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Freitag, 10. Februar 2012
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Autor Kristof Magnusson „Zwischen 30 und 40 muss man brennen“

30.03.2010 ·  Kristof Magnusson ist gelernter Kirchenmusiker. Nun hat er einen Finanzkrisenroman geschrieben und sich damit Bankern in Frankfurt gestellt. Zwei Welten trafen aufeinander.

Von Julia Löhr
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An diesem Abend treffen zwei Welten aufeinander, im Hörsaal Nummer 20 an der Frankfurt School of Finance & Management. Vorne am Stehtisch: Kristof Magnusson, Schriftsteller, in Jeans und Pulli, im Gesicht ein Dreitagebart. Hinten im Auditorium: jede Menge Studenten, Absolventen und Professoren der Hochschule, in Anzug und Krawatte, die Gesichter glattrasiert. Magnusson ist hier, um aus seinem neuen Buch zu lesen. „Der Roman zur Krise“ wird das Buch gerne genannt, weil es darin um einen jungen Banker geht, der seinen Arbeitgeber in den Ruin treibt. „Das war ich nicht“, lautet der Titel.

Magnusson ist ein wenig erstaunt über das große Interesse an seiner Lesung - ausgerechnet hier, am Finanzplatz Frankfurt, ausgerechnet hier, an dieser auf Hochglanz polierten Hochschule, wo Bankernachwuchs ausgebildet wird. Der Eingang sieht eher aus wie eine Firmenzentrale, der Hörsaal ist mit hellem Teppichboden ausgelegt. Magnusson ist seine Nervosität anzumerken. „Ich komme mir gerade so vor, als ob ich auf einem Ärztekongress aus ,Emergency Room' vorlesen soll“, sagt er in die Runde. Die Runde lacht.

Dann geht es los. Eine gute halbe Stunde liest Magnusson aus seinem Roman. Drei Hauptfiguren gibt es. Da ist zum einen Jasper Lüdemann, Händler einer Investmentbank, ein junger Mann mit viel Ehrgeiz und wenig Privatleben, auf der Überholspur des Lebens. Er sagt Sätze wie: „Zwischen 30 und 40 muss man brennen.“ Außerdem Meike Urbanski, eine Übersetzerin aus Hamburg, die mitten in der Midlife-Crisis steckt, aufs Land zieht und sich über ihren Pärchen-Freundeskreis mokiert, der auf Salzmühlen mit Peugeot-Mahlwerk und Weinklimaschränke schwört. Und schließlich Henry LaMarck, ein alternder Bestsellerautor mit plötzlicher Schreibhemmung, auf der Flucht vor seiner Verlegerin und vor sich selbst. Anfangs haben die drei Figuren nichts miteinander zu tun, doch das ändert sich schnell. Die Finanzkrise macht's möglich.

Jasper Lüdemann könnte auch in diesem Hörsaal sitzen

Magnusson ist ein guter Beobachter. Immer wieder lachen die Menschen in dem Raum über das Verhalten und die Gedankengänge des Investmentbankers Lüdemann. Es ist ein Lachen, das sich so anhört, als ob sich die Zuhörer ertappt fühlen. Jasper Lüdemann könnte auch in diesem Hörsaal sitzen - falls er sich trauen würde, seinen Arbeitsplatz schon so früh am Abend zu verlassen. Sehr treffend sei das alles beschrieben, sagt später eine Zuhörerin. Sie könne das beurteilen, sie sei schließlich vom Fach. Magnusson ist erleichtert. Er ist in der Höhle des Löwen, und er wird nicht zerfleischt.

Magnusson ist gelernter Kirchenmusiker, er übersetzt Literatur aus dem Isländischen, der Sprache seines Vaters, und schreibt Komödien für Theater. 2005 hat er seinen ersten Roman veröffentlicht. Warum nun dieses Buch? „Ich stand auch schon mal in einer Bankfiliale, vor mir eine 75 Jahre alte Rentnerin und ein Berater, der ihr Zertifikate aufschwätzte“, berichtet er. Er habe bewusst in diese ihm fremde Finanzwelt eintauchen wollen. Zur Vorbereitung habe er viel gelesen, über die Fehlspekulationen des Société-Générale-Händlers Jérôme Kerviel zum Beispiel, und über Nick Leeson, der die Barings Bank in den Ruin trieb.

Um Jasper Lüdemann möglichst treffend zu beschreiben, hat Magnusson außerdem in Frankfurt recherchiert, mit Professoren der Frankfurt School gesprochen - deshalb auch diese Lesung - und die Händler in einer Bank beim Arbeiten beobachtet. Die ersten Banken, bei denen Magnusson anklopfte, wollten ihn nicht hineinlassen. „In die nächsten Anfragen haben ich dann geschrieben, dass ich die gängigen Klischees vermeiden wollte - etwa Banker, die mit dem Sportwagen aus dem Puff kommen. Da dachten sie dann wohl: Bevor so etwas im Roman steht, lassen sie mich lieber rein.“ Sogar mit einem Vice President habe er gesprochen, sagt Magnusson, doch das Publikum weiß es besser. „Vice President sind alle“, ruft jemand aus den hinteren Reihen. „Na gut“, sagt Magnusson. „Dann war es wohl der Senior Vice President.“ Wieder lacht die Runde.

„Spielen ist schon eine faszinierende Sache“

„Und, waren Sie erschrocken?“, will in der abschließenden Frage-Antwort-Runde einer aus dem Publikum wissen. Er hätte auch fragen können: „Und, sind wir wirklich so schlimm, wie alle behaupten?“ Magnusson überlegt lange, bevor er antwortet. Erschrocken sei er nicht gewesen, es hätten sich schon viele Klischees bestätigt. Wie Banker sich produzieren, wie sie reden, wie viel Fastfood sie essen. Ob er erstaunt gewesen sei, wie selbstverständlich Händler mit immensen Geldbeträgen jonglieren, will jemand anderes wissen. Nein, auch das habe ihn nicht erstaunt, antwortet er.

Am Ende wird klar: Ganz so weit ist Magnusson von seinem Zuhörern gar nicht entfernt. Er habe den Roman auch deshalb geschrieben, weil er als Kind ein begeisterter Schachspieler gewesen sei, und noch heute spiele er mit Begeisterung Backgammon - mit Geldeinsätzen. Ein bisschen Zocker steckt also auch in ihm. „Spielen ist schon eine faszinierende Sache“, sagt er, bevor er mit dem Signieren anfängt. Dieser Satz hätte auch aus dem Mund von Jasper Lüdemann stammen können.

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