19.07.2008 · Ob Astrologe, Hausfrau oder Heilpraktiker: Berufsberater darf sich jeder nennen. Wer an den Falschen gerät, muss das oft teuer bezahlen.
Von Isa HoffingerWer nicht weiß, was er werden soll, kann sich heute überall beraten lassen. In den Handelskammern, den Arbeitsagenturen – und manchmal sogar 20.000 Meilen unter dem Meer. „Joblab“, ein virtuelles Berufsberatungszentrum, erinnert stark an Jules Vernes’ gleichnamigen Science-Fiction-Roman. Die CD-Rom entführt die Benutzer in eine bunte Unterwasserwelt mit Korallen und Fischen. Auf dem Meeresgrund steht ein „Multimedialabor zur Berufsfindung“, überdacht von einer Glaskuppel. Ein Klick darauf genügt, schon startet ein Interessentest. Danach sucht das Programm Berufe aus, die zu den Testergebnissen passen. Rund 150 Berufsbilder sind auf der CD-Rom gespeichert.
Wie so viele andere Programme auf dem Markt ist das Unterwasserlabor jedoch in erster Linie für Schüler konzipiert. Wer sich nach dem Studium für einen Berufsweg entscheiden muss oder gar als Berufstätiger den Job wechseln will, hat große Schwierigkeiten, gute Eignungstests oder eine fundierte individuelle Beratung zu finden. Seit die Arbeitsagenturen vor etwa zehn Jahren ihr Monopol verloren haben, tummeln sich hierzulande zwar unzählige Berufsberater. Aber erstens sind die meisten von ihnen ziemlich teuer, und zweitens ist nicht jeder kompetent. Obwohl der Deutsche Verband für Bildungs- und Berufsberatung (DVB) schon seit Jahren darauf drängt, existieren noch keine einheitlichen Qualitätsstandards für Berufsberater. Nennen darf sich jeder so.
Gesangspädagogen, Astrologen...
Die 30 Jahre alte Petra Schmidt, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, geriet zum Beispiel an eine Gesangspädagogin, als sie während ihres Studiums der Betriebswirtschaftslehre ein Seminar mit dem Titel „What to do with the rest of your life?“ in einem Münchner Coaching-Unternehmen buchte. „Ich wollte gern promovieren, war mir aber damals nicht sicher, ob das auch wirklich die richtige Entscheidung ist“, sagt sie. Weitergeholfen hat ihr das Seminar der Musiklehrerin nicht. „Sie hat mir geraten, ich solle eine Karateschule aufmachen, weil das damals zufällig mein Hobby war“, sagt Schmidt, die heute einen Doktortitel trägt und als Unternehmensberaterin arbeitet.
Hilfe in der Berufswahl bieten auch Astrologen an. Die Honorare für ein „Berufshoroskop“ inklusive Beratungsgespräch liegen im Schnitt zwischen 150 und 1000 Euro. Die Schweizer Psychologin und Astrologin Ursula Degen ist davon überzeugt, dass die Tierkreiszeichen Aufschluss über berufliche Fähigkeiten geben können. Skorpione, sagt Degen, würden sich zum Geheimnisvollen und Verborgenen hingezogen fühlen und seien deshalb prädestiniert für Berufe in der Tiefenpsychologie, der Chirurgie, der Kriminalistik oder im Bestattungswesen. Stiere dagegen hätten etwas Erdverbundenes. Das erkläre sich schon aus der Jahreszeit im Geburtsmonat Mai. „Hier geht es in der Natur darum, tiefe Wurzeln zu schlagen“, sagt Degen.
Auch viele Heilpraktiker haben die Berufsberatung als Geschäftszweig entdeckt. Manche empfehlen ihren Kunden zum Beispiel die Bachblüten „Wild Oat“ aus Hafergras. Menschen, die zwar „viele Interessen und Begabungen, aber nur eine unklare Vorstellung von ihrem Ziel im Leben“ haben, sollen – so steht es auf den Internetseiten von www.bachbluetenberater.com – durch „Wild Oat“ ihre Berufung finden.
Eine ganz andere Theorie
Die Soziologin und ehemalige Lehrerin Kristin Henn aus dem bayerischen Tutzing hat in Sachen Berufsfindung eine ganz andere Theorie. Wer sich von ihr auf den rechten Pfad führen lassen möchte, muss Fotos von seiner Wohnung, von Eltern, Freunden oder Geschwistern mitbringen. Auf Wunsch interpretiert die Berufsberaterin auch Tagebucheinträge. Fotos und private Dokumente seien hilfreich, weil die Selbsteinschätzung vieler Menschen mit der Realität oft nicht übereinstimme. „Wenn jemand zum Beispiel Designer werden will, aber in seiner Wohnung überhaupt nichts darauf hinweist, dass er auch ein Händchen für diesen Beruf hat, würde ich ihm abraten“, sagt Henn.
So seltsam diese Methode klingen mag: Tagebücher, das sagt auch Barbara Knickrehm vom Deutschen Verband für Bildungs- und Berufsberatung (DVB), seien gut geeignet, um gerade jungen Menschen auf die Sprünge zu helfen. Als Beraterin der Arbeitsagentur Herford lässt sie Schüler, die nicht wissen, wofür sie sich beruflich begeistern könnten, ein Interessentagebuch führen. Eingetragen wird alles, was die Schüler nach der Schule unternehmen und worüber sie sich in der Freizeit besonders gefreut haben, vom Fußballspiel über den spannenden Kinofilm bis zum Partybesuch.
Um sich ein stimmiges Gesamtbild von einem Menschen zu verschaffen, müssten dann aber auch andere Persönlichkeitsmerkmale berücksichtigt werden. „Wer ein großes materielles Sicherheitsbedürfnis hat, aber gern kreativ arbeiten möchte, muss abwägen, was ihm wichtiger ist: die Selbstbestimmung in einem finanziell unsicheren kreativen Beruf oder doch eher das Bedürfnis nach langfristiger Absicherung“, sagt Knickrehm. Was für den Einzelnen die beste Entscheidung sei, das ließe sich nur im Gespräch klären.
Online-Tests lassen Ratsuchende alleine
Berufseignungs- oder Interessentests aus dem Internet lassen die Ratsuchenden dagegen alleine. Wer sich etwa beim Geva Institut den „Neue Chancen Test“ kauft und alle Fragen beantwortet, der bekommt sein „persönliches Testergebnis“ nach ein paar Tagen per E-Mail zugeschickt. Anhand von Schaubildern und Prozentzahlen veranschaulicht die Auswertung, wie zufrieden jemand in seinem momentanen Beruf ist. Der Ratsuchende erfährt auch, ob er handwerklich geschickt ist oder eher mit dem Kopf arbeiten sollte, ob er eher Wert auf einen guten Verdienst legt oder für einen spannenden Job auf eine gute Bezahlung verzichten würde. Das Problem ist nur, dass diese Ergebnisse vorhersehbar sind. Nur wer schon weiß, was ihm liegt und was eher nicht, kann die Fragen im Test überhaupt beantworten.
Wer sich den freien Beratermarkt anschaut, der kommt schnell zu dem Schluss, dass die Arbeitsagenturen vielleicht doch gar nicht so schlecht sind. Natürlich könnte die Beratung dort individueller sein. Dafür ist sie kostenlos, und der überwiegende Teil der Berater kann immerhin ein einschlägiges Studium vorweisen. „Beschäftigungsorientierte Beratung und Fallmanagement“ heißt der Studiengang, der zu einer Laufbahn in der Arbeitsagentur führt. Dass die Berater gut ausgebildet sind, nützt älteren Menschen und Quereinsteigern trotzdem nicht viel. Denn obwohl laut Sozialgesetzbuch jeder Mensch in jeder Lebensphase ein Recht auf eine unentgeltliche Berufsberatung hätte, sind die Arbeitsagenturen hauptsächlich auf Schulabgänger eingestellt. Und die bevorzugen heute virtuelle Berater wie das „Joblab“.
Vorsicht vor mysteriösen Zertifikaten
Der Deutsche Verband für Bildungs- und Berufsberatung (DVB) warnt vor Beratern, die mit autodidaktisch erworbenen Kenntnissen und mysteriösen Ausbildungszertifikaten hausieren gehen. Skeptisch werden sollten Ratsuchende auch, wenn Berater vom „einfachen Weg zum gutbezahlten Traumberuf“ sprechen und selbst mehr als 600 Euro Tageshonorar verlangen. Ein seriöser Berater sollte vorher gemeinsam mit seinem Gegenüber Ziele klären und hinterher die Ergebnisse schriftlich zusammenfassen.
Qualifizierte Berater zeichnen sich dadurch aus, dass sie . . .
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Markus Classen (CoachausMuenster)
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Seriöse Beratung gar nicht erwähnt - Teil 1
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