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Veröffentlicht: 14.06.2013, 06:00 Uhr

Autisten in der IT-Branche Stille Spezialisten

Manche Autisten haben einzigartige Talente, Arbeit finden die scheuen Einzelgänger aber selten. Eine Ausnahme ist das Berliner Software-Unternehmen Auticon.

von , Berlin
© AFP Am Arbeitsplatz: Die autistische Softwaretesterin Melanie Altrock

Wenn Dirk Müller-Remus erklärt, was seine autistischen Angestellten können und was nicht, dann macht er das gerne am Beispiel eines Rucksacks. Den Rucksack mit dem Firmenlogo schenkt seine Firma Auticon Kunden und Mitarbeitern. Manch ein Kunde, so sagt es Müller-Remus, denke insgeheim sicher, ein bisschen stabiler könnte das Geschenk schon sein. Einige Mitarbeiter halten es da weniger diplomatisch: Sie schauen auf das Firmenlogo und monieren Stickfehler, sie bewegen den Reißverschluss und meckern, der schließe ja gar nicht richtig, und sie stellen das Geschenk schließlich in die nächste Ecke.

Einzigartige Begabung

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Autisten sind eben so, sagt Müller-Remus: geradeheraus und unzugänglich für die Bedeutung von Höflichkeitsfloskeln. Und deshalb in der freien Wirtschaft kaum zu vermitteln - vor allem dann nicht, wenn die Störung aus Scham verschwiegen wird und die Kollegen den neuen Mitarbeiter, der zudem stets alleine Essen geht und unempfänglich ist für einen kurzen Plausch auf dem Flur, für rüde, unkollegial oder desinteressiert halten. Aber, und auch davon erzählt Müller-Remus’ Rucksack-Geschichte: Autisten haben Talente, die sich ein Unternehmen durchaus zunutze machen kann. Ein Nichtautist jedenfalls würde die Mängel im aufgestickten Firmenlogo gar nicht erst erkennen. „Die Leute haben ein eingebautes Qualitätsmanagement“, sagt Müller-Remus, „die können nicht anders, als einen Fehler zu erkennen und zu beheben.“

Es lässt sich nicht pauschal sagen, was Autisten besonders gut und was sie weniger gut können. Müller-Remus jedenfalls stellt bei Auticon Menschen mit Asperger-Syndrom ein, das gemeinhin als leichte Form des Autismus gilt. Asperger-Autisten achten sehr auf Details, können sich lange konzentrieren und zeichnen sich durch ausgeprägtes logisches Denken aus. Oft haben sie zudem ein besonderes Interesse, dem sie sich mit Hingabe widmen, und eine einzigartige Begabung, sei es ein fotografisches Gedächtnis oder ein absolutes Gehör. Mit den Menschen in ihrer Umgebung wissen sie meist aber nichts anzufangen.

Der kleine Fehler in endlosen Zahlenreihen

Dass sie Autistin ist, weiß Melanie Altrock erst seit einem Jahr. Dass sie anders ist, als die meisten anderen, schon fast ihr ganzes Leben. Die Siebenundzwanzigjährige sagt, sie könne das Verhalten von Nichtautisten oft nicht nachvollziehen: „Die Leute machen sich Probleme, die sie nicht haben müssten, mit ihrem ganzen Sozialkrempel, dem Verstellen und diesem Zeug.“ Altrocks Welt ist die der Logik. Mit acht Jahren hat sie sich auf dem Rechner ihrer Eltern selbst das Programmieren beigebracht. Mathematik konnte sie in der Schule nie ausstehen. Um keinen Stress mit den Hausaufgaben zu haben, schrieb sie sich deshalb Programme dafür. Sie brauchte nur noch die Zahlen einzugeben und der Rechner spuckte die richtigen Ergebnisse aus.

Autisten als Software Experten - Die Softwarefirma Auticon in Berlin  beschäftigt ausschließlich Menschen mit autistischer Störung als Softwaretester. Autisten haben häufig eine einzigartige Begabung, haben es auf dem ersten Arbeitsmarkt jedoch schwer. © Lüdecke, Matthias Vergrößern Beschäftigt fast ausschließlich Autisten: Dirk-Müller Remus

Seit einem halben Jahr nun ist Melanie Altrock bei Auticon, wie die andern Mitarbeiter mit autistischer Störung testet sie dort Software. Sie prüft Programme auf Nutzerfreundlichkeit oder sucht Fehler im Quellcode. Sie sucht nach dem kleinen Fehler in endlosen Reihen aus Zahlen und Buchstaben, der dafür sorgt, dass am Ende nichts so geht, wie es soll. Melanie Altrock nimmt die Welt so wahr, dass sie die Nadel im Heuhaufen nicht suchen muss - die Nadel leuchtet geradezu.

Am Anfang stand die Sinnkrise

Die Kunden nehmen die Dienstleistung an. 16 autistische Softwaretester beschäftigt Auticon an den Standorten Berlin, München und Düsseldorf. Weitere Büros in Hamburg, Stuttgart und Frankfurt sind schon geplant. Ende 2015 will Dirk Müller-Remus 100 Autisten beschäftigen. Auch andere Unternehmen in der beständig über Mangel an talentiertem Nachwuchs klagenden IT-Branche haben das Potential mittlerweile erkannt. Jüngst hat der Branchenriese SAP angekündigt, mehrere hundert Autisten einzustellen.

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