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Beamten-Recruitment 323 Akademiker für Europa

10.02.2010 ·  Wer für die Europäische Kommission arbeiten will, musste bislang einen jahrelangen Auswahlprozess durchlaufen. In Zukunft sollen Kandidaten spätestens nach neun Monaten feststehen. Im März geht es los.

Von Christoph Giesen
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David Bearfield hat den Vereinten Nationen den Krieg erklärt, genauso wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds und den zahlreichen international operierenden Konzernen. „Wir befinden uns in einem Krieg um die Talente von morgen“, sagt der britische EU-Beamte, er ist Direktor des Europäischen Amts für Personalauswahl (Epso). Seine Behörde ist verantwortlich für die Auswahl von Beamten für alle Institutionen der Europäischen Union.

Bisher hat man sich dabei sehr viel Zeit gelassen. Bis ein neuer EU-Beamter für die Kommission, den Ministerrat oder das Parlament eingestellt werden kann, vergingen oft Jahre. Im Idealfall war der langwierige Ausschreibungs- und Auswahlprozess nach zwei Jahren abgeschlossen, häufig dauerte es allerdings länger. „Gäbe es einen Wettbewerb für langsames Rekrutieren, dann hätten wir leider die Goldmedaille verdient.“ Bearfield beschönigt nichts. „Durch den Rückgang der Geburtenraten in Europa werden wir in den kommenden Jahren noch stärker mit Konzernen und internationalen Organisationen in einen globalen Wettstreit um die talentiertesten Nachwuchskräfte treten.“

Deshalb soll jetzt auch in Brüssel Schluss sein mit der selbstverordneten Langsamkeit. Bearfield beschloss, vom Gegner zu lernen. Bereits wenige Tage nach seiner Berufung zum Epso-Chef im Herbst 2007 setzte er sich ins Flugzeug und reiste kreuz und quer durch die Welt. Er sprach mit Diplomaten im Auswärtigen Amt in Berlin, diskutierte mit Personalchefs der Weltbank in Washington und konferierte mit Recruiting-Spezialisten der Vereinten Nationen in New York. Auch in den Personalabteilungen großer Unternehmen erkundigte er sich, wie sie geeignete Bewerber auswählen und anheuern.

In Brüssel spricht man von einer Systemrevolution

Basierend auf diesen Erfahrungen, haben die Epso-Beamten in den vergangenen zwei Jahren ein neues Rekrutierungsverfahren entwickelt, das den europäischen Beamtenapparat in Zukunft viel schneller mit Nachwuchs versorgen soll. „Mit unserem neuen System haben wir die geeigneten Bewerber nach fünf, spätestens aber neun Monaten gefunden“, sagt Bearfield. In Brüssel spricht man bereits von einer Systemrevolution.

Dabei bleibt das Kernelement der Auswahl, der sogenannte Concours, erhalten. Dieser Ansatz stammt aus Frankreich und wurde von den europäischen Institutionen vor rund 50 Jahren von der staatlichen Elite-Verwaltungsuniversität Ecole Nationale d'Administration (ENA) übernommen. Frankreichs späterer Staatspräsident Charles de Gaulle hatte die ENA wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet, um rasch eine neue Verwaltung aufbauen zu können. Als Auswahlkriterium führte er das Concours-Verfahren ein, einen mehrstufigen Wettbewerb, dem sich alle Bewerber zu stellen haben.

In der Vergangenheit fanden die EU-Auswahlrunden in unregelmäßigen Abständen statt. „Damit ist jetzt Schluss“, sagt Bearfield. Von Mitte März an werden die allgemeinen Auswahlverfahren jedes Jahr in einem bestimmten Zeitraum stattfinden. Im Frühjahr, so die Planung, startet die Bewerbungsrunde für den höheren Dienst, im Sommer können Übersetzer und Dolmetscher ihre Bewerbungsunterlagen einreichen, und zum Ende des Jahres beginnt das Auswahlverfahren für Beamte des mittleren und gehobenen Dienstes. Ermöglicht wird diese Umstellung dadurch, dass die EU-Institutionen von nun an verpflichtet sind, ihren Personalbedarf für die kommenden drei Jahre Epso zu melden.

Fürstliches Einstiegsgehalt

In diesem Jahr sollen rund 1500 neue Beamte rekrutiert werden. Das geht aus einer internen Berechnung der Personalbehörde hervor. Von den 1500 Stellen entfallen knapp 300 Plätze auf den höheren Dienst. Hochschulabsolventen ohne Berufserfahrung steigen mit der Besoldungsstufe AD5 ein. Das Einstiegsgehalt in dieser Kategorie beträgt monatlich knapp 4000 Euro netto. Außerdem erstatten die EU-Institutionen einen Teil der Reisekosten für Fahrten in die Heimat. Wer Kinder hat, dem zahlt die EU außerdem noch eine Kinder- und Erziehungszulage.

Das fürstliche Einstiegsgehalt dürfte dazu führen, dass sich alleine für die knapp 300 AD5-Stellen mehrere zehntausend Bewerber melden werden, schätzt Epso. Bewerben kann sich jeder EU-Bürger, der ein Hochschulstudium erfolgreich absolviert hat; eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Auf der Epso-Homepage muss man ein Bewerberprofil erstellen und rechtzeitig mitteilen, an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt man die erste Prüfung, einen computergestützten Test, absolvieren möchte. In rund 30 Städten in Europa kann der Computertest abgelegt werden. Auch in New York, Peking, Sydney und Genf hat Epso Testzentren einrichteten lassen, um europäischen Studenten, die an einer Universität außerhalb der EU-Grenzen eingeschrieben sind, eine Chance zur Teilnahme zu geben.

Der EU-Kenntnistest fällt weg

In einer gut zweistündigen Prüfung am Bildschirm müssen die Kandidaten Fremdsprachenkenntnisse, Zahlenverständnis und Urteilsvermögen unter Beweis stellen. Deutsche Bewerber können den Test entweder auf Englisch oder Französisch ablegen. Im Gegensatz zu den bisherigen Vorauswahltests verzichtet Epso erstmalig auf den von vielen Bewerbern gefürchteten EU-Kenntnistest. Häufig bereiteten sich Kandidaten bis zu einem halben Jahr lang intensiv darauf vor. Sie büffelten mit Büchern wie dem Klassiker „250 Fragen zu Europa und zur europäischen Politik“ von Jos Depondt, verinnerlichten Vertragstexte und Paragraphen.

Einzig ein paar altgediente Kommissionsbeamte trauern den EU-Wissenstests nach. David Bearfield hält diese Sichtweise für nostalgisch: „Man muss nicht aus dem Kopf wissen, wie viele Stimmen Luxemburg seit Inkrafttreten des Lissabonner Vertrages im Ministerrat hat.“ Es gebe schließlich das Internet, um solche Informationen innerhalb weniger Sekunden abzurufen. „Außerdem zeigen unsere Erfahrungen, dass Kandidaten, die bereits ein Praktikum in Brüssel absolviert haben oder sogar mit einem Zeitvertrag in der Kommission beschäftigt waren, einen eindeutigen Vorteil bei diesem Prüfungsteil hatten“, sagt Bearfield.

Vorbereitungskurse vom Auswärtigen Amt

Kandidaten können sich professionell auf den Test vorbereiten lassen. In Deutschland bietet das Auswärtige Amt Vorbereitungskurse für das Computerauswahlverfahren an. Die besten 1000 Kandidaten der Computervorauswahl werden dann im Spätsommer zur Beurteilung von einem Beamtengremium (Assessment Centre) nach Brüssel eingeladen. Dort proben die Bewerber den Alltag: Sie müssen eine Fallstudie bearbeiten, an Gruppendiskussionen teilnehmen, einen Vortrag halten sowie ein Vorstellungsgespräch meistern. Dabei werden sie von einer Jury erfahrener Beamten beobachtet. Wie bereits der Computertest findet auch die zweite Runde in der gewählten Fremdsprache statt. Wer es als deutscher Bewerber zur Prüfung nach Brüssel geschafft hat, kann an einer vorbereitenden zweitägigen Schulung des Außenministeriums in Berlin teilnehmen. Fachleute simulieren dort mit den Teilnehmern die Prüfungssituation.

Im Anschluss an das „Assessment Centre“ erstellt die Fachjury eine Liste mit den besten 323 Bewerbern, die sogenannte Reserveliste. Von dieser Liste können die Generaldirektionen der Kommission, die Parlamentsverwaltung, der Ministerrat oder der Europäische Gerichtshof in Luxemburg ihre neuen Beamten auswählen. Die Prüfung bestehen mehr Kandidaten, als Arbeitsplätze vorhanden sind. Dies geschieht bewusst, da sich im Laufe der Wartezeit einige erfolgreiche Bewerber dann doch gegen eine Beamtenkarriere entscheiden.

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