zirkus Flic Flac vor kurzem die Pforten geschlossen hat, will Kuntz weitermachen. Er will raus in die Manegen dieser Welt, wenigstens ein paar Jahre noch. Seine Motive hat er selten hinterfragt. "In dem Moment, wenn die Nummer zu Ende ist, wenn das Licht angeht, wenn die Leute klatschen, weiß man, dass es sich lohnt."

Tränen am Flughafen - das ist schwer

"Wenn man erst mal den Start überlebt hat, ist das Risiko geringer." So lautet der Standardspruch von Astronautin Samantha Cristoforetti für besorgte Freunde und Eltern. Und wenn doch etwas passiert? "Dann habe ich immerhin meinen Traum gelebt." Der Soldat James Gladden sieht die Sache noch etwas nüchterner: "Wir haben doch alle Wichtiges, das zu Hause auf uns wartet. Und egal, wer oder was es ist: Während wir hier sind, darf nichts wichtiger sein als die Arbeit, die wir hier leisten." Einzig Entwicklungshelfer Gunther Schramm denkt bisweilen auch ans Aufhören. "Als Familienvater hat man ständig den Konflikt: Verantwortung im Job, Verantwortung zu Hause. Wenn ein Achtjähriger heulend am Flughafen steht und fragt, ob der Papa auch bestimmt wiederkommt, ist das schon schwer." Einen Einsatz in Afghanistan hat Schramm deshalb vor kurzem abgelehnt. Nach Haiti dagegen will er demnächst wieder aufbrechen. "Es ist immer eine Gratwanderung."

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