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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausländische Ingenieure Gut qualifiziert, schlecht integriert

 ·  In Deutschland sind ausländische Ingenieure gern gesehen. Doch oft fällt die Integration schwer - viele zieht es zurück in die Heimat. Dabei könnten die Betriebe das vermeiden.

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Der schlimmste Kulturschock für Kishore Angrishi war die Wurst. „Wir Inder können uns absolut nicht vorstellen, wie man ungekochtes und kaum gewürztes Fleisch essen kann“, sagt er. „Dann kam ich nach Deutschland und sah sogar Kleinkinder mit diesen Mini-Salamis – einfach grauenhaft!“ Auch sonst musste Angrishi vieles lernen. „Zum Beispiel wusste ich nicht, dass Schnee kalt ist“, erzählt er. „In den Bollywoodfilmen laufen die Schauspieler immer in T-Shirts im Schnee umher.“

Der Elektronik- und Messtechnikingenieur kam 2001 aus dem indischen Chennai nach Hamburg. Ursprünglich wollte er nur für zwei Jahre bleiben und sein Masterstudium in Deutschland absolvieren. Doch parallel ergaben sich Arbeitsmöglichkeiten und fand sich ein Doktorvater für eine spannende Promotion. So wurde Angrishi einer der wenigen ausländischen Ingenieure, nach denen auf dem deutschen Arbeitsmarkt so dringend gesucht wird, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Zehn Jahre ist er jetzt schon hier. Aktuell arbeitet er in der universitären Forschung; aus der Unternehmenswelt gibt es ein attraktives Angebot eines Telekommunikationskonzerns. Ob er es annimmt? „Mal sehen.“

Angrishi hat immer wieder damit geliebäugelt, zurück nach Indien zu gehen. Zum einen, weil ihm die boomende Wirtschaft dort sehr attraktive Jobs anzubieten hätte. „Zum anderen ist es in Deutschland extrem schwierig, private Kontakte zu knüpfen.“ Zwar hat Angrishi mit der Zeit Deutsch gelernt. Wohler fühlt er sich aber noch immer im Englischen. Damit kam er in Arbeitssituationen auch meist gut zurecht, nicht immer aber mittags in der Kantine oder abends in der Kneipe. „Lange hatte ich gar kein soziales Leben hier“, erzählt er. „Es gab nur die Uni oder den Betrieb und wenn ich dort raus ging, war ich allein.“

Mit der Zeit ist das besser geworden, aber noch immer sind es oft andere Expats und indische Landsleute, mit denen er sich an indischen Feiertagen trifft oder am Wochenende ausgeht. Ein weiterer Grund für Frust war auch die deutsche Bürokratie: Probleme beim Ausländeramt, Papierkram für die Aufenthaltsgenehmigung. „In jedem Bundesland gibt es andere schwer verständliche Gesetze.“ Letztlich hat ihn seine Frau überzeugt, weiter in Deutschland zu bleiben. „Sie ist auch Inderin, hat aber lange in Amerika gelebt und mag Deutschland lieber. Sie steckt mitten im Studium und will hier nicht weg.“

Integration geht nicht von allein

Edda Currle, Migrationsforscherin an der Universität Bamberg, kennt solche Geschichten gut. „Lange Zeit dachten die meisten Deutschen, dass sich hoch qualifizierte Einwanderer schon irgendwie von selbst integrieren würden“, sagt sie. „Deshalb war das bis vor Kurzem auch in der Forschung kaum ein Thema. Doch seit Fachkräftemangel, Blue Card und demographischer Wandel die politische Diskussion bestimmen, sprießt ein Forschungsprojekt nach dem anderen aus dem Boden.“ Noch immer beruhten viele Erkenntnisse eher auf qualitativen Interviews denn auf quantitativen Daten. „Dennoch kann man schon sagen, dass es ein paar Dinge gibt, die Betriebe und Forschungseinrichtungen tun könnten, um ausländische Ingenieure zu gewinnen und zu halten.“

Das fange mit Sprachkursen an, selbst wenn bei der Arbeit nur Englisch gesprochen wird. „Denn wer versucht, sich in Deutschland komplett auf Englisch durchzuwursteln, ist oft sozial völlig abgeschnitten.“ Außerdem könne sich der Betrieb um Stellen für die Ehepartner kümmern und bei der Schulwahl oder Betreuung der Kinder helfen. „Dass sich die Familie wohl fühlt, ist wichtig, damit der neue Mitarbeiter dauerhaft bleibt.“ Unternehmen könnten zudem in praktischen Dingen unterstützen. „Zum Ausländeramt oder zur Bank begleiten, den Mietvertrag übersetzen – das sind kleine Angebote, die Großes bewirken können.“

Mit der Mentorenfamilie ins Kino

Adarsha Kanchana kann das bestätigen. Wie Kishore Angrishi stammt der 30 Jahre alte Mikroelektronikingenieur aus Indien. Auch er kam er zum Masterstudium nach Deutschland, erhielt aber schnell Kontakt zur Arbeitswelt und ist mittlerweile beim Fahrzeugteilehersteller Brose beschäftigt. „Das soziale Leben in Deutschland habe ich früh mit Hilfe einer Mentorenfamilie kennengelernt“, erzählt Kanchana. Die vermittelte ihm ein Stipendienprogramm des Northern Institute of Technology, an dem er studierte.

„Diese Mentorenfamilie lud mich regelmäßig zum Essen ein, wir gingen ins Kino oder machten Ausflüge. Sie behandelten mich wie ein Familienmitglied.“ Das sei sehr hilfreich gewesen, um in Deutschland Fuß zu fassen – „und es ist eine tiefe Freundschaft daraus entstanden.“ Seine Firma nahm ihm außerdem viel Papierkram ab. „Für meine Arbeitserlaubnis musste ich selbst kaum etwas tun“, erinnert er sich.

„Willkommenskultur“ ist eher die Ausnahme

Eine solche „Willkommenskultur“ sei in Firmen aber noch die Ausnahme, sagt Grit Grigoleit, die an der Technischen Universität Hamburg Harburg zum Thema Integration hochqualifizierter Migranten forscht. Viele große Konzerne hätten zwar bereits Kurse und administrative Hilfen im Angebot. „Doch oft sind das so genannte Relocation Programme, die sich ausschließlich an Mitarbeiter wenden, die innerhalb des eigenen Konzerns nach Deutschland versetzt werden“, bemängelt sie. „Sinnvoll wäre es, solche Angebote für Migranten, die von außen angeworben werden, zu öffnen.“ Die formelle Anerkennung der ausländischen Abschlüsse, die derzeit sehr stark im Fokus der Diskussion stehe, sei für Ingenieure dagegen oft gar nicht so entscheidend. „Viele kommen über Praktika in den Beruf oder zeigen ihr Können während der Probezeit“, sagt Grigoleit. Anders als in anderen Berufen bekämen Ingenieure oft die Gelegenheit, unabhängig vom formellen Abschluss mit ihrer Leistung zu punkten. Wie eine breite Integrationshilfe aussehen kann, wissen die Mitarbeiter von Siemens. „Wir bieten jedem ausländischen Ingenieur, der zu uns kommt, einen Deutschkurs an“, berichtet Maria Vogel, die in der zentralen Forschungsabteilung des Konzerns für das Recruiting verantwortlich ist. Außerdem kümmere sich eine externe Agentur um Wohnungssuche, Aufenthaltserlaubnis, Einschulung der Kinder und Umschreibung des Führerscheins. Zusätzlich gibt es firmeninterne Integrationskurse. Der Leiter des sogenannten „Learning Campus“ Robert Gibson versucht dort, den Ingenieuren möglichst die Kompetenzen zu vermitteln, die sie im beruflichen und privaten Alltag am nötigsten brauchen. „In Rollenspielen oder Fallstudien geht es zum Beispiel um Fallstricke bei der Kommunikation in internationalen Teams“, erklärt er. Nicht nur die ausländischen Kollegen werden geschult, in vielen Kursen sind auch die deutschen Mitarbeiter dabei. Zu einigen Veranstaltungen kommen auch die Ehepartner der Neuankömmlinge mit. „Dort lernt die Familie dann etwa die Funktionsweise des deutschen Schul- oder Gesundheitssystems.“

Mikhail Roshchin, IT-Ingenieur und Spezialist für künstliche Intelligenz hat von den Integrationsanstrengungen des Konzerns profitiert. Er kam 2002 mit einem DAAD-Siemens-Stipendium nach Deutschland, um einen zweiten Master zu machen und arbeitete auch bald darauf im Siemens-Konzern als Werks- und Promotionsstudent. Heute ist er in der zentralen Forschungsabteilung von Siemens tätig. „Mir war sehr wichtig, dass ich auch meine damalige Freundin und heutige Frau mit nach Deutschland bringen konnte“, erzählt er. Da beide das gleiche studiert hatten, fragte er an, ob auch für beide ein ähnliches Stipendium möglich sei. Der Plan ging auf: Siemens engagierte das Paar im Doppelpack. Auch von einem Deutschkurs, den das Unternehmen ihm anbot, hat Roshchin profitiert. „An der Uni hatte ich viele internationale Freunde“, erinnert er sich. „Wir haben untereinander nur Englisch gesprochen. Mein Deutsch zu üben und zu verbessern habe ich damals oft vermisst.“ Heute kann er dagegen mit allen Kollegen fließend auf Deutsch kommunizieren. „Und inzwischen habe ich auch einen richtigen deutschen Freundeskreis.“

Das Ausgeschlossensein im Kollegenkreis bleibt ein Problem

Mit kulturellen Unterschieden hatte aber auch er immer wieder zu tun. „Die Deutschen sagen viel direkter als die Russen, was sie denken“, hat er festgestellt. Ein Umstand, den er sogar sehr zu schätzen gelernt hat. Ganz ähnlich wie das traditionell deutsche Essen. „So eine fettige Schweinshaxe hat mich anfangs richtig überfordert. Heute mag ich sie sogar sehr gern.“

Die Forscherin Grit Grigoleit hat dagegen in ihren Interviews solche Erfolgsgeschichten nur selten zu hören bekommen. Es gebe noch immer allerorten das Problem des Ausgeschlossenseins im Kollegenkreis. „Da gibt es einfach jede Menge Vorurteile. Zum Beispiel wird gern darüber getratscht, dass ein russisches Diplom angeblich nichts wert sei. Eine andere Hautfarbe oder ein ungewohntes Aussehen führen auch immer wieder zu Diskriminierung.“ Gerade weibliche Ingenieurinnen aus dem Ausland würden zudem oft wegen ihres Kleidungsstils schief angesehen. „Stellen Sie sich nur mal eine hochqualifizierte Ingenieurin aus Russland mit Goldschmuck und Stöckelschuhen in dieser Männerdomäne vor“, sagt Grigoleit. „Der wird gern voreilig die Kompetenz abgesprochen.“ Auch Edda Currle aus Bamberg ist sich durchaus unsicher, ob die Mehrheit der Betriebe schon die Zeichen der Zeit erkannt hat. „Der demographische Wandel ist ein schleichender Prozess“, sagt sie. „Noch denken viele, sie könnten einfach ohne ausländische Fachkräfte weitermachen und warten ab. Bis es irgendwann zu spät ist.“

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Jahrgang 1980, Redakteurin in der Wirtschaft.

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