06.07.2010 · Thermalwasser, Stollenluft oder Moorpackungen: Badeärzte sind die Kenner der Heilmittel vor Ort. Doch ein neues Jahr Auszeit für die Weiterbildung schreckt den Nachwuchs ab. Jetzt werden Badeärzte in den Kurorten dringend gesucht.
Von Uta Jungmann„Mich fasziniert, wie gut unser schwefelhaltiges Thermalwasser in drei Wochen Kur hilft“, sagt Tobias Albrecht, Allgemeinmediziner in Bad Füssing. In seiner Weiterbildung zum Badearzt hat er vor Ort erlebt, wie Kurpatienten mit Rheuma oder Arthrose langsam wieder weite Wege gingen, und erfahren, dass sie noch monatelang weniger Schmerzen hatten. „So lassen sich Operationen hinauszögern und Schmerzmittel herabsetzen“, fügt er hinzu. „Manche kommen deshalb immer wieder.“
Bald wird der 35 Jahre alte Arzt noch mehr darüber wissen, wie sich Kurmittel bei Beschwerden an Knie, Schulter oder Wirbelsäule einsetzen lassen. Und darüber, ob eine Anwendung besser morgens in der Früh oder abends gemacht werden soll. „Passend zum gesundheitlichen Problem erstellt der Badearzt den Therapieplan“, erläutert Albrecht. „Im richtigen Mix folgt für den Patienten auf Entspannendes immer Anspannendes.“ Also auf das Wohlgefühl im warmen Wasser die Bewegung bei der Gymnastik: Anders als bei der üblichen Wellness gehört bei der Kur die Fitness unbedingt dazu. Was der Badearzt sonst noch beachten muss, lernt er in sechs Kursen mit 240 Stunden Unterricht zur Physikalischen Therapie und Balneologie, etwa zur Wirkweise von Bädern oder Kneipp-Verfahren. „Kurärzte müssen wissen, wie Heilmittel zu dosieren sind und ihre Anwendung in der Kur allmählich zu erhöhen ist“, unterstreicht Jürgen Kleinschmidt, Leiter solcher Kurse und Bäderwissenschaftler an der Universität München. „Das vermeidet Kurstress für die Patienten, und sie werden am Ende wieder belastbar für den Alltag.“
Damit die Badeärzte in einem der 350 deutschen Heil- und Kurorte arbeiten dürfen, kommt zu den Kursen ein Praxis-Jahr hinzu. Seit 2004 muss es faktisch in einer Klinik abgeleistet werden. Früher genügte als Nachweis die Tätigkeit im Kurort, etwa während einer Praxisübernahme. Nun wird das Jahr für niedergelassene Ärzte in der Zusatzausbildung zum Problem. Auch für Peter Petretti: „Ich hatte Lust auf die Kurse, weil ich an Naturheilverfahren interessiert bin“, sagt der Arzt in Bad Belzig. „Aber jetzt müsste ich die Praxis für ein Jahr schließen, um in die Klinik zu gehen, und das ist schwierig.“
Nachwuchs dringend gesucht
Indes droht der Mangel an Badeärzten bereits den Kurorten das Wasser abzugraben. „Wir haben derzeit noch 37 Kollegen am Ort“, sagt Kurdirektor Rudolf Weinberger in Bad Füssing. „Doch es zeichnet sich ab, dass es für die Hälfte der Praxen schwer wird, Nachfolger zu finden.“ Ein Trend, der sich bundesweit fortsetzt: „Von 1024 Badeärzten werden in den nächsten fünf Jahren rund 40 Prozent aus Altersgründen ihre Tätigkeit beenden“, ergänzt Arno Wenemoser, Präsident des Verbandes Deutscher Badeärzte. „Für sie kommt kein Nachwuchs nach.“
Doch in jedem staatlich anerkannten Heil- oder Kurort muss mindestens ein Badearzt tätig sein; in Orten ohne Badebetrieb werden sie übrigens Kurärzte genannt. Kassenpatienten brauchen die Mediziner für einen praktischen Zweck: Sie verschreiben den frei angereisten und untergebrachten Gästen ihre Anwendungen für die ambulante Kur. Kleinere Orte halten sich deshalb schon mit staatlich geduldeten Ausnahmen über Wasser. „Zum Beispiel mit der Zweitniederlassung eines Badearztes aus einem benachbarten Kurort“, berichtet Markus Schneid, Geschäftsführer des Deutschen Heilbäderverbandes.
Zehn solcher Provisorien gibt es schon: Händeringend suchen die Verbände daher nach einer Lösung mit der Bundesärztekammer. „Sonst haben wir bald keine Badeärzte mehr“, warnt Schneid, „und ihr Wissen geht verloren: Nur sie sind mit den ortstypischen Kurmitteln und Heilverfahren wirklich vertraut.“
Solange nicht noch mehr Kurpatienten ins Ausland abwandern und sie lieber auf heimische Heilmittel vertrauen, sieht derweil Mediziner Albrecht gute Chancen für seine Zukunft. Er will die Badearzt-Praxis seiner Eltern übernehmen und hofft, dass sich die Weiterbildung für ihn unterm Strich lohnt. „An unserem Standort ist die Mischung aus haus- und badeärztlicher Tätigkeit reizvoll“, sagt er. „In unsere Praxis kommen je zur Hälfte Einheimische und Kurpatienten.“ Für sein Anerkennungsjahr konnte er zudem eine Einzelfallregelung treffen und je ein halbes Jahr in der örtlichen Rheumaklinik und in der elterlichen Praxis mitarbeiten. Freilich kämpft der künftige Badearzt jetzt mit einem anderen Problem: Ihm fehlen noch drei Kurse der Zusatzausbildung bis zur Prüfung - mangels Teilnehmern werden sie immer wieder verschoben.