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Auslandsposten Auf gut Glück nach Afghanistan

 ·  Etliche Firmen senden Mitarbeiter ohne große Vorbereitung in Krisen-Gebiete, kritisieren Sicherheitsfirmen und Versicherungen. Wie auch sonst? Es gibt kaum Beratungsstellen.

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Verdi fällt nichts zum Thema ein, dem Bund der Auslands-Erwerbstätigen auch nicht. Und viele Firmen tun offenbar wenig dafür, dass ihre Mitarbeiter in gefährdeten und krisenhaften Regionen sicher unterwegs sind. „Zu viele mittelständische Unternehmen bereiten ihre Mitarbeiter nicht vor“, weiß Eckart Achauer, Vorstandvorsitzender der OAFA Auslandsversicherung. Dass vor allem Baukonzerne ihre Mitarbeiter entsenden, ohne sie über Lage und Kultur aufzuklären, erlebt Andreas Bittner, Geschäftsführer des Internationalen Instituts für Interkulturelles Management. Und er meint: „Beim jüngsten Fall der zwei entführten deutschen Bauingenieure in Afghanistan ist klar: die hatten höchstwahrscheinlich kein interkulturelles Training.“

So sieht es auch Alexandra Kanakaris, Geschäftsführerin der ISS International Security School & Services GmbH. Sie bildet in Kooperation mit der I.S.A. Israeli Security Academy Ltd. Personenschützer für den staatlichen und privaten Bereich aus. „Die Männer waren zu einer Zeit an einer Stelle, wo sie nicht hingehörten. Sie sind allein gelassen worden“, sagt Kanakaris. Viele Firmen, bis auf Konzerne, würden naiv denken: „Es passiert schon nichts.“

Achtung: Räuber!

So einen Fall kennt Wilhelm Schifferecker, Geschäftsführer des ECR Service, der Auslandseinsätze von Mitarbeitern organisiert: „Da sendet eine Firma Leute nach China und meint, die schlügen sich schon durch. Weil es keine Führungskräfte sind, investiert man nicht in Betreuung.“ Das sei typisch für die meisten Entsendungen: je wichtiger jemand für seine Firma ist, desto mehr wird er begleitet und vorbereitet. Wie heikel Einsätze sein können, hat Schifferecker als Personalchef einer Ölfirma in Libyen und Ägypten erlebt: „Wir haben unsere Papiere kopiert und mit Geld bei Freunden deponiert oder Fluchtwege festgelegt.“ Teilweise hätte er innerhalb von Stunden Mitarbeiter evakuiert.

Selbst Firmen, die ihre Mitarbeiter in sichere Länder senden, dürfen sich nicht zurücklehnen, sagt Andreas Bittner: „Was ist, wenn es dort ständig Überfälle und Schlägereien gibt?“ In Nairobi könne der Mitarbeiter womöglich abends nicht das Haus verlassen, weil Gangs durch die Straßen ziehen. Und wer keinen Elektrozaun oder Nachtwächter hätte, sei interessant für Räuber. Das alles müsste die Firma beachten und entsprechend für Sicherheit sorgen.

Die erstrecke sich auch auf das psychische Wohl, sagt Katrin Boege, klinische Psychologin am Institut Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung: „Wird jemand beispielsweise Zeuge eines schweren Verbrechens, kann ihn das auf Jahre hin traumatisieren“. Durch die Tsunami-Katastrophe sei etlichen Firmen die Wichtigkeit psychologische Betreuung bewusst geworden. Großunternehmen böten oft eine 24-Stunden-Hotline.

Unternehmer hat Fürsorgepflicht

Handlungsbedarf bestünde auch bei der laufenden Begleitung des Personals, die vernachlässigt würde. Und es werde zu wenig über Krisenmanagement gesprochen: „Wir möchten mehr Seminare dazu machen. Doch aus Gesprächen mit Firmen wissen wir, dass sie befürchten, die Leute damit so zu verschrecken, dass sie nicht mehr fahren“, so Boege.

Passiert jedoch etwas, muss der Arbeitgeber haften, weil er eine Fürsorgepflicht habe, so Reinhold Mauer, Fachanwalt für Arbeitsrecht und rechtlicher Berater von Großunternehmen. Das betreffe die Gesundheit und die Sicherheit am Arbeitsplatz sowie in der Kultur: „Lässt er seinen Mitarbeiter ins Messer laufen, kommt auf ihn je nach Fall Schadensersatz zu.“ Muss beispielsweise ein Ingenieur von heut auf morgen in den Oman reisen, verstößt gegen Gesellschaftsregeln und wird verprügelt, könne er sein Unternehmen dafür belangen. Jedoch dürfe dieses ein gewisses Grundwissen erwarten: Dass Alkohol im arabischen Raum zum Beispiel nicht auf den Tisch gehört, müsse bekannt sein. Verantwortlich ist die Firma auch nicht, wenn sie Geld und Zeit zur Vorbereitung gewährte.

Anders sieht es aus, wenn der Chef über das Auswärtige Amt von Rebellen in Baustellennähe weiß, aber das Personal nicht verständigt. Wird es verletzt oder entführt, haftet er. Warnung und fallweise Rückholung der Belegschaft ist seine Sache. Es seien jedoch keine Fälle bekannt, wo jemand gegen seinen Willen reisen musste oder nicht heimgeholt wurde, so Reinhold Mauer.

Wenig Beratung für Firmen

Die Fürsorgepflicht gelte auch, wenn der Mitarbeiter bei einem längeren Aufenthalt in seiner Privatzeit unterwegs ist, betont Eckart Achauer. „Der Gesetzgeber sagt, dass es ein Recht auf Nutzung von Privatzeit gibt.“ Grund für diese Rechtssprechung sei der Fall eines Mitarbeiters, der in Südamerika abends im Restaurant von einer Bande brutal überfallen wurde. Sein Arbeitgeber zahlte nicht, weil es in der Privatzeit des Mannes passierte. Das Unternehmen musste dennoch haften. Um das zu verhindern, lassen sich viele Freizeichnungsverträge unterschreiben, in denen Arbeitnehmer auf ihre Schadenersatzansprüche verzichten, so Achauer. Genauso üblich sei die Zahlung von Gefahrenzulagen.

Was aber kann eine Firma tun, um für das Wohl der Mitarbeiter zu sorgen? Beratungsstellen gibt es kaum. Berufsgenossenschaften bieten keine Seminare für Krisenmanagement an. Die Handelskammern geben eher wirtschaftliche und politische Informationen raus und veranstalten interkulturelle Trainings.

Erste Anlaufstelle bleibt das Auswärtige Amt, sagen beispielsweise Versicherungen. Amelie Utz, eine Sprecherin des Amtes, mahnt: „Melden Sie sich als Unternehmer oder Mitarbeiter vor Ort bei der deutschen Botschaft.“ Diese nähme Kontaktdaten auf und verständige die Betroffenen im Ernstfall. Allerdings gäbe es keine Meldepflicht. Daher kämen viele erst, wenn etwas passiert. Oder sie melden sich nicht ab, und die Botschaft arbeite alte Adressen ab, was Zeit raube. Im Falle einer Klage orientieren sich die Gerichte aber an den Angaben des Auswärtigen Amtes.

Höchste Alarmstufe für Bangladesh

Eine weitere Informationsquelle ist der wöchentliche Bericht „Security Forecast“ der International SOS Emergency Services GmbH, für die Regionen Amerika, Europa, Mittlerer Osten, Afrika und Asien. Das Unternehmen arbeite eng mit ausländischen Behörden zusammen, so Frank Reuter, Leiter der Abteilung „Business Developement“. Die Infos würden zusammengetragen und für Unternehmen aufbereitet.

In dieser Woche zeigt International SOS zum Beispiel die höchste Alarmstufe für Ost Timor und Bangladesh an. Außerdem wird gemeldet, wo genau es für Ausreisende in Bangladesh gefährlich wird. International SOS rät ihm, sich ständig über lokale Medien informiert zu halten.

„Im schlimmsten Fall evakuieren wir die Leute“, sagt Reuter. Vor knapp sechs Monaten holte sein Unternehmen 350 Leute aus dem Libanon raus. In den letzten drei bis vier Jahren hätten die Anrufe von Unternehmen zugenommen. So werde zum Beispiel ein gepanzertes Fahrzeug als Begleitschutz angefragt. Oder es müssten Tote geborgen werden. International SOS könne zudem verfolgen, welcher Mitarbeiter in welchem Flugzeug sitzt oder in welchem Hotel wohnt. Im Notfall wird er gewarnt. „Die Firmen fragen uns aber auch, in welchem Stadtviertel Mitarbeiter am besten wohnen können oder welche Sektoren sie meiden sollten“, so Reuter.

Unternehmen halten sich bedeckt

Gängige internationale Sicherheitsfirmen bieten das nicht, weiß Lothar Kroheck, Geschäftsführer der Firma Personenschutz & Sicherheitsdienst Kroheck. Sie seien dafür nicht ausgebildet. Alexandra Kanakaris berichtet, dass Unternehmen lieber auf amerikanische und britische Anbieter setzen. Diese arbeiteten mehr Soldaten, die in Kriegen gekämpft haben.

Gefragter sind Versicherungsdienste. Sie bieten teilweise so genannte Jahresschutz-Pakete, die unter anderem eine Hotline zur psychologischen und organisatorischen Betreuung beinhalten. Inkludiert ist meist eine Heimholung der Arbeitnehmer und ständige medizinische Versorgung.

Von den Unternehmen selbst ist wenig zu erfahren. Siemens betont, seine Mitarbeiter schützen zu wollen und gibt daher keine Informationen raus. Osram sagt nicht mehr, als dass die Mitarbeiterbetreuung Sache der Personalabteilung ist. BASF lässt durchblicken, eine Abteilung „Corporate Security“ zu besitzen, in der Spezialisten die Sicherheitslage in allen Ländern und Regionen analysieren, in denen BASF tätig ist. „Den operativen Einheiten werden im Bedarfsfall von BASF Corporate Security umfassende Lageberichte, Reisehinweise und persönliche Beratungsleistungen zur Verfügung gestellt“, so Kathrin Frosch, Sprecherin des Unternehmens. Und man achte auf die Empfehlungen staatlicher Stellen wie dem Auswärtigen Amt.

Die ZF Friedrichshafen AG, Automobilzulieferer in der Antriebs- und Fahrwerktechnik, hat spezielle Personalbetreuer für Auslandseinsätze, erzählt Sprecher Andreas Veil. Reiseländer wären in verschiedene Kategorien eingeteilt - von „keine Einschränkungen“ bis „Reiseverbot“. Je nachdem seien spezielle Genehmigungen und Vorbereitungen notwendig. Für das Verhalten und die Betreuung am Zielort gibt es Empfehlungen und Regeln. Auf dem Vorbereitungsprogramm der Mitarbeiter stünden auch interkulturelle Traininigs. Informationen über Krisensituationen erhielte das Unternehmen direkt von verschiedenen Sicherheitsbehörden.

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