25.04.2007 · Nach wie vor kehren hierzulande viele Frauen dem Arbeitsmarkt den Rücken, sobald sie ein Kind bekommen. Doch die deutsche Familienpolitik befindet sich laut Bertelsmann-Stiftung im Umbruch.
Deutschland liegt im internationalen Vergleich noch immer hinten, was die Geburtenrate und die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt angeht. Allerdings befindet sich Deutschland in einer Übergangsphase hin zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung.
Nach wie vor kehren hierzulande viele Frauen dem Arbeitsmarkt den Rücken, sobald sie ein Kind bekommen: Während rund 61 Prozent der kinderlosen Frauen arbeiten, sind es nur etwa 44 Prozent der Mütter. In anderen Ländern ist dieser Unterschied weniger stark ausgeprägt. "Die eingeschränkte Verfügbarkeit von Betreuungseinrichtungen sowie Anreizprobleme im Steuer- und Transfersystem schlagen sich in diesen Mustern nieder", schreiben die Autoren der Studie. Sie schreiben aber auch, dass der gesellschaftliche Wandel zu einer langfristigen Erosion des Alleinverdienermodells führen wird. So lag die Frauenerwerbsquote im Jahr 2005 rund 3,6 Prozent höher als fünf Jahre zuvor.
Haushaltseinkommen besser sichern
Die Wissenschaftler argumentieren, in Zeiten dynamischer Arbeitsmärkte und weitverbreiteter prekärer Beschäftigungsverhältnisse sei das Einkommen des "ersten Ernährers" weniger gut gesichert. Deshalb solle der Erwerbszugang des zweiten Elternteils - meistens der Frau - erleichtert werden. So könnten Familien ihr Haushaltseinkommen besser sichern, und das würde ihnen die Entscheidung für Kinder erleichtern.
Für die deutsche Familienpolitik sei eine großzügige Förderung im Steuer- und Transferrecht charakteristisch, gleichzeitig aber auch die hohe steuerliche Grenzbelastung des Zweitverdieners. Dadurch verfestige sich das Modell der Einverdiener- oder Hinzuverdienerfamilie. Die Autoren um den Ökonomen Eric Thode loben Elemente der jüngsten Familienpolitik wie den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur, das Elterngeld und die bessere steuerliche Absetzbarkeit von haushaltsnahen Dienstleistungen. Sie kritisieren dagegen die widersprüchlichen Anreize im System, beispielsweise die Sprünge in der durchschnittlichen Steuerbelastung, wenn der Zweitverdiener mehr als nur geringfügig beschäftigt ist. Dies halte vor allem Mütter "in der Inaktivität oder im Mini-Job gefangen". Auch im Transfersystem gebe es für große Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften starke Anreize, nicht zu arbeiten.
Die Autoren empfehlen für die weitere Familienpolitik Zurückhaltung beim Ausbau von Geldleistungen. Stattdessen sollten Dienstleistungen - vor allem in der Kinderbetreuung - ausgeweitet werden. Sie sprechen sich dafür aus, bei einer Einkommensteuerreform von der gemeinsamen Veranlagung von Paaren zu einer Individualbesteuerung überzugehen, um die Berufstätigkeit für Frauen attraktiver zu machen. Wichtig sei zudem, einen Markt für private Dienstleistungen auch jenseits der Kinderbetreuung zu entwickeln.