Über allen Wipfeln ist Unruh. Penetrant dringt das Motorensummen der viel befahrenen A 8 München-Salzburg über Wiesen und Wald im Berchtesgadener Land. Das aber scheint der einzige Schönheitsfehler der alpenländischen Postkartenidylle zu sein. Schöner kann ein Arbeitsplatz nicht sein, wäre da nicht die Höhe. Denn Alexander Nickel hockt 30 Meter über dem Boden in einer Lärche. Die Krone schwankt, der Mann im Baum lacht und schnippt graue Borkenstücke weg, die sich klackernd in die Tiefe verabschieden. „Ich seil' mich raus“, ruft er und gleitet lässig in Sekunden am Stamm herunter.
Dafür, dass er auf schwindelerregend hohe Bäume klettert und Zapfen pflückt, wird der durch und durch sportliche Forstingenieur bezahlt. Besonders im vergangenen Erntejahr hatte er alle Hände voll mit der Zapfenernte zu tun. „Das war eine Jahrhunderternte, dieses Jahr sind die Bäume ausgepowert“, sagt der FH-Absolvent, während er sich am Fuß der schlanken Lärche den Hang durch Brombeer- und Brennesselgestrüpp zurück auf den Forstweg kämpft.
Die Ernte liefert er im „Amt für Saat- und Pflanzenzucht“ ab, das im malerischen Teisendorf liegt. Das Amt residiert in dem 6000-Einwohner-Ort nahe der österreichischen Grenze in einem um das Jahr 1600 erbauten Forstamt. Hier hat Nickel sein Büro und bringt die Zapfen ins Labor zur DNA-Analyse. Seine Kollegin Barbara Fussi räumt „Eschensamen mit Embryo“ beiseite und skizziert einige Aufgaben des Amtes: „Wir testen hier zum Beispiel Bestände auf ihre genetische Vielfalt und führen Nachkommenschaftsprüfungen durch.“ Im Rahmen eines ausgeklügelten Kontrollsystems werden Herkunftsnachweise von Baumsamen gemacht, die an Baumschulen verkauft werden sollen. Die Ernteunternehmer und Käufer wollen Sicherheit, ob das von ihnen bestellte Buchensaatgut tatsächlich aus der bayrischen Hochlage der Alpen stammt und zu Recht 70 bis 80 Euro je Kilo wert ist oder gar aus dem flachen Alpenvorland und nur 30 bis 40 Euro kosten sollte. Nickel liefert der österreichischen Biologin die Proben der Eichen, Buchen und Nadelbäume.
Forstingenieure gehen in die unterschiedlichsten Berufsfelder
Als Forstingenieur hoch hinaus zu wollen, ist nicht typisch. Die Absolventen, welche die Universität oder die Fachhochschule mit einem dem Diplom, Bachelor- oder Master „Forstingenieur“ verlassen, besetzen sehr unterschiedliche Berufsfelder. Absolventen gehen in die Holz- und Papierindustrie oder die Maschinentechnik. Andere arbeiten bei Versicherungen und sind dort für Schadeneinschätzungen zuständig. Gefragt sind Forstingenieure aber auch in der Entwicklungshilfe. Den Alltag verbringen die meisten Forstingenieure dann in Büros oder Werkhallen, nicht aber in der Natur.
Das aber ist für Alexander Nickel entscheidend, der den Typ Naturbursche verkörpert und den man sich in einer verkehrsumtosten Großstadt nicht wirklich gut vorstellen kann. Wenn irgend möglich, verbringt der passionierte, in Passau aufgewachsene Kletterer seine freie Zeit in den Alpen, genauer an deren Berghängen. Seine Kletterleidenschaft beruflich nutzen zu können, ist für ihn grandios. „Das ist wirklich ein Traumjob und manchmal bezahltes Bergwandern. Man arbeitet eigenständig, ist viel draußen“, strahlt er über das ganze braun gebrannte Gesicht. Die Bewerbung in Teisendorf verlief bilderbuchmäßig glatt. „Dass ich alpines Klettern beherrsche, kam gut an.“ Gut in seinem Lebenslauf machte sich auch, dass er bei der Münchner Baumkletterschule einen Kurs belegt hatte und sich seither European Tree Worker nennen kann. In Gilching zwischen München und Ammersee gibt es diese Schule, die in ganz Deutschland Spezialisten vermittelt, die professionell Bäume erklimmen und vor allem Baumpflege und -beschnitt anbieten, Baumgutachten erstellen oder schwierige Fällungen machen. Die Mitarbeiter sind Forstingenieure oder als Fachagrarwirte für Baumpflege qualifiziert.
Mit der Hebebühne in die Höhe
So gesehen besetzt Alexander Nickel bei der Bayerischen Forstverwaltung ein exotisches Gebiet, da er keine Baumpflege betreibt, sondern dem Labor zuliefert. Bei der Plantagenbeerntung geht es mit einer Hebebühne in die Höhe. Aber er klettert auch zur Zapfen- und Samenernte direkt am Stamm hinauf. Regelmäßig geht es mit einem Kollegen auf die Wipfel, ein versierter Zapfenpflücker schafft zwei Bäume am Tag und erntet insgesamt 25 Kilo. Unterwegs sind Baumkletterer immer zu zweit. Denn geschieht ein Unfall und wird einer bewusstlos, ist rasche Hilfe gefragt. „Der Bergungstod tritt schnell ein, einer muss immer in Rufbereitschaft sein.“ Aus Sicherheitsgründen darf bei Schnee, Regen und starkem Wind nicht geklettert werden. Aufkommende Windböen sind bedrohlich, ein drei Meter schwankender Baum kann hoch gefährlich werden. Zwei Standardfragen muss Alexander Nickel häufig beantworten: Ist er schwindelfrei? Ist er schon einmal abgestürzt? Seine Antwort: „Ja, natürlich. Nein, zum Glück nicht.“ Angst kann man sich allein unterm Wipfel nicht erlauben. Er genießt die Spannung am Hochseil, hat aber mit Leichtsinn so wenig am Hut wie eine Gemse mit Gentechnik. „Ich fühle mich wohl in solchen Höhen. Unter Kletterern gibt es den Begriff Nähmaschine, das heißt, ein Fuß fängt an zu zittern. Das passiert mir nicht.“
Der sympathische 29-jährige Aufsteiger zieht einen Overall an, derbe Schuhe mit Steigeisen und lässt die Karabiner der Sicherheitsgurte einrasten. Anders als Baumpfleger steigt er mit Dynamikseilen, die sich dehnen. In seinem stahlblauen Overall hat Nickel etwas Unwirkliches. „Wie Spiderman“, begeistert sich der Fotograf, der dem Forstingenieur durchs Gestrüpp bis zum Fuß des Stammes gefolgt ist und voller Respekt nach oben blickt. Nickel führt ein 50 Meter langes Doppelseil. Mit einem Gurt um seine Taille und den Stamm sichert er sich, „damit ich nicht nach hinten wegkippen kann“. Das Seil schiebt er nach oben und steigt mit den Beinen weiter. „So bin ich viel schneller, als wenn ich an einem Seil hochklettere. Das machen wir eher bei Laubholz. Denn mit Steigeisen verletzen wir den empfindlichen Stamm, dann kann Fäule entstehen. Nadelholz kann Wachs produzieren, das heilt die durch das Steigeisen entstandenen Wunden wieder aus.“ Behände arbeitet er sich nach oben, immer wieder fällt ein Stück Borke hinab, ein Geräusch, dass wie das Aufreißen eines Klettverschlusse klingt.
Spezialisten statt Mädchen für alles
In Teisendorf wird derweil Brotzeit im Garten des Amts gehalten. Auch Siegfried Krause hat seine Arbeit für eine Weißwurst und einen Kollegenplausch unterbrochen. Er ist Elektroniker, hat bei Siemens gelernt und dann an der Fachhochschule Weihenstephan unter anderem Biometrie, Waldmesslehre und Baumbiologie gepaukt. Forstingenieur Krause ist für die EDV zuständig und die Meteorologie, macht Temperatur- und Regenmessungen, legt Versuchsflächen im Wald an und beobachtet anhand der Wetterdaten, was dort passiert ist. Ausgebildet ist er für den Wald- und Wegebau, die Holzwirtschaft und den Arbeitereinsatz, „wir waren eigentlich die Mädchen für alles im Forst“. Seit der Forstreform vor fünf Jahren sei das anders, „seitdem gibt es Spezialisten“, sagt der Beamte mit dem grauen Bart.
So wie seinen jungen Kollegen Andreas Wurm. Der Forstingenieur wollte „nie der typische Förster in der Holzwirtschaft werden“. Er interessiert sich mehr für Umweltschutz. Drei Jahre ist der technische Mitarbeiter für ein Projekt engagiert. „Wir kartieren deutschlandweit seltene Baumarten. Hier sind wir für fünf Baumarten zuständig, für Wildapfel-Wildbirne, Grau- und Grünerle und die gewöhnliche Traubenkirsche.“ Nach Vorrecherchen fährt er dorthin, wo die Bäume wachsen, nimmt die Parameter auf, notiert Fläche, Vitalität und Durchmesser und gibt alles in eine Datenbank ein. Später wird ausgewählt, welche Bestände genetisch untersucht werden. Der jungenhafte 28-Jährige hat eine Woche in den Allgäuer Bergen gearbeitet und später mit seinem Kollegen Nickel an den Steilhängen der Oberstdorfer Täler Grünerlen kartiert. Danach geht es ins Altmühltal zum Wildapfel. Die zwei Männer ziehen gerne an einem Strang und gemeinsam los. „Wir nutzen Synergieeffekte.“ Zumindest außerhalb der Zapfenerntezeit.
