04.12.2007 · Knethaken und Mischkübel kennen sie noch von früher, die gelernten Konditoren und Bäcker, die in die Chemiebranche gewechselt sind. Geändert hat sich das Material - und die Entlohnung.
Von Sebastian BalzterTorten backt Wolfgang Hüllenhütter immer noch gerne. Aber seine Brötchen verdient er schon lange nicht mehr in seinem Ausbildungsberuf als Konditor. Der 48-Jährige hat umgesattelt: Statt mit Hefe und Mehl, Zucker und Salz arbeitet er heute mit Silizium, statt in der Konditorei in der Chemiefabrik. Er ist einer von vielen Handwerkern, die als Fachfremde beim Silikon-Produzenten Dow Corning in Wiesbaden arbeiten.
"Fachkräfte für die chemische Produktion sind zurzeit schwer zu kriegen", berichtet Elisabeth Ganss, die als Geschäftsführerin bei Dow Corning für die Personalpolitik verantwortlich ist. "Deshalb haben wir nach artverwandten Berufen Ausschau gehalten, die auch nach Rezepturen arbeiten, Zutaten mischen und daran gewöhnt sind, genau auf die Dauer von Produktionsprozessen zu achten." Und nach Wolfgang Hüllenhütters Vorbild, der schon vor 27 Jahren den Schritt von der Nahrungsmittel- in die Chemiebranche gemacht hat, bekamen in diesem Sommer wieder sieben Bäcker und Köche eine Chance bei Dow Corning. "Wir brauchten 36 neue Leute auf einen Schlag. Da haben wir den Filter weit aufgemacht", sagt Ganss.
Der Lohnzettel - ein Schrecken
Beim Wechsel von der Backstube in die Silikon-Küche bleibt für Hüllenhütters neue Kollegen manches vertraut. Sie arbeiten mit Spachteln, Schabern und Rührwerken, die Rohstoffe lagern in weiß bestäubten Papiersäcken, das fertige Gemisch klebt an Knethaken und Walzen wie Hefeteig - nur dass keiner mehr davon probiert. "In der Konditorei haben wir viel mehr nach Gefühl und Erfahrung gearbeitet. Hier müssen wir uns exakt an die Rezepturen halten", erklärt Hüllenhütter. Statt weißer Schürze trägt er jetzt Schutzbrille. Geschockt habe ihn beim Wechsel ein anderer Unterschied. "Ich bin total erschrocken, als ich den ersten Lohnzettel gesehen habe - 550 Mark mehr als in der Konditorei!", erzählt er. "Aber die Personalabteilung hat mich dann aufgeklärt, dass das alles so stimmt."
Es kann sich lohnen, den erlernten Beruf aufzugeben - nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung lassen sich gut 25 Prozent aller deutschen Männer mit dualer Ausbildung auf diesen Schritt ein, 1977 lag die Quote bei nur 18 Prozent. Bei den Frauen ist der Anteil der Wechsler hingegen von knapp 20 auf 16 Prozent gefallen. Gleich welches Geschlecht, meistens ist drohende Arbeitslosigkeit der Anlass für den Wechsel. Ein weiteres Ergebnis: Je weiter der erlernte vom aktuellen Beruf entfernt ist, desto höher das Risiko einer sogenannten unterwertigen Beschäftigung.
„Chemie ist nicht schick“
Für Wolfgang Hüllenhütter und seine Kollegen beim Silikon-Produzenten Dow Corning stand nicht das Risiko, sondern die Chance im Vordergrund: Nach der Umschulung "on the job" und in der Abendschule, nach Einsätzen in Planung, Qualitätskontrolle und Logistik ist Hüllenhütter jetzt Schichtmeister im Lager, im Dow-Corning-Jargon "Teamleader Warehouse". Die Zentrale des Unternehmens, das weltweit 9000 Mitarbeiter beschäftigt, steht in Michigan, und es klingt nach typisch amerikanischer Firmenkultur, wenn Elisabeth Ganss berichtet, dass der Anteil der Angelernten an der Wiesbadener Belegschaft bei satten 80 Prozent liegt. "In der deutschen Chemie ist das so nicht Usus." Wo die Produktion komplexer sei, brauche man eben doch speziell ausgebildete Facharbeiter.
An diesen aber mangelt es in Deutschland. "Wir hören immer wieder, dass es nicht genug Chemikanten gibt", bestätigt Burkhard Jahn vom Bundesarbeitgeberverband Chemie. Rund 6000 Chemikanten werden jährlich ausgebildet. Einen besonders guten Ruf haben weder die Branche insgesamt noch diese dreieinhalbjährige Ausbildung, wie Klaus Hoffmann einräumt. "Chemie ist nicht schick. Das hat was Anrüchiges. Da kann es stinken und brodeln, sie ist vielen daher nicht ganz geheuer", zählt der Europa-Präsident von Dow Corning die gängigen Vorurteile auf. "Deshalb müssen wir uns bei der Rekrutierung etwas einfallen lassen." Im Handwerk stehen die Abwerbe-Chancen gut: Dort sind die Belegschaften von 6,5 Millionen 1995 auf nur noch 4,7 Millionen im vergangenen Jahr geschrumpft. Die chemische Industrie dagegen stellt zumindest in ihren Ballungsräumen kräftig ein, dringend gesucht werden zum Beispiel auch Verfahrenstechniker und Ingenieure im Anlagenbau.
Umsattler mit ordentlicher Einstellung
"Den Filter aufmachen", dieses Motto gilt zurzeit für immer mehr Personalchefs auch in anderen Branchen. "Was für viele Stellen gilt, für die allgemein ein Hochschulabschluss, aber keine bestimmte Fachqualifikation verlangt wird, ist im Prinzip auf allen Ebenen mach- und denkbar", sagt Beate Raabe von der Bundesagentur für Arbeit. In vielen anderen Ländern sei das Umsatteln alltäglich, in Deutschland lege man traditionell mehr Wert auf formale Abschlüsse. Was Unternehmen davon haben können, wenn sie in der Produktion auf Umsattler setzen, beschreibt Burkhard Jahn so: "Die bringen ein anständiges Arbeitsethos mit und sind bei den Kollegen meistens sehr hoch angesehen." Dies spiegele sich in der Entlohnung: "Angestellte und Arbeiter sind in den mittleren Entgeltstufen zusammengeführt. Warum sollten Facharbeiter, die in der Produktion Verantwortung tragen, gegenüber ihren Kollegen mit weißem Kragen benachteiligt werden?"
Finanzielle Gründe haben auch Hüllenhütters Kollegen Martin Dietrich zu Dow Corning gebracht. Er trägt Blaumann und arbeitet an der Abfüllanlage. "Silicone Elastomer Base" steht auf den Dosen, Verfallsdatum: 5. August 2009. "Selbst als Bäckermeister hätte ich schlechte Aussichten gehabt", berichtet er aus seinem früheren Beruf. Eine Leiharbeitsfirma war für ihn das Sprungbrett, um in der Chemiebranche zu landen. Die Arbeitszeiten seien hier trotz Schicht überschaubarer als in der Bäckerei, ergänzt er. Auch Theo Balas nahm den Weg über die Zeitarbeit, um als gelernter Elektriker in die Chemieproduktion zu kommen. Drei Mann hoch ist das grüne Rührwerk, das er bedient, 1000 Liter passen in den Mischkübel. Bei bis zu 110 Grad wird darin Silikonkautschuk gemischt, zwei Stunden dauert das. Später werden daraus einmal Dichtungen und Klebstoffe, Beschichtungen und Fahrzeugteile, Babyschnuller und Backformen hergestellt. "Das war eine Frage des Schicksals", kommentiert er seinen Wechsel zu Dow Corning - und schaut dabei äußerst zufrieden aus.
Das Management teilt das Empfinden offenbar. "Wir erleben oft, dass jemand nach ein paar Jahren in einem anderen Beruf hier einschlägt wie eine Bombe", sagt Elisabeth Ganss. Die zweite Karriere kann dann bis zur Meisterprüfung führen; wer noch weiter klettern will, braucht ein Studium. Auch wenn Wolfgang Hüllenhütter diesen Schritt noch nicht geplant hat, entdeckungsfreudig genug dafür wäre er wohl: Wenn Verwandte heiraten, dann legt er wieder seine alte Konditorschürze an. Aber Mehl und Hefe, das sind nicht mehr seine Materialien, er ist auf Pappmaché umgestiegen. "Damit kann man viel kreativer sein", sagt er. So spannend kann ein Wechsel sein.